Atelierbesuch Der letzte Lebemann
Gunter Sachs beschäftigt sich auch heute noch gerne mit Frauen. "Die Kunst ist weiblich" heißt seine aktuelle Foto-Ausstellung, sein Atelier birgt noch mehr Schätze
Palm Springs, New York, Saint-Tropez – Heimstetten. Was die Lage betrifft, fällt die Sachs-Immobilie in Heimstetten deutlich ab. Keine Rede von kühner Architektur an erhabenem Ort, stattdessen ein fensterloser Zweckbau in einem Industriegebiet tief im Osten von München, der den Charme einer Lagerhalle atmet. Wer unter den Augen der Überwachungskameras am Eingang klingelt, wartet nicht lange. Surrend öffnet sich eine schwere Stahltür, der Besucher tritt ein, und mit einem Mal scheint das ganze irdische Jammertal hinter ihm zurückzubleiben. Das Studio "mm14", sein Atelier, Gunter Sachs Factory seit fast 25 Jahren.
In der Mitte die Metallkräne für die Scheinwerfer, dahinter ein Bühnenbild mit tausend Sternen. Rechts und links silberne Bürocontainer, in denen Assistentinnen in kontemplativer Ruhe vor sich hinarbeiten. Und überall Fotos, gerahmt oder ungerahmt, so viele Fotos, dass das Auge gar nicht mehr mitkommt. Hier Claudia Schiffer, dort Kirstin, daneben Tanja und wieder Kirstin, makellos blond und braun in verwegener Landschaft fotografiert.
Der Händedruck ist fest, seine Stimme erinnert an einen großkalibrigen Dieselmotor.
Gunter Sachs
trägt eine schwarze Hose, der schwarze Pullover kontrastiert mit dem vollen, silbern glänzenden Haar. "Wir sollten oben sitzen." Sachs geht voraus, schiebt seine hünenhafte Gestalt eine Wendeltreppe hinauf, auf einer Empore steht sein Schreibtisch, sein Kommandostand. Palm Springs, Saint-Tropez, New York – eine Liste mit den Telefonnummern dieser und weiterer Häuser klebt auf dem Tisch.
Daneben hat sein Sekretär die Zeitungen ausgebreitet, schöne Sätze über die Ausstellung in Leipzig, die Gunter Sachs vor wenigen Tagen eröffnet hat. Die Kunst ist weiblich… lautet der Titel dieser Werkschau im Museum der bildenden Künste . "Ein lebensbejahendes Labyrinth", wie Sachs es nennt. Wer es durchschreitet, begegnet Bildern aus seiner Sammlung von Künstlern der Moderne und solchen "aus meiner Kamera".
Industrieller, Fotograf, Kunstsammler und letzter Playboy von Rang – im November 2007 ist Sachs 75 Jahre alt geworden. Wenn der Eindruck nicht täuscht, besitzt seine neue Uhr etwas größere Ziffern und Zahlen, aber das ist es denn auch. Für einen Kraftakt steht "der Meister", wie ihn Freunde nennen, nach wie vor unerschrocken zur Verfügung. Also kaufte er vor ein paar Wochen diesen weißen Transporter und ließ rund 400 Exponate nach Leipzig schaffen. Zur Krönung der Ausstellung gab er Anweisung, sein ehemaliges Appartement im Turm des Palace Hotels in St. Moritz, das er Ende der Siebziger besaß, im Osten noch einmal aufzubauen. "Engadin in Sachsen".
Pop-Art! Das Bett, beleuchtet wie ein Altar, die Badewanne von Roy Lichtenstein, Skulpturen von Cesar, von Allen Jones, die mit Einschüssen gespickte Salontür aus Panzerglas. Verrückte Zeiten, diese Sechziger. Zeiten nach seinem Geschmack. Auf seinem Schreibtisch im Atelier von Heimstetten hat Sachs einen Plan der Leipziger Ausstellung ausgebreitet. "Hier der Palace-Tower", sein Finger pocht kraftvoll auf das Papier.
Dann erwähnt er einen Namen: Dalí! Auch der Maestro sei damals, 1969, seiner Einladung gefolgt, mit einer Flinte auf die Salontür anzulegen. "Dalí musterte die Tür, auf die er gerade gefeuert hatte, er fand keinen Einschuss und ging grußlos. Die Flinte steckte er kopfüber in den Schirmständer." Sachs hält inne. "Ein signierter Treffer in der Tür wäre mir lieber gewesen als das Loch in der Wand."
Schräg gegenüber seinem Kommandostand im Heimstettener Atelier hängen zwei Fotos: Sachs in rasender Fahrt auf seinem Münch-Motorrad, weiße Hose, weißes Hemd, Saint-Tropez. Daneben Brigitte Bardot, ebenfalls Saint-Tropez. 1966 spannte Gunter Sachs sie den Franzosen aus, heiratete seine Braut in Las Vegas. Schöne Bilder, aber auch Bilder aus einer anderen Zeit.
Einen Augenblick lang hat Sachs hinübergesehen, dann zieht er aus der Hosentasche eine Kamera hervor, kleiner als eine Zigarettenschachtel. "12,1 Megapixel", brummt er, es klingt anerkennend, aber auch bedauernd. Künstlerische Fotografie hat für einen wie Sachs immer großes Gepäck bedeutet, großes Gerät. Vorbei. Heute mache jedermann mit, "alles ist möglich, nichts wird mehr über Bande gespielt". Sachs hat es anders gelernt. Nun ja.
Es bleibt die Astrologie, der Blick zu den Sternen, zweites Hauptfach in seinem Leben. Er verfolgt es zäh. Hat das Sternzeichen, unter dem ein Mensch geboren wird, Einfluss auf sein Verhalten? Zwanzig Millionen Daten hat Sachs in den vergangenen Jahren gesammelt, bei Behörden, Versicherungen, Universitäten in der Schweiz, Deutschland, Frankreich und Großbritannien.
Die Akte Astrologie heißt sein Buch, ein Bestseller, das ein Fazit aus den Daten zieht. Es liegt auf seinem Schreibtisch, er hat es schnell zur Hand. Mit dem Zeigefinger fährt er über die Tabellen mit den Signifikanzen. Dann blickt er auf. "Astrologie ist kein Mythos, sie beruht auf messbaren Grundlagen." Einen Augenblick hält er inne. Sachs kann sich noch erinnern, dass sich die Leute früher amüsierten, wenn er diesen Satz sagte. "Heute lacht keiner mehr."
Was sagen die Sterne noch? Sachs ist von seinem Schreibtisch aufgestanden. Der nächste Kraftakt ist geplant. Er will weitergraben. Zusammen mit Kary B. Mullis, einem amerikanischen Nobelpreisträger für Chemie. Genetikforscher Mullis fand das Buch interessant, die beiden verabredeten sich.
Gunter Sachs ist an die Wendeltreppe getreten. Unten in seinem Atelier hat das Aufräumen begonnen. Archivierung der Fotos, die es nicht nach Leipzig schafften. Es sind ziemlich viele. "Das kann man sagen", meint Gunter Sachs, "faul war ich nicht."
Gunter Sachs wurde 1932 in Mainberg/Unterfranken geboren. Sein Vater war Inhaber der Fichtel & Sachs AG, die Mutter Enkelin des Opel-Gründers. Sachs studierte Mathematik und Wirtschaft, in dieser Zeit stellte er den Bahnrekord auf der Bobbahn von St. Moritz auf. 1966 heiratete er Brigitte Bardot, 1969 die Schwedin Mirja Larsson. 1968 drehte er den preisgekrönten Ski-Dokumentarfilm "Happening in White". 1973 begann er zu fotografieren, immer wieder sind Frauen seine Motive. Soeben ist in Leipzig seine Ausstellung "Die Kunst ist weiblich" eröffnet worden. Sie ist bis zum 22. Juni zu sehen.
- Datum 24.03.2008 - 08:11 Uhr
- Quelle ZEITmagazin LEBEN, 20.03.2008 Nr. 13
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Die Kunst mag weiblich sein. Die meisten Objekte und Gemälde, die Gunter Sachs gekauft, gesammelt und ausgestellt hat, sind eindeutig von männlicher Hand geschaffen worden. Das mindert keinesfalls ihren Rang.Darunter sind herausragende Werke! Gunter Sachs - ein Bonvivant, ein Frauenliebhaber, ein Fotograf und ein sehr bekannter Kunstsammler. Gern hätte ich ihm eine Tür mit Guckloch (von Dali) gegönnt...Zumal er durch seine Sammlungen vielen Menschen einen Blick auf große Bilder ermöglicht hat.
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