Der Name, ein Versprechen: Montevideo, Hauptstadt von Uruguay. Vom Wind gezaust, vom Wasser belagert, von der Sonne gegerbt. Eine Hafenstadt ohne jede Eitelkeit. 1,3 Millionen Einwohner, eine Million Bäume, verteilt auf eine hässliche Front zum Meer, auf großzügige Alleen und heruntergekommene Straßen.

Europäer sind angetan von der Stadt, die klein und unscheinbar neben der großen Schwester Buenos Aires liegt. In der Pferdekutschen den Puls angeben, dunkle Barstuben jahrhundertealte Geheimnisse hüten und Männer den Thermoskrug, aus dem sie zu jeder Stunde ihren Matetee aufgießen, zärtlich wie ein Baby herumtragen. Die Europäer genießen die raue Melancholie der Einwandererstadt, die freundlich und offen ist gegenüber den Fremden, aber misstrauisch gegenüber den Moden, die sie mitbringen.

Kürzlich erst haben die Bewohner Uruguays den Versuch ihrer Regierung abgeschmettert, nach dem Vorbild Argentiniens staatliche Einrichtungen wie Post und Telefondienst zu privatisieren. Und auch ihre Hauptstadt zeigt sich bisher resistent gegen die gleichmacherischen Folgen der Globalisierung. Kaum eine Luxusmarke hat in Montevideo ihren Ableger, kein Label verschwendet Geld für große Werbeplakate. »Du bist das Buenos Aires, das wir einmal hatten und das sich mit den Jahren leise davongemacht hat«, so schrieb der Argentinier Jorge Luis Borges über Montevideo.

Es fehlt allerdings nicht an Leuten, die behaupten, die Standhaftigkeit habe wenig mit dem Charakter der Stadt zu tun, aber viel mit ihrer Armut. Montevideo hat seine besten Jahre hinter sich, der Traum von sozialem Fortschritt und sozialem Frieden ist in Uruguay lange ausgeträumt, und möglicherweise verbirgt sich hinter der reizenden Melancholie Montevideos, hinter dem menschlichen Tempo und dem sympathischen Hang zu ausgedehnten Ruhepausen eine tiefe Depression. Auch dagegen haben die Einheimischen ihre Mittelchen gefunden.

Eines heißt medio-medio, gemischt aus trockenem Weißen und süßem Schaumwein. Ein anderes ist der international berühmte Rotwein aus der Tannatrebe, die ein Einwanderer einst aus Frankreich mitgebracht hat. Und wenn das alles nicht hilft, gibt es noch den grappamiel, einen mit Honig gesüßten Grappa.

Es fehlt auch nicht an Einrichtungen, um sich damit das Herz zu erwärmen, Kneipen, alte Hotelbars, Gaststuben, die kein Designer je angerührt hat. In der Altstadt liegt die Bar Fun Fun, wo vor Jahren Carlos Gardel seinen Tango sang und wo seine Lieder bis heute weiterleben, in einem Musiker, der abends sein Akkordeon auspackt, in einem alten Paar, das wie verzaubert zwischen den Holzstühlen tanzt.

Der Tango wurde an den Ufern des Rio de la Plata erfunden. In der Nachbarstadt Buenos Aires wird der Tanz als touristische Attraktion wiederbelebt. In Montevideo lebt er weiter. Im Fun Fun oder in der Bar Iberia, in der vor fünfzig Jahren russische Seeleute jeden unter den Tisch soffen. Und dann gibt es am Ende der Straße Sarandi noch die Spelunke von Neves Fraga. Gegen siebzig geht die Frau, seit 1972 steht sie an der Theke, die zugleich ein Laden ist für allerlei Fischereiartikel. Sie verkauft auch Köder für die Fischer, und wenn sie die paar verkrümmten Sardinen in der Auslage bis abends nicht los wird, frittiert sie das Zeugs für den eigenen Gebrauch.