Gott – ist das nicht dieser alte Herr mit wirrem Haar und Bart, wie ihn Michelangelo an die Decke der Sixtinischen Kapelle malte? Der im Vatikan grimmig auf die Touristen herabblickt und dessen Züge auch dann nicht gütiger werden, wenn dort unten sein irdischer Stellvertreter gewählt wird? Zumindest hat er sich so in unsere Vorstellung eingebrannt: als gestrenger Gottvater. Kein Wunder, schließlich ist im Alten Testament 6.828 Mal von Gott als »Herrn« die Rede.

»Penetrant männlich« findet das Othmar Keel, »und von einem sehr beschränkten Gottesbild zeugt es dazu«. Der katholische Theologe verweist auf Genesis 1,27: »Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn; männlich und weiblich schuf er sie.« Wenn also die Kopien Männer und Frauen sind, moniert Keel, wie kann da das Original ausschließlich männlich dargestellt werden? Höchste Zeit, den Herrn mit seiner Vergangenheit zu konfrontieren.

Und die ist anders. Im Musée d’art et d’histoire im schweizerischen Fribourg hat Keel eine Ausstellung inszeniert, in der nackte Göttinnen auf Löwen reiten und archaisch anmutende Frauen ihre schweren Brüste präsentieren. Selbst die eher als züchtig geltende Maria spritzt mit Muttermilch umher. Gott weiblich heißt die Schau; sie zeigt die verdrängte Seite der göttlichen Geschichte. Als besonderes Erinnerungsstück zu Gottes bewegter Vergangenheit gibt es eine ramponierte, 2.700 Jahre alte Terrakottagruppe zu bestaunen, die ihn womöglich in Gesellschaft einer Frau zeigt, vielleicht gar in Gesellschaft seiner Frau. War Gott nicht monotheistisch, sondern monogam?

Vom 4. Mai an wird Gott weiblich auch in Deutschland zu sehen sein. Die Ausstellung verspricht, die »verborgene Seite des biblischen Gottes« zu enthüllen. Kaum einer kann das besser als Keel und sein Bibel + Orient Museum der Universität Fribourg. Keels Verdienst ist es, die Texte des Alten Testaments um die altorientalische Bilderwelt erweitert zu haben, wie sie die Archäologie in Gestalt von Götterfiguren und Inschriften, von Amuletten, Stempel- oder Rollsiegeln zutage förderte.

Man darf das, was das Alte Testament über das Gelobte Land schreibt, nicht für bare Münze nehmen. Galt die Bibel früher als Wort Gottes und damit auch in den historischen Passagen als wahr, hat die kritische Bibelwissenschaft längst gezeigt, dass weder Gott dem Moses die fünf Bücher offenbarte noch König David die Psalmen dichtete oder Salomo das Hohelied. Vielmehr ist die Bibel das Werk einer kleinen Elite von Schriftgelehrten, die vor gut 2.600 Jahren in drei, vier Generationen eine Vielzahl von mythischen Erzählungen und neuen Texten zu jenem Korpus zusammenstellten, das die Juden heute als Tanach und die Christen als Altes Testament verehren. Damals war Israel ein Spielball der angrenzenden Großmächte. Erst wurde es von Ägyptern und Assyrern verheert, dann eroberte 587 vor Christus der babylonische König Nebukadnezar Jerusalem, steckte den Tempel in Brand und verschleppte einen Großteil der Bevölkerung ins Exil. Als die Israeliten ein halbes Jahrhundert später von Kyros, dem Begründer des Perserreichs, die Erlaubnis erhielten, zurückzukehren, war ihr Land nur noch eine persische Provinz.

Wie konnte das geschehen? Hatte Israels Gott Jahwe versagt? Nein, das durfte nicht sein. Deshalb machten sich »Deuteronomisten« ans biblische Werk (sie werden nach dem 5. Buch Mose so genannt, weil das am deutlichsten ihrer streng monotheistischen Intention entsprach). Ihre Absicht war es, zu zeigen, dass die militärischen Katastrophen die Strafe Gottes für Israels Ungehorsam und Vielgötterei waren. Nur das Abschwören von allen Götzen, die alleinige Verpflichtung auf Jahwe werde das gepeinigte Volk einer besseren Zukunft entgegenführen.