Gesellschaft Wir wissen, wie man Menschen tötet
Die Söldnerheere sind zurück. In den schmutzigen Kriegen der Gegenwart ist ihr Know-how gefragter denn je.
Am 16. September 2007 erschossen amerikanische Söldner im Zentrum von Bagdad mehrere irakische Zivilisten. Der Vorfall, keineswegs der erste dieser Art, führte zu einer Untersuchung durch das FBI und lenkte die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf die Arbeitgeber dieser Männer, die Firma Blackwater Inc.
Der Name bedeutet nichts Finsteres. Blackwater ist einfach ein sumpfiger Landstrich in North Carolina, wo das Unternehmen seinen Sitz hat. Die unternehmenseigene Website informiert darüber, dass die Firma »ein großes Spektrum von Ressourcen und Kernkompetenzen effizient und effektiv integriert, um einzigartige und zeitgemäße Lösungen zu bieten, die die erklärten Wünsche und Erwartungen unserer Kunden übertreffen«. Ihre »zentralen Werte«, so erfahren wir, sind »Integrität, Teamarbeit, Innovation, Respekt, Verantwortung, Exzellenz und Effizienz«.
Was Blackwater von ähnlichen Firmen unterscheidet, ist hauptsächlich seine Größe. Das Unternehmen bietet Sicherheitsdienste auf der ganzen Welt an; wenn »Sicherheitsdienst« kämpfen und töten bedeutet, dann ist das eben Pech. Die Tatsache, dass Blackwater mehr Männer im Irak hat als in irgendeinem anderen Land, dann spiegelt das nur die Schwierigkeiten, die die Vereinigten Staaten damit haben, den Krieg dort zu beenden.
Aber wer sind diese Söldner? Woher kommen sie, und warum tauchen sie plötzlich in den Nachrichten auf?
Söldner, unter denen ich hier temporär eingesetzte Soldaten verstehe, die für ihren Lebensunterhalt kämpfen, gehören zu den ältesten Truppen überhaupt. König David hatte Söldner (»die Krether und Plether«), und als sich sein Sohn Absalom gegen ihn erhob, waren sie die einzigen Truppen, die loyal blieben. Athen unterhielt während des Peloponnesischen Krieges kretische Söldner, die als Spezialisten im Gebrauch von Bogen und Schleuder galten. Hellenistische Könige setzten ebenso Söldner ein wie die Römer und die byzantinischen Herrscher; die »varangianischen« Söldner (Wikinger) gingen eigene Wege, durchstreiften den gesamten Mittelmeerraum und drangen im Osten bis zum Jordan vor. Die Herrscher des frühen Mittelalters dagegen griffen eher selten auf Söldner zurück, denn dafür war ihre Ökonomie zu primitiv. Doch nach 1300 belebte sich ihre Verwendung wieder. Die Genueser Armbrustschützen, die 1346 bei Crécy geschlagen wurden, waren Söldner im Dienste Philipps VI. von Frankreich.
Schon Machiavelli befand, dass ein Söldner kein guter Mann sein könne
Söldner dienten in der Regel unter ihren eigenen Kommandeuren; besonders während der italienischen Renaissance gelangten einige von ihnen zu großem Ruhm. So zum Beispiel Bartolomeo Colleoni (1400 bis 1475), Cesare Borgia (1475 bis 1507) und Giovanni delle Bande Nere (Giovanni von den Schwarzen Flaggen, 1498 bis 1526). Der große Vorteil von Söldnern bestand darin, dass es sie nicht kümmerte, gegen wen sie kämpften. Allerdings, Söldner, die ihren Sold nicht erhielten, packten einfach ihre Sachen, kehrten heim oder wechselten die Seiten – pas d’argent, pas de Suisses, hieß es. Andere erhoben ihre Waffen sogar gegen ihren Auftraggeber, und manches Mal übernahmen sie dabei, wie Francesco Sforza (1498 bis 1526), gleich einen ganzen Staat.
Einige dieser Männer sanken ruhmreich in ihre Gräber, andere wurden von ihren Zeitgenossen und von späteren Generationen zutiefst verabscheut. Wie ihre lange Geschichte zeigt, galt weder der Söldnerdienst noch die Anstellung von Söldnern als besonders verwerflich. Machiavelli, der sie hasste, glaubte, ein Söldner könne kein »guter Mann« sein. Er behauptete, sie ließen sich nur auf Scheingefechte ein und suchten schnell das Weite, wenn es brenzlig werde. Doch kaum jemand folgte Machiavellis Rat und wollte auf Söldnerheere verzichten. Sowohl der französische Bürgerkrieg von 1562 bis 1598 als auch der Aufstand der Niederlande (1568 bis 1648) und der Dreißigjährige Krieg (1618 bis 1648) wurden hauptsächlich von Söldnerarmeen ausgefochten.
Nach 1648 erlebten die Söldnerheere einen schleichenden Niedergang – parallel zum Aufstieg des Absolutismus. Denn absolute Monarchen wollten vollständige Kontrolle über alles und jedes. So wie Ludwig XIV. jeden Baum in Versailles in Form einer Pyramide oder eines Kubus stutzen ließ, so hatten die Soldaten in Reih und Glied zu stehen und jedem Befehl zu gehorchen. Um Kontrolle auszuüben, musste man über professionelle Truppen verfügen. Das setzte langfristig dienende Soldaten voraus – unter Kommandeuren, die keine Vertragsunternehmer, sondern besoldete Amtsträger der Krone waren.
Um eine derartige Kontrolle ausüben zu können, stellte Ludwig XIV. den Generalleutnant Jean Martinet in Dienst, und dieser Name sollte zum Inbegriff für rücksichtslos durchgesetzte, geistlose Disziplin werden. Preußen hatte bekanntlich seinen »Soldatenkönig« mit seinen langen Kerls und schweren Kürassieren; in höherem Alter konzentrierte sich Friedrich I. so sehr darauf, seine Truppen mit genau 76 Schritten in der Minute marschieren zu lassen, dass sich die Leute fragten, ob er glaube, die Erde sei flach geworden. Kurzum, obwohl die Söldner nicht verschwanden, wurden sie zunehmend als leichte, oft zweitrangige Truppe an den Rand gedrängt.
Während sich im 19. Jahrhundert das politische Gewicht vom Monarchen auf die Nation verschob, hielt der Trend zur Zentralisierung und Kontrolle weiter an. Bis dahin hatten private Unternehmer unverzichtbare militärische Dienste übernommen, vor allem Transport und Logistik, aber auch die medizinische Versorgung. Nun wurden solche Aufgaben uniformiertem Personal anvertraut, und am Ende waren sogar die Wäschereidienste militarisiert. Je mehr militärische Dienste von Staatsdienern erledigt wurden, desto weniger Platz blieb für Söldner an der Front und in der Nachhut. Ohnehin setzte sich die Auffassung durch, Söldner seien rohe, unbeherrschbare Typen, die allein auf persönliche Bereicherung aus seien. Diese Sicht spiegelte sich auch in der Entwicklung des Völkerrechts, das wiederholt versuchte, Söldner ganz zu verbieten. Was dann auch gelang.
Inzwischen gilt alles Private als gut –und damit auch der private Krieger
Zwischen 1815 und 1945 verschwanden die Söldner fast ganz aus den Kriegen, die die Großmächte damals gegeneinander führten. Sie überlebten jedoch in den Kolonialkriegen, in denen die Imperialisten aller Länder Truppen aus Einheimischen anheuerten, damit diese die Drecksarbeit erledigten. Die Franzosen beschäftigten Söldner in Algerien, die Niederländer in Indonesien und die Deutschen in Ostafrika. Nach 1945 stützten sich viele in die Freiheit entlassene Kolonialstaaten auf Söldnerheere, weil sie sich reguläre Streitkräfte nicht leisten konnten. Normalerweise blickte man auf sie herab und betrachtete sie als einen bewaffneten Haufen, der von drittklassigen Regierungen gegen drittklassige Feinde eingesetzt wird.
Doch seit 1990 ändert sich die Lage. Immer mehr Staaten entwickeln Atomwaffenarsenale und sind davon überzeugt, ihre nationale Sicherheit sei damit für alle Ewigkeit garantiert. Der Krieg verliert für sie drastisch an Bedeutung, und die Bürger dieser Staaten sehen keinen Sinn darin, sich als Söldner zu verdingen, in ein »Entwicklungsland« zu gehen, um dort in irgendeinem Kaff getötet zu werden – selbst dann, wenn dies als »Friedenssicherung« bezeichnet wird. Sinkende Geburtenziffern tun ein Übriges. Je mehr sich der Pillenknick in den reichen Industrieländern bemerkbar macht, umso geringer wird die Bereitschaft ihrer Bürger, sich zum Militärdienst zu melden und ihr Blut für ihr Land zu vergießen.
Für die Wiederkehr der Söldner gibt es tiefliegende kulturelle Faktoren. In der Politik von Margaret Thatcher und Ronald Reagan erschien plötzlich alles Öffentliche als schlecht und alles Private als gut. Der Markt sollte es richten, oder wie sich der große Donald Rumsfeld ausdrückte: Das Pentagon sollte von seiner Bürokratie »befreit« und die »gesamte kriegerische Kampffähigkeit und Kampfkapazität« der Nation gesteigert werden. Dafür musste man Vertragsfirmen hinzuziehen. Denn wenn sie in der Lage sind, Flughäfen, Kraftwerke und Gefängnisse zu betreiben, warum sollten sie dann nicht auch einen Krieg führen können?
In einer Zeit, in der die Streitkräfte schnell schrumpfen, sind viele der Vertragsunternehmer Militärs im Ruhestand, darunter Generäle und Admirale. Sie haben Uniform getragen und verhältnismäßig magere Gehälter bezogen. Nun verwenden sie ihre Fähigkeiten, um in privaten Militärfirmen so viel Geld wie möglich zu verdienen. Die meisten ihrer Angestellten sind ebenfalls ehemalige Armeeangehörige. Vom Staat ausgebildet, aus der Armee ausgeschieden oder entlassen, suchen sie jetzt nach fetteren Weiden.
Die Pointe liegt auf der Hand: Heute entwickeln sich die Dinge ähnlich wie zwischen 1648 und 1815, nur in umgekehrter Richtung. Zunächst werden Transport, Wartung, Verpflegung und die medizinische Versorgung in Friedenszeiten wieder privatisiert und in die Hände von Vertragsunternehmen gelegt. Später werden diese Unternehmen dann auch für andere »Dienstleistungen« zuständig – sie planen Strategien, arbeiten Szenarien aus, organisieren das militärische Training, testen die Verteidigungsbereitschaft und vieles mehr.
Es handelt sich dabei überwiegend um amerikanische, britische, kanadische, australische, südafrikanische und israelische Unternehmen. Sie tragen Namen wie Aegis, Dyncorp, International Risk, ArmorGroup International, Defensive Shield oder Executive Outcomes, eine Firma, die einst ganze Flugzeugladungen von Söldnern nach Afrika schickte, um in bewaffneten Konflikten »auszuhelfen«. Zunächst engagieren diese Firmen Personal in den eigenen Ländern. Dann drücken sie die Kosten und heuern Soldaten aus ökonomisch schwachen Ländern an, zum Beispiel aus dem früheren Jugoslawien, aus Chile und Jordanien. Damit wird »Verteidigung« zu einem wahrhaft internationalen Geschäft, frei nach dem Motto: »Wir haben das Know-how – wir töten Menschen.«
Vom Standpunkt des staatlichen Auftraggebers gesehen, haben private Söldner viele Vorteile. Die Männer (Frauen gibt es dort kaum) sind bezahlte Freiwillige und Ausländer obendrein. Wenn sie getötet oder verwundet werden, hält sich der öffentliche Aufschrei in Grenzen. Sie können jederzeit eingestellt und jederzeit wieder entlassen werden. Obgleich ihre Dienste nicht billig sind – einzelne Söldner können das Drei- bis Sechsfache ihrer Kollegen im Militär verdienen –, gibt es keine langfristige Verpflichtung und oft nicht einmal eine richtige Versicherung. Da sie in den Dunkelzonen des Rechts operieren, können Söldner mit den Gefechtsregeln spielen. Sie können Dinge tun, die regulären Armeeangehörigen streng verboten sind, zum Beispiel foltern. In vieler Hinsicht sind Söldner ideal dafür geeignet, die asymmetrischen, diffusen und schmutzigen Kriege zu führen, die für die moderne Welt charakteristisch sind.
Es gibt also viele Gründe, warum die Söldner auf der Weltbühne ein Comeback erleben. Einerseits sind sie Teil des allgemeinen Trends vom Öffentlichen zum Privaten und von einer staatszentrierten zu einer globalisierten Welt. Andererseits sind sie eine Reaktion auf die Nachfrage nach Menschen, die das Risiko eingehen wollen, an entlegenen Orten, über die die meisten von uns wenig wissen und die sie wenig kümmern, getötet zu werden; und außerdem sind sie schlicht und einfach ein Geschäft. Ungeachtet der aktuellen Empörung über ihre Aktivitäten ist nicht erwiesen, dass sie besser oder schlechter sind als die Truppen regulärer Streitkräfte. Sie sind wohl oder übel Teil der Welt, in der wir leben.
Aus dem Englischen von Karin Wördemann
Martin van Creveld ist Professor an der Hebrew University in Jerusalem und Experte für Militärgeschichte und Militärstrategie. Zuletzt veröffentlichte er die Studie »Kampfkraft« (Ares Verlag)
- Datum 17.03.2008 - 09:51 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 13.03.2008 Nr. 12
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Hier kommt der Krieg auf seinen Punkt. Nicht länger ist es nötig, ideologische Verrenkungen zu vollziehen, um das Schlachtvieh im Namen von Freiheit und Vaterland für einen Krieg zu rekrutieren.Krieg war und ist immer ein Geschäft, jetzt wird es auch stellenweise sichtbar.Oder glaubt jemand im Ernst, daß z.B. die immensen irakischen Erdgasvorkommen vor 9/11 unbekannt waren?Also: Wem gehört diese Welt?
Offenbar beginnen sich nicht unwichtige Teile der Zeitredaktion von vergangenen Wunsch- und Wahnvorstellungen zu lösen. Stichwort: "Der Frieden ist der Ernstfall!".
Natürlich ist der Krieg der Ernstfall, und das obige ist eine saudumme Phrase ala Bonner Schrebergartenrepublik. Und ebenso war Frieden in der Geschichte immer nur eine temporäre Erscheinung. Was nun Söldner, als Beteiligte von Kriegen betrifft kann ich dem Autor des Artikels allerdings nicht zustimmen.
Sieht man sich die Geschichte an so muß man eigentlich zwangsläufig zu der Erkenntnis kommen das Söldner im Grunde genommen immer nur Ausdruck eines schwachen Staates waren. Söldner brauchte der Staat, das Reichsgebilde, welches aus eigener Kraft nicht mehr genug Wehrfähige aufstellen kann; aus welchem Grund auch immer.
Als sich Dareios um 330 v. Chr. in mehreren Schlachten gegen Alexander den Großen stellte bestand der allergrößte Teil seines Heeres aus Söldnern, aus Soldaten unterworfener fremder Stämme neben griechischen Söldnern. Rin Zeichen dafür, daß das große Perserreich offenbar nicht genügend Ur-Perser zusammenbekam Die Söldner waren zum größten Teil sehr tapfer, doch sie waren eben nur Söldner. Die Siege Alexanders sind nicht nur in seinem militärischen Können begründet, sondern auch darin, daß er eine "nationale" Armee befehligte. Soldaten die eben nicht nur für Sold kämpften, sondern für ihre Überzeugung als Griechen!
Bei den Römern findet man diese Problematik auch. Als Augustus nach der Schlacht im Teutoburger Wald den Ausspruch tat: "Varus gib mir meine Legionen wieder!", tat er dies im Bewußtsein dessen, daß Rom nicht mehr genug Römer für die erforderlichen Legionen aufbringen konnten, wie einstmals, und auf Fremde aus den besetzten Gebieten für seine Legionen zurückgreifen mußte. Ein Zeichen der längst vorhandenen Dekadenz des römischen Reiches.
Söldner sind immer ein Zeichen für eine schwache innere, eine schwache nationale Moral! Der Söldner ist der Notfallplan für die eigene nationale Dekadenz des Volkes das nicht mehr wehrfähig ist um seine Probleme mit eigenen, mit völkischen Truppen zu lösen. Was dagegen Truppen für Aufgaben lösen können die aus nationalen Überzeugung kämpfen und nicht (nur) für Sold, dafür gibt es genug Beispiele. Frei herausgegriffen:
1. Weil im Artikel Friedrich I erwähnt wird, die Truppen Friedrichs II. , besonders die Infanterie war die beste ihrer Zeit Es waren Preußen die für Preußen und ihren König ins Feuer gingen. Eindrucksvoller als nach der Schlacht bei Leuthen 5. Dezember 1757 kann man sich dies nicht vorstellen, als die preußischen Soldaten nicht ans Plündern gingen, sondern "Nun danket alle Gott" sangen. Eine Söldnerarmee würde so etwas niemals tun.
2. Die Konföderierten im amerikanischen Bürgerkrieg. Meist schlecht ernährt, weil die Südstaaten die Versorgung ihrer Truppen nie in den Griff bekamen, viele sogar ohne Schuhe, kämpften die meisten bist zum bitteren Ende voller Opferbereitschaft. Eine Söldnerarmee würde so etwas niemals tun.
3. Der deutsche Soldat im zweiten Weltkrieg. Auch er kämpfte für sein Land, für die nationale Ideologie, und nahm dafür ungeheure Entbehrungen und Opfer in Kauf; welche von der seit sechzig Jahren herrschenden Bewältigungsbourgeoise aus Charakterlosigkeit verraten wird. Eine Söldnerarmee würde so etwas niemals tun.
Um es noch einmal klarzustellen: Eine Söldnertruppe ist ein deutliches Zeichen dafür, daß der Volksstaat nicht mehr die Kraft hat den Kampf mit völkischen, mit regulären nationalen Truppen zu führen. Zumindest für den Augenblick nicht!
Literatur (Beispiele):
Die Schlachten Friedrichs des Großen (mit farbigen Gemälden), ISBN 3-89555-004-3
Der Amerikanische Bürgerkrieg, ISBN 978-86539-925-0
Geschichte der Kriegkunst, Hans Delbrück, Nikolei-Verlag, ISBN 13: 978-3-937872-41-1 und ISBN 10: 3-937872-41-8
Die größten Fehlschläge der Militärgeschichte, Heyne-Taschenbuch, ISBN: 3-435-86127-2
Kriegsgeschichte, Montgomery, ISBN: 3-933366-16-X
Spes nostra in fide amicorum est!
Der Soldatenkönig war übrigens Friedrich Wilhelm I. und der Sohn Friedrichs I.(III.), Kurfürst von Brandenburg und König in Preußen.Um auf meinen allerdings auf meinen Vorredner Bezug zu nehmen - Kategorien von "Dekadenz" und "verfallener nationaler Moral" auf die Frage der Kriegsführung anzuwenden und die mangelnde "Wehrfähigkeit" aufgrund des unzureichenden "völkischen" Reservoirs zu beklagen, ist reichlich bizarr. Ich fühle mich gerade ganz gewaltig in die Geschichtsphilosophie des 19. Jh. zurückversetzt, und wir wissen wohin das Konzept der weltgewaltig ringenden Völker geführt hat.Nein, die Frage, ob Söldner als ein zu ertragendes Übel betrachtet werden dürfen oder nicht kann nur anhand von Rechtskategorien - internationales Recht und Menschenrechte - entschieden werden.
Herr van Crefeld kommt diesmal leider gar nicht auf sein Lieblingsthema zu sprechen, die Beschiessung Roms mit Atombomben. Aber vielleicht erhält er ja noch hin und wieder mal Gelegenheit, dieses Projekt näher zu erläutern.
Unabhängig von der Frage warum politische Akteure (Fürsten, Nationalstaaten, Staatengemeinschaften) überhaupt bereit sind Krieg zu führen (Profit = Machtexpansion, mangelndem Selbstwertgefühl (Hitler), Rettung der Menschheit vor sich selbst oder dem "Bösen"), stellt sich hier die Frage nach der Fähigkeit militärisches Potenzial aufzubauen und einzusetzen:1. Geld- Ein Fürst der unverholen aus Profitgier in den Krieg zieht und dabei Söldner nutzt, die ebenso aus Profitgier, bereit sind ihr Leben zu riskieren, könnte zumindest als "ehrlich" bezeichnet werden. Eindeutig besteht hier eine Interessenkonvergenz.2. Nation- Die wohl erstaunlichste "Leistung" des Nationalstaates besteht darin, mittels Erziehung bzw. ideologischer Schulung, "seine" Bürger zu überzeugen, dass die Nation ein derartig hohes Gut (obwohl abstraktes- siehe dazu Entwicklung der Nationalstaaten, die keineswegs natürlichen "völkischen" Grenzen zu Grunde liegt) darstellt, dass der Bürger bereit ist sein Leben für das "Vaterland" zu opfern. Die Wurzeln hierfür liegen bereits in einer ebenso raffiniert aufgeblähten Ideologie- der Religion (Kreuzzüge). "Für Gott und Vaterland"- kein Wunder also.3. Menschheit- Die Konflikte des 21. Jhd. verlaufen asymmetrisch sowohl bezüglich der Kriegsführung, als auch der Rekrutierungsstrategie (siehe dazu: Herfried Münkler, "Die neuen Kriege"). Traditionelle Motivationen, hauptsächlich Profitstreben und Rekrutierungsmethoden (wie Geld, Gott und Vaterland) bestehen zwar weiterhin, werden aber zunehmend unübersichtlicher, beziehungsweise versucht zu kaschieren. Hier trifft das Beispiel Irak vollkommen zu.Nun, wer ist bereit in gegenwärtigen und zukünftigen Konflikten die vollkommen asymmetrisch und unübersichtlich verlaufen, und nicht entsprechend traditioneller Muster zwischenstaatlicher Konflikte stattfinden, sein Leben bspw. als Blauhelmsoldat zu riskieren? Ein UN-Soldat der für sein "Vaterland" sich von Kindersoldaten das Knie zerschiessen lässt? Entweder ist die Besoldung entsprechend hoch, und solche Söldner gibt es in der Geschichte der Blauhelmeinsätze definitiv (siehe HiV- Skandal durch UN-Mission in Kambodscha) oder, und nun eine weitere Ideologie, namentlich Kosmopolitismus, demzufolge der Soldat ist bereit für die Menschheit sein Leben zu riskieren.Mary Kaldor zum "Preis des Kosmopolitismus":“Does this imply that
the individual has to be prepared to pay global taxes or, more importantly,
does the individual have to be prepared to die for humanity”?Kaldor, Mary (2002): Cosmopolitanism and Organized Violence. Published
in: Cohen, Robin/ Vertovec, Steven (2002): Conceiving
Cosmopolitanism. Oxford: Oxford University
Press
Erstaunlich, dass Hr. Prof. van Creveld das Werk Utopia von Thomes Morus nicht anführt. Was Machiavelli über Söldner schrieb, bezog sich einzig auf deren Nutzwert für einen Herrscher.
Morus aber schilderte, welche "soziale" Gefahr untätige Söldner in einem Staate darstellen: kurz gesagt werden sie ihre Verrohung und Aggressivität in Friedenszeiten nicht ausschalten, ihre Waffen nicht ablegen und stellen eine Gefahr für Leib und Leben der Bürger dar. Weil sie nichts andere können, als töten, haben sie graubt, gemordet und vergewaltigt. Das dürfte sehr zu ihrem Abstieg beigetragen haben. Mehr jedenfalls als bloße militärtechnische Erwägungen.
Der wesentliche Unterschied zu den Zeiten von Morus dürfte aus dessen Sicht heute darin liegen, dass diese Menschen derart hoch bezahlt werden, dass sie in Friedenszeiten nicht mehr rauben, plündern und morden müssen - zumindest in den Staaten ihrer Auftraggeber, denn diese lassen Söldner nicht mehr als stehende Verbände in ihren Ländern verharren, sondern können, moderne Technik sei dank, Einsätze mit sehr kurzen Vorlaufzeiten planen.
Bis 1648 etwa (nicht genau) war es zudem Usus, dass Soldaten sich selbst austatten, ebenso war es bereits in der Antike. Die besondere Rolle der Söldner konnte daraus erst entstehen - sie setzten ihre Ressourcen in Waffen und Rüstung um waren damit in der damaligen Feudalgesellschaft prädestinierte Kämpfer. Sicher erodierte ihre eigene Moral, ihr Kodex - u.a. wegen der Untreue der Auftraggeber. Der Zusammenbruch 2000-jähriger militärischer Tradition war eine Folge ihrer zunehmenden Unangemessenheit. Ganz wie van Crefeld sagt: der absolutistische Staat und der spätere Nationalstaat benötigten die Kontrolle der Heere. Die feudale Kleinstaaterei hatte noch dafür gesorgt, dass den Söldnern eine größere Zahl von Prinzipalen gegenüberstand.
Alle anderen Kommentare sind, wie so oft, politisch-polemisch und erkennen das Sezifische des Artikels, sein rein militärhistorische Perpektive, nicht an. Diese Perspektive ist extrem verengt, sicher - der fehlende Bezug auf Morus zeigt das.
Die Verachtung der Söldner, die man beim Lesen von Van Crevelds Artikel spürt, dürfte mit der Abscheu verwandt sein, die unsere Vorfahren so genannten "unehrlichen Berufen" wie denen des Abdeckers oder Henkers entgegenbrachten.
Aber Hand aufs Herz: Ist das nicht schizophren? Die Menschen einer mittelalterlichen Stadt, die gierig und jubelnd die Enthauptung eines Mörders verfolgen, möchten beim Gottedienst nicht neben diesem Scharfrichter sitzen oder ihn gar zum Schwiegersohn haben.
Man will, dass der Mörder hingerichtet wird, aber sich selbst nicht die Hände schmutzig machen.
Und bei uns ist es doch auch so:
Wir verzehren mit Genuss einen leckeren Lammbraten, könnten aber der Schlachtung des Lammes nicht beiwohnen oder gar selbst Hand anlegen.
Und für das schmutzige Kriegshandwerk haben wir eben Söldner. Wo ist da der Fortschritt gegenüber mittelalterlichen Zeiten?
Wie es scheint, hat der Artikel noch nicht alle Fragen beantwortet. Ich schlage vor, dass Hr. Prof. Martin "Nuke-'em-all" Crefeld einen Festvortrag auf dem nächsten Treffen der Mittelmeerunion hält, vielleicht unter dem Titel "Ceterum censeo Romam esse delendam - das Empire und die Zukunft der Mittelmeerregion".
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