Die Lehrerin hat zwei Gebete in Deutsch verteilt, und die Schüler sollen erkennen, aus welcher Religion sie stammen. Die meisten der 22 Jungen und Mädchen der 10c stammen aus türkischen Einwandererfamilien. »Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name«, liest Ömer und überlegt. »Das kommt aus dem Koran«, sagt der Junge. Bis sich in der Klasse Widerspruch regt (»Muslime nennen Gott nicht Vater«), dauert es eine ganze Weile.

Der zweite Text bereitet erstaunlicherweise die gleichen Schwierigkeiten. »Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes…«, liest ein Mädchen. Eigentlich sollten jetzt alle Arme nach oben gehen, aber keiner der Schüler findet heraus, woher der Text stammt. Erst als Lamya Kaddor beginnt, diese wichtigste Stelle des Korans, die Eröffnungssure, in der Originalsprache zu rezitieren, fällt die Klasse im Chor ein: »Bi-smi llāhi r-rahmāni r-rahīm…« Unzählige Male haben sie in der Moschee oder im Koranunterricht diese Worte auf Arabisch gesprochen. Ihre Bedeutung aber kannten sie nicht.

Seit fünf Jahren unterrichtet Kaddor in der Hauptschule Glückauf in Dinslaken bei Duisburg Islamkunde. Anfangs war sie »entsetzt« über das Unwissen in den Klassen. Heute hat sie sich daran gewöhnt. Wörter wie Pilgerfahrt oder Almosen kannten die Schüler nur in Arabisch, der Sprache des Korans. Und Mohammed ist für viele ein Türke. »Fast alle muslimischen Schüler identifizieren sich stark mit ihrem Glauben«, sagt die Islamlehrerin. »Konkrete Kenntnisse jedoch haben sie so gut wie keine.«

Hat sie Pausenaufsicht, kann man sie von den Schülern kaum unterscheiden

Für Lamya Kaddor ist das Unwissen über den Islam Ärgernis und Auftrag zugleich. Tagtäglich sieht sie sich darauf gestoßen: in der Schule ebenso wie in den Medien, im Alltag wie auf Konferenzen, wo die Religion des Korans meist unter düsteren Vorzeichen verhandelt wird. »Die Debatte über ›den Islam‹ wird von Extremen bestimmt und mit Themen wie Zwangsheirat, Ehrenmorden, Jugendgewalt, Terroranschlägen verbunden«, kritisiert Kaddor.

Sie dagegen sucht für ihren Glauben die Normalität. Und bei dieser Mission kann die junge Islamwissenschaftlerin Erfolge vorweisen. Sie gehörte zu den ersten Religionslehrern, die muslimischen Kindern ihre Religion auf Deutsch beibringen. Als das ZDF im vergangenen Jahr mit dem Forum am Freitag begann – dem Gegenstück zum christlichen Wort zum Sonntag –, war sie es, die ihren Glauben als Erste darlegen durfte. Und nicht etwa ein muslimischer Verbandsfunktionär.

Seit vergangenem Semester hat sie eine Vertretungsprofessur für islamische Religionspädagogik an der Universität Münster mit dem Auftrag, muslimische Religionslehrer auszubilden. Und als im Februar das nordrhein-westfälische Integrationsministerium eine Handreichung für Lehrer und Erzieher veröffentlichte, um Konflikte mit muslimischen Kindern und ihren Eltern zu vermeiden, hieß eine der beiden Autorinnen: Lamya Kaddor. Die 80 Seiten mit theologischen Hintergrundinformationen und praktischen Lösungsvorschlägen erweisen sich als weitaus hilfreicher für den pädagogischen Alltag als die vielen reißerischen Alarmrufe über muslimische Machos oder kopftuchtragende Mädchen.

Dabei ist Kaddor erst 29 Jahre alt. Wenn sie in der Schule Pausenaufsicht hat, muss man genau hinschauen, um sie von ihren Schülern zu unterscheiden. In Jeans und roter Jacke, das Gesicht geschminkt, an den Ohren bunter Schmuck, streift sie über den Schulhof, macht Sprüche (»Ey, Murat, hast du was genommen, oder was?«) und genießt ihre Popularität. »Frau Kaddor, haben wir heute bei Ihnen Unterricht?«, »Frau Kaddor, kommen Sie zu unserer Abschiedsfete?«, rufen die Jungen und Mädchen und signalisieren: Unsere Islamlehrerin ist eine von uns.

Für diese Schüler hat sie ihr bisher größtes Projekt ersonnen, den Koran für Kinder und Erwachsene, der nächste Woche erscheint. Es ist wieder eine Premiere, diesmal eine mit Sprengstoff. Für andere Religionen ist es nichts Besonderes, ihre Ursprungsschriften für junge Gläubige aufzubereiten. Es gibt Kinderbibeln und eine Kleine Tora für jüdische Kinder. Der muslimische Nachwuchs dagegen lernt den Koran nur in der vollständigen Fassung kennen, oft sogar nur auf Arabisch.