Sachbuch Das Dunkel. Furcht
Die Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen erkundet mit uns die Nacht, ohne die kein Tag wäre
Sage keiner, die Angst vor dem Dunkeln sei nur für Kinder. Sage keiner, er sei noch nie aufgewacht, allein mit der plötzlichen dunklen Klarheit, dass in den Stunden seit gestern auch das eigene Leben verrinnt. Sage keiner, er hätte die Nacht und den Tod noch nie gefürchtet.
Die Nacht ist das Andere, Gottferne, Vernunftlose, ein erschreckend unsicherer wie verheißungsvoll freier Raum, sie ist das Jenseits unseres Tagverstands und viel mehr. Sie liegt auch jenseits der Kulturgeschichte, wie Elisabeth Bronfens große Studie Tiefer als der Tag gedacht – Eine Kulturgeschichte der Nacht, Titel hin oder her, auf jeder Seite zeigt: Was da im Dunkel ruht und tobt an Ängsten und Begierden, das reicht noch aus fernsten Texten unheimlich dicht an uns heran, greift sogar herüber, denn die alten Nächte waren wie die neuen: dunkel, außen, aber immer ganz nah.
Die Studie schaut teleskopartig auf Nachtthemen. Sie beginnt mit theoretischen Kosmogonien der Nacht, über Traumwelten, Liebes-, Wahn- und Schauernächte. Elisabeth Bronfen, die in Zürich lehrende Kultur- und Literaturwissenschaftlerin, nachtwandelt durch Philosophie und Literatur, geht ins Theater und ins Kino (lauter Nachtvergnügen), und als Brille diente ihr offenbar eine jener alten Linsen, die in Filmen sonnige Tagaufnahmen in Schatten verwandelten.
Die Nacht bleibt über die Jahrtausende hinweg erstaunlich ähnlich. Sie bricht an mit der Urnacht aus der Kosmogonie des Hesiod, mit Nyx, der Tochter des Chaos. Nyx gebar per Jungfernzeugung den Tod, Schlaf, Verderben, Traum, Alter und Tadel. Eine zwielichtige Brut, die Karl Philip Moritz durch Meineid, Kummer, Lebensmüdigkeit und Betrug ergänzte. Sind das aber nicht genau jene Sünden, die später die Antihelden des Film noir als Jünger der Nyx erweisen? Auf Hesiods schillernde Nachtgöttin kommt das Buch oft zurück, auf verschiedensten Wegen. Denn Nyx zeugte mit ihrem Bruder Erebos auch den lichten Tag, was sie zur Ahnin jener Jungfrau macht, die in heilig dunkler Nacht das Licht der Welt gebar…
Selbstverständlich ist die Nacht vieldeutig. Das zeigen auch die ikonografisch verwandten Nachtallegorien von der Mondsichelmadonna bis zu Hodlers wie im Albtraum gemalter Nacht von 1890 (schade, dass das Buch kaum Abbildungen enthält). Hier schraubt Bronfen die Analyse noch weiter: Die Allegorie selbst erkennt sie als Nachtgestalt des Denkens auf der Grenze zum Dunkel.
Um die Nacht im Subjekt kreist die aufklärerische Philosophie: um eine »dunkle Stelle, die gesetzt werden muss, damit man in Abgrenzung zu ihr auf einer von Vernunft erhellten Karte« das Wissbare verzeichnen kann. So eine Nacht ist der Nullpunkt des Descartesschen Zweifels, dem am Ende nur das eigene Denken bleibt, dieser Punkt weitet sich zum »Feld dunkler Vorstellungen«, welches Kant als »das größte im Menschen« erkennt (und dem die Vernunft hilflos gegenübersteht), und mündet in Hegels Nacht des Ich: »Diese Nacht erblickt man, wenn man dem Menschen ins Auge blickt«. Hier nun ist die ungestalte Nacht der inneren Bilder zum Kern des Subjekts avanciert – womit Hegel vorwegnimmt, was der Nachtspezialist der Seele, Sigmund Freud, als die Dunkelkammern des Unbewussten, Verdrängten, der Triebe beschreiben wird.
Wenn Bronfens Studie ein historisches Paradigma umkreist, so ist es diese Beziehung zwischen aufgeklärtem Tag und Nachtverdrängtem. Eine konfliktträchtige Wechselbeziehung, an der die Autorin die osmotischen Durchsickerungen interessieren: Frei von nachtgeborenen Nöten und Träumen ist kein Tag, und ohne Licht sähe man ja die Nacht vor lauter Dunkel nicht. In Literatur- und Filmlektüren (Macbeth, Jane Eyre, Taxi Driver, um einen Bruchteil zu nennen) fragt Bronfen nach den unsauberen Bruchkanten zwischen Hell und Nacht: Da gibt es Helden, die bei Tage ihr Nachtwissen rettet, und solche, die dem öden Licht in dunkle Erlösung entfliehen, unzählige Abendflaneure, Doppelgänger und Nachtwandler, wie die Königin der Nacht aus der Zauberflöte. Diese absolutistische Tyrannin, die im Aufklärungsprozess der Oper überwunden wird, bleibt als Ikone glühender Herzensanarchie im Gedächtnis, während die obsiegende Tagesfreiheit Züge einer eisigen Vernunftdiktatur offenbart. Was ist da noch hell, was dunkel? Es gehört zum Stil Elisabeth Bronfens, dass sie, oft hocherzählerisch, ihren Texten immer neue Facetten abgewinnt. Vielleicht zu viele?
Da Tadelsucht und Wunsch Kinder der Nacht sind, darf man bei über 600 Seiten wohl fragen: Musste wirklich jeder Winkel in jedem Kämmerchen ausgeleuchtet werden? Allein vierzehn Filme der schwarzen Serie? Lieber hätte man von dieser medienkundigen Literaturwissenschaftlerin etwas über die allerneueste Nacht der Welt gehört: das schwarz spiegelnde Interface im Netz, das wir heute als Dark Room unserer lust- und hasserfüllten Begierden und Doppelleben erfahren.
- Datum 14.03.2008 - 11:04 Uhr
- Quelle DIE ZEIT
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