Von den Büchern, die besser nicht geschrieben worden wären, sind jene die verheerendsten, die den Leser dazu bringen, nie wieder ein Buch des Autors in die Hand zu nehmen. Das Missgeschick, so ein Werk verfasst zu haben, ist Haruki Murakami unterlaufen, dem Franz-Kafka-Preisträger, dem Bestseller-Fabrikanten aus Japan, dem von einer großen Fangemeinde verehrten Schreiber leichter Liebes- und Befindlichkeitsprosa. Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede beschreibt Erfahrungen, die der Autor im Lauf eines Vierteljahrhunderts in Lauflatschen gesammelt hat. Er bewältigt regelmäßig die Marathondistanz, sogar 100 Kilometer brachte er am Stück hinter sich, und Triathlons.

Interessieren dürfte diese Schrift zwei Bevölkerungsgruppen: die Läufer und die Leser von Murakami-Romanen. Nun verrät das Buch über die zwei Leidenschaften des 59-Jährigen aber den einen zu wenig und den anderen zu viel.

Fangen wir beim Laufen an. Murakami formuliert eingangs einen angeblichen »Hauptaspekt des Marathonlaufs«. Der lautet: »Die Qual ist eine unvermeidliche Tatsache, sie zu ertragen oder nicht, bleibt jedoch dem Läufer überlassen.« Damit scheiden als zustimmende Fraktion die Läufer aus, die den Marathon genießerisch zu Ende rennen. Das sind viele.

Noch überlebt die Hoffnung des geneigten Marathonläufers, er könne vom intellektuellen Kollegen, der 27-mal die 42,195 Kilometer abgespult hat, lernen. Er rechnet mit Hinweisen auf inspirierende Trainingseinheiten. Leider scheitert Dauerläufer Murakami auch hier. »Ich trainiere ernsthaft«, verrät er. »In konkreten Zahlen heißt das, ich laufe sechzig Kilometer in der Woche, an sechs Tagen je zehn Kilometer.« Der Autor macht sich Gedanken, wie er sich noch verbessern könnte: »Besser wäre es natürlich, an sieben Tagen je zehn Kilometer zu laufen.«

Irrtum. Der Kollege ist zwar von Runner’s World interviewt worden, hat es aber versäumt, sich der Lektüre dieser Läuferpostille zuzuwenden. Dann wüsste er, dass sich Leistung nicht mit noch größerer Regelmäßigkeit steigern lässt, sondern mit Unregelmäßigkeit. Intervalltrainings, Herr Murakami, würden Ihnen schnellere Marathonzeiten bescheren. Und trainingsfreie Tage – im Wechsel mit Tagen, an denen Sie auch mal 20 oder 25 Kilometer laufen. Nur so fühlen sich die Muskeln ermuntert, an Kraft zuzulegen.

Außerdem birgt Regelmäßigkeit die Gefahr des Übertrainierens. Wer sehr viele Meilen spult, sollte Laufschuhe und Muskeln jeden zweiten Tag in Ruhe lassen. So vermeidet er die Gefahr, sich übertrainiert plötzlich wochenlang schlapp durch Runden und Alltag quälen zu müssen.

Es dauert 22 Läuferjahre, bis Murakami in der Vorbereitung zum New York Marathon (zumindest in der letzten »Phase der Feinabstimmung«) doch noch den Sinn darin erkennt, »durch Akzentuierung – lang oder kurz, leicht oder schwer« von »Quantität zu Qualität« zu wechseln.

Meist beschert der Autor dem laufenden Leser jedoch das absurde Leseerlebnis, dass er dem Schreiber in jeder Zeile zu Hilfe eilen möchte. Armer Murakami, ständig muss er sich »zum Laufen zwingen« und dann auch noch »den letzten Tropfen Energie« aus sich herauspressen. Freude am Laufen sieht anders aus.

Leider kommt der Leser auch in Passagen auf den Helfertrip, in denen der Autor nicht den Beinen, sondern dem Hirn freien Lauf lässt. Auch da möchte man ihm Unterstützung zukommen lassen: »Die Gedanken, die mir beim Laufen durch den Kopf gehen, sind wie die Wolken am Himmel. Wolken in verschiedenen Formen und Größen. Sie kommen und ziehen vorüber.«

Die geballte Ladung tieffliegender Geistesblitze hatte man als Leser des Romans Gefährliche Geliebte noch gutmütig dem naiven Protagonisten zugeschoben. In diesem Buch aber kommt man nicht umhin, für all die vielen Sätze, deren Gegenteil niemand behaupten würde, einzig und allein den Autor verantwortlich zu machen. Auch für diese Phrasen: »Und nur der Himmel bleibt zurück. Er existiert und existiert zugleich nicht. Er hat Substanz und ist zugleich substanzlos.« Noch ein Beispiel? Die Beschreibung der Freude, wenn Murakami »diesen hübschen Mädchen beim Laufen« zusieht: »Sie bestärken mich in dem beruhigenden Gefühl, dass auf der Welt eine Generation zwangsläufig die andere ablöst und auf diese Weise alles weitergegeben wird.«

Armer Autor. Hier verrät ein Buch zu viel über ihn. Wie konnte es dazu kommen, dass Tagebuchprosa eines Erfolgsschriftstellers so schwach lektoriert durch ein Leck entweichen konnte? Auf den letzten Zeilen erfährt es der Leser: »Zu tiefem Dank verpflichtet bin ich auch Midori Oka, der Lektorin dieses Buches, die geduldig zehn Jahre darauf gewartet hat.« Schuld ist also der Verlag. Er hat sich dieses Buch gewünscht. Und der freundliche Herr Murakami, er war so freundlich.