Gesellschaft Wenn der Sohn mit dem Vater

Hirnforschung im Hause Jens

Tilman Jens ist Journalist, hat auch Bücher geschrieben. Dagegen ist nichts einzuwenden. Sein Vater ist Walter Jens. Gegen ihn ist erst recht nichts einzuwenden. War Professor für Rhetorik in Tübingen, streitbarer Geist und moralische Instanz. Jetzt hat sein Sohn im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen neue Ergebnisse der Hirnforschung veröffentlicht. Sein Vater ist seit einiger Zeit sehr krank und nun dement. Das ist traurig genug. Aber der Sohn gibt nicht nur diese Krankheit bekannt, sondern kennt auch ihren wahren Grund.

Vor fünf Jahren war bekannt geworden, dass Walter Jens seit 1942 als Mitglied der NSDAP geführt worden war. Jens gab an, er habe davon nichts gewusst, und wenig später kam der Historiker Götz Aly nach einer akribischen Untersuchung in der ZEIT zu dem Ergebnis: »wahrscheinlich geschah seine Aufnahme in die NSDAP ohne eigene Kenntnis«.

Wie ist der damals 80-jährige Jens damit fertig geworden? Sein Sohn schreibt, am Ende habe sein Vater sich in Grund und Boden geschämt und sei »an dieser Scham zerbrochen«. Seine Diagnose: Der Vater ist dement geworden, weil er sich geschämt hat. Nicht nur eine medizinische Neuigkeit. Auch eine bemerkenswerte Geschmacklosigkeit. Und der zuständige Herausgeber der FAZ, Frank Schirrmacher, muss sich fragen, wie er es verantworten kann, dass sie dort veröffentlicht wurde.

Tilman Jens hat es nicht nur auf seinen Vater abgesehen, auch andere werden als »Nebelkerzenzünder« getadelt, Dieter Hildebrandt etwa und Siegfried Lenz. Außerdem – der scheint neben dem Vater das wichtigste Ziel seiner Hirnforschung zu sein – Günter Grass, weil er sich nicht beteiligt hat an einer Sammlung persönlicher Erinnerungen der Jahrgänge 1926/27. Das sei die »fatale Schweige-Krankheit, an der viele Köpfe zerbrachen«. Aber warum sollte Grass? Die Sammlung erschien 2007. 2006 hatte er Beim Häuten der Zwiebel schon alles bekannt gegeben über seine jugendliche Begeisterung für die Nazis.

Nun kriegt es hier einer mit der Angst – ich. Ich bin 75. Habe auch einen erwachsenen Sohn wie Walter Jens. Und ihm nichts davon erzählt, dass ich ein glühender Nazi war, als Mitglied im Jungvolk. Und um Thomas W. zu ersparen, was Tilman J. auf sich nehmen musste, bekenne ich weiter, dass ich am Ende des Krieges sogar noch zum Werwolf wollte, um Hitler zu retten, was ich nur deshalb nicht geschafft habe, weil ich erst zwölf war. Aber man soll uns Kinder von damals nicht unterschätzen. Der Unterschied zwischen 12 und 16 war nicht groß. Nach dem Krieg habe ich als Zwölfjähriger begonnen, meine Mutter und zwei Brüder zu ernähren, mit Geschäften auf dem Schwarzmarkt in Hamburg. Mehr hatten wir nicht. Unser Nazivater war zuerst in Gefangenschaft und hat uns dann verlassen. Bis er endlich kargen Unterhalt zahlte.

Also das bin ich los und nun gespannt auf weitere Forschungen von Tilman Jens. Vielleicht versucht er es mal mit meiner Rechtswissenschaft und findet eine neue Theorie zum § 187 des Strafgesetzbuchs. Darin ist die Verleumdung geregelt.

 
Leser-Kommentare
    • th
    • 19.02.2009 um 14:35 Uhr
    1. wieso

    es ist doch lange bekannt, dass jede Rücksichtslosigkeit erlaubt ist, sobald man mit dem Nazi-Vorwurf zugeschlagen hat ...

    Fragt sich nur, wo heute sich heute Unbarmherzigkeit und Heuchelei befinden.

    • Magdag
    • 20.02.2009 um 18:57 Uhr

    Ich finde Tilman Jens ist immer mal wieder durch ganz besondere Geschmacklosigkeit, Lieblosigkeit und Gehässigkeit aufgefallen. Vielleicht nimmt er dem Vater ja übel, dass er auch ihn vergessen hat.
    Andererseits lebt die ganze Medienwelt hierzulande von der Enthüllung, Enttarnung, Öffentlichmachung. Das geschieht ja sogar, wenn Leute selbst sich bereits geoutet haben.
    Von daher sind Ihre ironischen Selbstbezichtigungen ganz sinnlos, aber natürlich durchaus hellsichtig. Und ehrliche Reue wird gar nicht wahrgenommen. Wie Reue aussehen soll bestimmt in diesem Klima auch ein medial zugerichtetes Publikum. Wobei: Tilman Jens ist einfach ein mieser Typ. Manchmal sind die Dinge so simpel. Der würde alles in der Art verwursten.

    In diesem Lande ist alles eine Waffe. Im Osten die Stasi, im Westen die NS-Zeit.

    [Anm.: Bitte sehen Sie von persönlichen Angriffen ab. Danke. /Die Redaktion pt.]

  1. 1984 bereits bewies Tilman Jens seine Charakterlosigkeit: - Uwe Johnson war kaum in London gestorben, begeht Tilman Jens in der versiegelten Wohnung einen Einbruch, um sich mit makabren Enthüllungen im Stern wichtig zu machen (Herr Karasek lobte eifrig) – und jetzt: mit seinem demenzkranken Vater nicht anders – Tilman Jens stielt aus dem Leben der Anderen den eigenen Saft, weil er selbst nichts hat, was interessieren könnte. Sein Vater lebt noch und er handelt jetzt schon wie ein Leichenfledderer (wiedereinmal). Wer sich nicht wehren kann, hat Anspruch auf Privatsphäre. Das nennt man Respekt. Deshalb mein Apell an die Familie Mohn, Verlagshaus Gütersloh (oder können sie auf Schreiberlinge wie Tilman Jens nicht verzichten?): Tilman auszahlen, den Vertrieb des Buches einstellen, den Respekt für Walter Jens wieder herstellen – das schulden sie der eigenen Reputation und Glaubwürdigkeit. Was hat ein Tilman Jens mit Bonhoeffer gemein, was hat dieses Buch im Verlag unter dem Motto "dem Leben vertrauen" zu suchen? Geschäft ist eben nicht Geschäft.
    Das gilt auch für alle Verlage, Verleger und deren Verantwortliche. Wenn es Tilman Jens so wichtig ist, sich über seinen Vater auszulassen, dann soll er doch sein Buch selber drucken, verlegen und vertreiben und Käufer finden. Das nennt man Marktwirtschaft - das soziale drückt sich dann darin aus, dass Tilman Jens selber dafür sorgen muss, dass sich jemand für seine privaten Gedanken-Strudel interessiert.

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