Carlitos Páez hatte noch nie den Schnee gesehen, als er in die kleine Militärmaschine stieg. Er war 18 Jahre alt, lebte in Uruguay, wollte mit seinen Freunden nach Chile, zu einem Rugbyspiel. Im Elternhaus hatte er noch ein Kindermädchen. Wenn er im Bett frühstücken wollte, musste er nur rufen.

35 Jahre später steht Carlitos Páez an einem Rednerpult in einem Fünfsternehotel in Montevideo, der Hauptstadt Uruguays. Er hat die Haare zurückgegelt. Vor ihm sitzen 70 Unternehmer und Manager, alle Mitglieder der Schweizer Handelskammer in Uruguay. Ein Namensschild braucht Páez nicht. Man kennt ihn und seine Geschichte. Den Flugzeugabsturz. Die Sache mit der Menschenfresserei.

Das Publikum ist gekommen, um einen der Überlebenden zu sehen. »Los sobrevivientes« nennt ganz Uruguay die 16 Männer, die im Herbst des Jahrs 1972 zwei Monate lang in den Anden verschollen waren, tot geglaubt und betrauert, bis sie am 22. Dezember zurückkehrten.

Der schwere geblümte Teppich dämpft alle Geräusche. Sogar das Stühlerücken ist lautlos, das Licht gedimmt. Der Beamer wirft Filmausschnitte aus dem Hollywoodfilm Alive auf eine kleine Leinwand: 45 gut gelaunte Passagiere, darunter Carlitos, an Bord eines kleinen Flugzeugs, Typ Fairchild. Turbulenzen. »Bitte anschnallen, das Flugzeug tanzt gleich ein bisschen«, sagt der Steward. Dann schlägt die Maschine auf einen Fels auf, zerbricht in zwei Teile. »Ein brutaler Lärm«, sagt der Carlitos Páez auf der Leinwand in einem Interview, »und dann plötzlich Stille.« Dann wieder Filmausschnitte: Der vordere Teil, in dem Carlitos und seine Freunde sitzen, fällt auf eine glatte Schneefläche, rutscht ins Ungewisse. Carlitos betet das Ave-Maria. Als er das »Amen« erreicht, bleibt das, was vom Flugzeug übrig ist, wie durch ein Wunder stehen.

Nicht ein Laut ist im Vortragssaal des Hotels zu hören. Páez und seine Assistentin stehen am Rand, neben den Plakaten, die für die Sponsoren des Vortrags werben, und beobachten das Publikum. Das sieht auf der Leinwand nun die Überlebenden frieren, auf 4.200 Meter Höhe, bei minus 25 Grad, nachts minus 40. Die Leichen im Schnee, mit dem Gesicht nach unten. Die Überlebenden, die sich im Wrack aneinanderschmiegen. Die Verletzten, die vor Schmerzen wimmern. Die verzweifelten Versuche, Funkkontakt herzustellen. Und zuletzt zwei sobrevivientes, Nando Parado und Roberto Canessa, die in Sommerkleidung den Weg durch die Anden nach Chile finden und Hilfe holen. Sie sind neun Tage gelaufen. Nach 70 Tagen die Rettung für die Männer auf dem Andengipfel.

Das Licht geht an, Carlitos rückt das Mikrofon zurecht. Schaut ernst. »Die Tragödie der Anden, so wird unsere Geschichte genannt«, sagt Páez, »aber für mich ist sie ein Triumph des Lebens über den Tod. Ich habe heute drei Enkel.«

Das ist es, wofür Carlitos Páez bezahlt wird: für eine erbaulich erzählte Version jener Geschehnisse, bei denen von 45 Passagieren nur 16 überlebten, aufbereitet für die Bedürfnisse von Unternehmen. »Es ist eine Geschichte, aus der man viel lernen kann«, sagt er, »über Leadership, Teamgeist, Motivation, das Aktivieren von ungeahnten Ressourcen.«