Designer Von der Krise geküsst

Unberechenbar, genial, exzessiv: Marc Jacobs gilt in der Modebranche als größter Designer des Jahrzehnts. Jetzt ist er in der Midlife-Crisis und erschafft sich neu

Der Laufsteg ist noch in seiner Schutzfolie aus Plastik verpackt, als plötzlich Marc Jacobs die Bühne betritt und energisch ins Publikum ruft: "Würden Sie jetzt bitte Platz nehmen, wir wollen mit der Show beginnen". Wenig später wird das Licht gedimmt, und die Louis-Vuitton-Frühjahrsschau in Paris kann fast ohne Verzögerung beginnen.

Ein Defilee, das pünktlich anfängt – das ist eine der wirklich großen Extravaganzen der Modewelt. Üblicherweise lassen die Designer ihr Publikum eine gute Stunde warten, und so ist klar, dass Jacobs mit seinem Satz mehr sagt als bloß, dass es gleich losgeht. In Wirklichkeit wendet er sich in diesem Augenblick nur an eine einzige Person – an Suzy Menkes, die mächtige Modekritikerin der International Herald Tribune . Die übrigen paar Hundert Anwesenden im weißen Zelt des Louvre-Hofes sind kaum mehr als Statisten bei der öffentlichen Versöhnung des Stardesigners mit der Starkritikerin.

Natürlich wäre es viel einfacher gewesen, der drahtige Mann mit der hundehalsbanddicken Kette im Hemdausschnitt hätte der Dame mit der charakteristischen Haartolle über der Stirn einfach die Hand geschüttelt. Aber so funktioniert das in der Modewelt nicht. Die Kommunikationswege dieser hysterischen Branche sind indirekt und verschlungen. Wer die Chiffre des Jacobsschen Auftritts vor anderthalb Wochen in Paris verstehen will, muss eine Geschichte kennen, deren Anfang eine Weile zurückliegt. Es ist nicht nur die Geschichte eines kleinen giftigen Streits, sondern auch die der Midlife-Crisis von Marc Jacobs.

Der kleine giftige Streit begann bei den Herbstschauen in New York, vor einem halben Jahr. Marc Jacobs schickte mit zweistündiger Verspätung derangierte Models über den Laufsteg. Aus Kleidern, die aussahen, als seien sie noch nicht fertig genäht, hing nachlässig Unterwäsche heraus. Wohlmeinende Stimmen mutmaßten Jacobssche Gesellschaftskritik und stellten eine Verbindung zu Britney Spears und den Kehrseiten des Prominentenkults her.

Suzy Menkes schrieb einen flammenden Verriss über Marc Jacobs "Freak-Show", eine "schlechte und traurige Vorstellung", die alles symbolisiere, was derzeit falsch laufe in der Modewelt: zu viel Rummel, zu wenig überzeugende Ideen. Menkes vergaß auch nicht, die ärgerliche Wartezeit zu erwähnen, was Jacobs kontern ließ, sie habe nicht seine Entwürfe, sondern die Umstände ihrer Präsentation beurteilt. Es folgte ein grotesker Kleinkrieg zwischen dem Designer und der Kritikerin, der in der Anschuldigung gipfelte, er habe ihr zwei Wochen später in Paris bei der Louis-Vuitton-Show die Zunge herausgestreckt.

Ein Designer, der sich wie ein trotziges Kind gebärdet – das kenntnisreiche Publikum wusste sofort die passende Diagnose zu stellen: Marc Jacobs befindet sich in einer Sinnkrise. Es gab schließlich noch mehr Indizien. Lange hatte man Jacobs wahrgenommen als einen, den die Grunge-Szene bis zum prestigereichen Posten als Chefdesigner von Vuitton hochgespült hatte und der sich selbst gern eine Spur ungepflegter und nachlässiger inszenierte als in der Branche üblich. Jacobs war stets der pummelige Nerd mit Pferdeschwanz und riesiger Krankenkassenbrille gewesen – ein verschrobener Typ, der sich am Ende seiner Schauen linkisch und irgendwie scheu auf dem Laufsteg verbeugte. Man hatte von Drogenexzessen, Alkoholsucht und Entziehungskuren gehört.

Und dieser Mann redete auf einmal vorzugsweise über seinen Körper und die Umstellung seiner Ernährung. Der notorische Presseverweigerer (auch wiederholte Anfragen des ZEITmagazins blieben ohne Resonanz) gab Interviews in zwei Schwulenmagazinen. Er erzählte, wie er seine Homosexualität als Jugendlicher im Zeltlager entdeckte und dass er gerne einen festen Freund hätte, aber leider keinen finde. Er ließ sich oben ohne für das Männer-Hochglanzmagazin Arena Homme Plus fotografieren und beim Training im Fitnessclub für die Szene-Bibel V-Man .

Inzwischen scheint es, als würde jeder neue Muskel in einem anderen Magazin gefeiert. Marc Jacobs, erfahren wir, lässt sich alle zwei Wochen die Haare schneiden und trainiert jeden Tag mindestens zwei Stunden im Gym. Sein Personal Trainer heißt Easy und begleitet ihn auch auf Reisen. Der neue Marc nimmt über den Tag verteilt mehrere kleinere Mahlzeiten zu sich und ernährt sich ohne Mehl, Zucker, Milchprodukte und Koffein. Er schätzt Früchte wie Mangostan oder tibetanische Goji-Beeren ihrer bioaktiven Polyphenole wegen. Er sagt: "Man kann wohl behaupten, ich hätte eine Midlife-Crisis. Aber ich genieße sie."

Natürlich ist die Midlife-Crisis von Marc Jacobs nicht die Krise irgendeines 45-Jährigen. Es ist eine sehr öffentliche Krise. Rick Owens, ein Designerkollege, der in Paris mit Jacobs im selben Gym trainiert und den wir in seinem Atelier besucht haben (siehe Seite 58), stellt fest: "Er lässt sich jetzt diese ganzen seltsamen Tattoos machen: das kleine Mädchen aus dem Film Poltergeist, das französische Wort Oui, die M&M-Figur… Wenn man sich tätowiert, will man sich als jemand ausweisen. Sich identifizieren in der Welt durch die tätowierte Botschaft. Meistens macht man das, wenn man jünger ist und noch nicht viel darstellt. Man verwendet die Tätowierung gewissermaßen als Hilfsmittel. Der Letzte in dieser Welt, der sich noch identifizieren muss, ist meiner Meinung nach Marc Jacobs. Ich meine, dieser Mann ist ein globaler Markenname!"

Tatsächlich ist Marc Jacobs der herausragende Designer dieses Jahrzehnts. Er denkt global – für Louis Vuitton kooperiert er mit dem japanischen Künstler Takashi Murakami; er bezieht sich auf Designer wie Yohji Yamamoto und den Belgier Martin Margiela. In seinen Entwürfen spiegeln sich New York, Paris und Japan, Kunst, Musik und das Internet. Seine Ästhetik ist unberechenbar und setzt sich collagenhaft aus scheinbar widersprüchlichen Elementen zusammen: schön und hässlich, perfekt und verzerrt. Die Grundlage von Jacobs Designphilosophie ist eine gebrochene Schönheit. "Vielleicht ist es so scheußlich, dass es schon wieder schön ist" – das ist ein typischer Satz von Jacobs, wenn er eine seiner Schöpfungen betrachtet. Seine Mode wirkt oft, als spiele ein Kind mit der Garderobe seiner Mutter Verkleiden. Als entwerfe der Designer aus der Perspektive eines kleinen Mädchens, das sich schick machen will. Seine Kollektionen karikieren Elemente zeitgenössischer Kultur auf eine Art, die allenfalls noch Miucca Prada beherrscht.

Jacobs und Prada gehören zu den wenigen Designern, die von einer Saison auf die nächste den Stil ihrer Kollektion radikal ändern können, ohne dabei ihre Handschrift zu verlieren. Beide sind Ikonen des internationalen Modebetriebs, die sich aber gleichzeitig als Außenseiter positionieren, indem sie die Exzesse der eigenen Branche in ihrer Arbeit thematisieren. Jacobs’ aktuelle Werbekampagne für sein eigenes Label zum Beispiel, wie immer von Jürgen Teller fotografiert, stellt Victoria Beckham in den Mittelpunkt. Zu sehen sind ihre Beine, die weit gespreizt aus einer riesigen Marc-Jacobs-Tasche herausragen. Es wirkt wie Sabotage, ausgerechnet die Personifizierung von Konsumhörigkeit und schlechtem Geschmack für die eigenen Luxusprodukte werben zu lassen. Und es ist ziemlich lustig.

Cathy Horyn, Modekritikerin der New York Times , sieht Marc Jacobs nicht in einer Krise, sondern "am Anfang einer neuen, sehr interessanten Fünfjahresperiode". Länger als fünf Jahre, sagt sie, könne kein Designer eine derart kontrovers beurteilte Spitzenposition aufrechterhalten: "Du brennst aus, und jemand aus der jüngeren Generation rückt nach."

Horyn führt in der Times einen Mode-Blog. Kein populäres Stadtmagazin, keine überregionale Zeitung, sondern ausgerechnet diesen Blog einer gut informierten Nischenkommune wählt der Stardesigner Jacobs, um seine Version der "Zungen-Affäre" aus Paris richtigzustellen. Am 9. Oktober 2007 um 1.29 Uhr nachts posted er: "Ich habe Suzy Menkes NICHT meine Zunge herausgestreckt… Ich habe eine Grimasse gezogen, weil ich glücklich war, dass wir am Ende einer anstrengenden und arbeitsintensiven Saison angekommen sind. Ich bin weder bescheuert noch kindisch oder rachsüchtig. (…) Come on guys, give me a break!!!!!"

Er habe Menkes die Hand hingestreckt, schreibt Jacobs, indem er ihr vor der Show ein T-Shirt und eine "nette Karte" auf den Sitzplatz habe legen lassen. Das T-Shirt ist mit einer Karikatur bedruckt und von Lesage – einer berühmten Pariser Firma für Luxushandwerk – bestickt. Die Karikatur zeigt einen Kritiker, der einem Designer den Hals umdreht.

Marc Jacobs hat seine eigene, sehr hintergründige Art von Humor. Jedes Jahr im Dezember veranstaltet er in New York eine Kostümparty. Es ist die Weihnachtsfeier seiner Firma, zu der alle Angestellten aus den USA eingeflogen werden. Vor allem ist die Party das Ereignis der New Yorker Kreativszene. Die Ausstattung ist stets exzentrisch. Es regnet goldenes Konfetti oder Federn, alle geben sich mächtig Mühe mit den Kostümen, und die Atmosphäre ist "sexuell zügellos", wie das New York Magazine anerkennend feststellte.

Einmal erschien der Designer in einem rosa Plüschkostüm als "Wilbur the Pig". Beim letzten Fest, Thema "Arabian Nights", ging Jacobs als Kamel – genaugenommen als zweizehiger Fuss eines Kamels, was seiner Liebe zum Detail entspricht. Im Vorjahr, zur "Nacht in Venedig", hatte er sich ein opulentes Taubenkostüm aus hellblauen Federn schneidern lassen. Weil er mit seinen großen Flügeln in kein Taxi passte, wurde der Designer in einem leeren Umzugswagen zur Party gebracht.

Der Moment, wie die Taube Jacobs dort eintrifft, ist in dem Dokumentarfilm Marc Jacobs & Louis Vuitton festgehalten. Man sieht Marc Jacobs auf dem Bürgersteig herumwatscheln, immer wieder fragt er in die Runde: "Erkennst du mich?" Jacobs freut sich wie ein Kind, wenn jemand stutzt, dann ruft er stolz: "Ich bin Marc!" Es ist eine rührende Szene, die eine Ahnung davon gibt, wie unmittelbar und ungekünstelt diese Person ist. Und wie wichtig es Marc Jacobs ist, Reaktionen hervorzurufen mit dem, was er tut.

Regisseur Loïc Prigent, der den Film letztes Jahr für arte gemacht hat, durfte Jacobs über Monate hinweg beobachten. Auf die Frage, wie sich sein Bild von Jacobs durch die Dreharbeiten verändert hat, sagt Prigent: "Was mich überrascht hat, ist die totale, eindeutige, ungespielte Offenheit von Marc Jacobs. Er spricht über alles Mögliche – den Preis seines neusten Kunstwerks von Ed Ruscha, sein Gefühlsleben, eine Idee, sogar dann, wenn sie auf einen anderen Designer zurückzuführen ist. Nichts hält er zurück. Er tut das nicht aus Gleichgültigkeit oder Gedankenlosigkeit, das Gegenteil trifft zu. Er hat einfach keine Angst. Marc Jacobs ist der furchtloseste Designer, den ich bislang in dieser Branche kennengelernt habe."

Wie sehr Jacobs im Moment lebe, berichtet Prigent, habe er gemerkt, als er ihm den fertigen Film vorführte. "Er reagierte sehr emotional. Ich meine, sehr emotional. Als ich ihn nach dem Grund für seine Tränen fragte, meinte er, er habe bereits so vieles vergessen, was im Film gezeigt werde, und es rühre ihn, das alles wiederzusehen." Nur vier Monate lagen zwischen dem Abschluss der Dreharbeiten und der Vorführung. Eine Ewigkeit im Leben von Marc Jacobs.

Prigents Film ist das beeindruckende Porträt eines Designers, der zwei scheinbar gegensätzliche Pole bedient: Bei seinem eigenen, in New York ansässigen Label steht Jacobs Name für unangestrengte Flohmarktästhetik und Avantgarde. Seine Arbeit für Louis Vuitton in Paris, wo er 1997 als Chefdesigner angeheuert wurde, ist geprägt von den Bedingungen eines Weltkonzerns. Im Gegensatz etwa zu Karl Lagerfeld und John Galliano gelingt es Marc Jacobs, mit der eigenen Linie genauso erfolgreich zu sein wie mit jener des Modeimperiums.

In New York arbeitet Marc Jacobs in einem sehr überschaubaren Rahmen und greift auch mal selbst zu Schere oder Bügeleisen. Die Arbeit in Paris besteht aus Teambesprechungen und repräsentativen Auftritten, sie wird beherrscht von Kontrolle und Kompromissen. Dafür macht Louis Vuitton das Unmögliche möglich: Der Konzern lässt für eine Modenschau in Tokyo eigens eine Halle errichten und eine komplette Mannschaft einfliegen, um dem japanischen Publikum das etwa zehnminütige Defilee aus Paris vorzuführen. Und wenn der Designer aus vier alten Taschenmodellen ein neues zusammenstellt, macht es nichts, wenn zahllose Nähmaschinen bei der Herstellung dieser komplexen "kubistischen" Tasche kollabieren, die später für einen Ladenpreis von 30.000 Euro verkauft werden wird. Diese Preise sind wie Aktienkurse, und man kann davon ableiten: Marc Jacobs steht so hoch im Kurs wie noch nie.

Einmal sieht man Marc Jacobs im Film, wie er nach seiner Schau in New York erschöpft im Fond eines Wagens sitzt. "This is insane", sagt er immer wieder, "so much praise." Verrückt findet er das ganze Lob, mit dem er überschüttet wird, und er scheint zu ahnen, dass man diese Droge nur mit allergrößter Vorsicht konsumieren darf: "Ich glaube nie, was die Leute reden."

Auch nach der Show in Paris kommen Marc Jacobs Freunde hinter die Bühne, um ihn zu beglückwünschen – die Regisseurin Sofia Coppola, die Schauspielerinnen Maggie Gyllanhaal und Lucy Liu, der Rapper Kanye West – und Jacobs fragt sie alle staunend: "Hat es dir gefallen? Wirklich?" An den Ohrläppchen des neuen Marc Jacobs funkeln Brillanten, die neuen Muskeln spannen sich unter seinem superschmalen Anzug, und seine soeben präsentierte Kollektion schien wohlproportionierter, polierter und perfekter als alles, was er bisher gezeigt hatte.

Suzy Menkes wird in ihrer Kritik am nächsten Tag die "neue Silhouette" seiner Kollektion loben und sich an die kühne Architektur der achtziger Jahre erinnert fühlen.
Von Krise keine Spur.

 
Leser-Kommentare
  1. Höret, höret, neue Wunder: Der Herr "erschafft sich neu". Geht's nicht vielleicht eine Nummer kleiner?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service