Haben Sie schon mal al-Dschasira online gelesen? Nein, nicht die englische Fassung, die ist ziemlich langweilig. Ich meine die arabische, die hat originelle Ideen und handfesten Humor. Ja, ich weiß, Sie lesen vielleicht kein Arabisch. In diesem Fall, mein Freund, entgeht Ihnen so einiges.

Es ist Mitte Januar 2008 in New York. Ich trinke meinen türkischen Kaffee, rauche meine französische Zigarette und sitze vor meiner bevorzugten Website: aljazeera.net. Heute lese ich von dem neuen Plan »der Juden«: dem Bau eines Tunnels unter dem Tempelberg (wie die Juden ihn nennen) oder dem edlen Heiligtum (wie die Muslime es nennen) in Jerusalem (wie die Juden sagen) oder der Heiligen Stadt (wie die Muslime sagen). Der Grund? Die Juden wollen zum Fundament der Al-Aksa-Moschee vorstoßen, einen Tempel unter ihr bauen und diesen so errichten, dass die Moschee einstürzt. Außerdem, berichtet al-Dschasira oben auf der Nachrichtenseite, hätten »die Juden« Briefe an »internationale Juden« verschickt, und alle hätten diesem neuen Trick zugestimmt.

Die Idee von den »internationalen Juden« erinnert Sie vielleicht an die Denkart Adolf Hitlers, aber Sie müssen zugeben, der Tempeltraum ist origineller als jeder Traum, den die Nazis jemals hatten. Ich bin richtig elektrisiert. O Mann, wie mir der Nahe Osten fehlt! Er gehört zu meinen Lieblingsplätzen auf der Erde. Die Leute lachen mich aus, wenn ich ihnen sage, dass ich von einem Leben in Jordanien träume, meiner bevorzugten Immobilie. Leider geht das nicht. Als ich letztes Mal da war, fragte ich meinen Gastgeber, was er tun würde, wenn ich Jude wäre. »Auf der Stelle abmurksen«, sagte er. Ich behielt meine Herkunft für mich. Stattdessen erzählte ich ihm, ich sei Deutscher und mein Vater habe in der SS gedient. Er fand mich großartig. Ich war sein Lichtblick. Verstehen Sie, genau deshalb kann ich nicht in Jordanien leben. Aber zumindest kann ich träumen.

Ich hatte Glück. Zwischen Zigaretten und anderen erfrischenden Al-Dschasira- Geschichten rief das Pressebüro des Weißen Hauses an. Präsident Bush wollte den Nahen Osten besuchen, und sie fragten, ob ich ihn begleiten möchte. Und da ich in meiner freien Zeit Journalist bin, boten sie auch an, mir ein Visum zu besorgen.

Wie konnte ich so ein Angebot ablehnen? Erst vor Kurzem hatte ich versucht, auf eigene Faust nach Saudi-Arabien zu reisen – oder Saudia, wie sie im Nahen Osten sagen. Saudia, das Land des Wahhabismus, fesselt lange schon meine Fantasie und bezaubert mein Herz. Ich ging auf die Website der saudi-arabischen Regierung und wollte den Visaantrag ausfüllen. Interessante Seite, keine Frage. Beispielsweise wollen sie wissen: »Welcher Religion gehören Sie an?« Ich bin kein frommer Mensch, wurde aber als ultraorthodoxer Jude erzogen und fand es daher angebracht, »Judentum« zu wählen. Aber halt, es gab da ein Problem: »Judentum« stand nicht zur Auswahl. Ich ließ »Religion« offen und ging zur nächsten Frage über: »Geburtsland«. Ich wurde in Israel geboren. Aber dieses Land existiert nicht im Denken der Saudis. Binnen Kurzem gab ich meinen Saudia-Traum auf.

Als das Weiße Haus anrief, sagte ich deshalb sofort zu, und es dauerte keine Woche, Bingo!, da hatte ich mein Visum. »Begleitet den amerikanischen Präsidenten«, stempelten die Saudis auf meinen Pass. Heißt das, ich muss auch mit Bush ausreisen? Ich weiß es nicht, und es ist mir egal, ich nehme ein Flugzeug und fliege nach Saudia. Ich, ein Mann, der im Hauptberuf künstlerischer Leiter des Jewish Theater of New York ist! Normalerweise würden die Saudis lieber einen Schlaganfall erleiden, als mich in ihrem Land zu sehen. Aber heute müssen sie eine Ausnahme machen, und mir geht es fantastisch: Ein Mann, geboren in einem Land, das nicht existiert, erzogen in einer Religion, die nicht existiert, wandelt auf den Straßen von Saudia, und keiner stoppt dieses Ufo. Toll!

Dann reist Bush ab, und der Jude ist allein im Holiday Inn in Riad. Aber nicht lange. Fast zur gleichen Zeit, als die Air Force One in den Vereinigten Staaten landet, werde ich gerufen, um eine »wichtige Person« zu treffen, die mich zu sprechen wünscht. Man bringt mich durch eine Geheimtür ein Stockwerk tiefer, wo es ziemlich dunkel und schmutzig ist. Auf dem Schild an der Tür steht: »Leiter der Personalabteilung, Mohammad Al-Mallah«. Was geht hier vor? Soll ich mich heute vielleicht um eine Stelle bewerben? »Nehmen Sie Platz«, sagt der Mann. »Journalisten stellen Fragen, ohne zu wissen, wo sie die Antworten finden.« Alle Antworten seien »in diesem Buch«, behauptet er und zeigt auf einen in grünes Leder gebundenen Koran. Als ich das Buch öffnen will, ist er nicht erfreut. »Sie kein Muslim, Ihre Hand nicht rein, Sie nicht anfassen Heiliges Buch.« Moment: Weiß er etwa, dass ich Jude bin?