LÄNDERSPIEGEL Aufstand der Doktoren
Münnerstadt
Die Famullas haben es getan. Sechs Wochen lang haben Roland und Claudia Famulla gegrübelt und diskutiert - dann haben sich die Hausärzte aus dem unterfränkischen Münnerstadt ein Herz gefasst: Sie steckten die Erklärungen zur Rückgabe ihrer kassenärztlichen Zulassungen in einen Umschlag und schickten ihn ab. » Wir haben uns mit dieser Entscheidung sehr, sehr schwer getan«, sagt Roland Famulla und sieht aus, als wäre ihm die eigene Courage noch immer nicht ganz geheuer: »Aber wir müssen jetzt ein Zeichen setzen.«
Noch ist der Ausstieg aus dem 80 Jahre alten Verteilungssystem der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) damit nicht vollzogen. Vorerst hat das fränkische Ärzteehepaar nur seine Bereitschaft bekundet, die Zusammenarbeit mit den KVen aufzukündigen. Doch wenn der Plan des bayerischen Hausärzteverbandes aufgeht, könnte der Protest der Famullas mehr sein als nur ein Zeichen. Der Verband hat seine 6700 Mitglieder aufgerufen, bis Ende März ihre Zulassungen zurückzugeben.
Die Ärzte wollen Verträge in Zukunft direkt mit den Krankenkassen aushandeln. Sie fürchten Honorareinbußen durch den für 2009 geplanten Gesundheitsfonds der Großen Koalition in Berlin. Außerdem plagt sie die Sorge, statt der klassischen Hausarztpraxis könnten womöglich medizinische Versorgungszentren nach Art der Polikliniken die ambulante Versorgung übernehmen. Zwar sagt Bayerns Sozialministerin Christa Stewens: »Ich würde mich einsetzen für den niedergelassenen Hausarzt.« Doch überzeugend klingt das nicht.
Nun jammern Bayerns Hausärzte auf hohem Niveau. Verglichen mit Kollegen in anderen Ländern, geht es ihnen gut. » Wir haben ein Haus, zwei Autos und drei Kinder«, sagt Roland Famulla und lacht. » Aber wenn ein zwanzigprozentiger Einbruch kommt, müssen wir den Gürtel schon erheblich enger schnallen.« Dann müsste er eine Teilzeitkraft entlassen, mindestens.
Soll der Ärzteaufstand gelingen, müssen 70 Prozent der Mediziner mitmachen. So viele Aussteiger gibt es bisher zwar in keinem der sieben bayerischen Regierungsbezirke, in Schwaben, Ober- und Unterfranken ist aber immerhin schon mehr als die Hälfte der Hausärzte dabei. In Roland Famullas Münnerstädter Dienstgruppe haben sich vier von sechs Kollegen bereit erklärt, ihre Zulassung abzugeben. Jede Woche kommen nach Angaben des Ärzteverbandes 20 bis 50 dazu. Deshalb hat der Verband die Frist für die Rückgabe um drei Monate verlängert bis Ende Juni. » Da laufen jetzt enorme Diskussionen. Es ist erstaunlich, was in Bayern los ist!«, sagt Wolfgang Hoppenthaller, der Vorsitzende des Hausärzteverbandes. Die Ärzte würden nach und nach politisiert.
Standesvertreter treffen sich zum gemeinsamen Montagsgebet
In der Tat scheint ein revolutionärer Geist unter den Hausärzten zu rumoren seit der Generalversammlung des Verbandes am 30. Januar in Nürnberg. Überall im Land organisieren Mediziner Protestveranstaltungen. In Würzburg marschierten vor drei Wochen mehr als 2000 Ärzte und Patienten durch die Innenstadt, in Passau treffen sich die Niedergelassenen während der Fastenzeit zu Montagsgebeten in der Nikolaikirche.
»Ich wollte immer mein eigener Herr sein«, sagt Roland Famulla am Schreibtisch seines Sprechzimmers in der 8000-Einwohner-Gemeinde Münnerstadt. Deshalb habe er vor sieben Jahren zusammen mit seiner Frau die Praxis übernommen. Durch den »Bürokratismus und die Gängelei der KV« fühle er sich aber schon lange nicht mehr als Freiberufler.
Viele der Patienten der Famullas sind alt oder chronisch krank. » Wir haben aber immer weniger Zeit für die Patienten und immer mehr Bürokratie«, sagt der 45-Jährige mit der randlosen Brille und öffnet einen Schrank voller Formulare. So mache ihm die Arbeit keinen Spaß mehr.
Darum sind Famulla und seine Frau auch im Januar nach Nürnberg gefahren und haben mit 6000 Kollegen gejubelt, als Wolfgang Hoppenthaller rief: »Wir müssen uns wehren!« Damals haben die Famullas erstmals überlegt, beim Protest mitzumachen. Wie viele jüngere Ärzte haben sie Angst, dass die Bank ihnen den Kredit kündigt, wenn sie ihre Zulassung zurückgeben, oder dass die Kassen sich dann weigern, Rechnungen zu zahlen. Was genau passieren wird, kann ihnen niemand sagen. Im Flur seiner Praxis hat das Ehepaar ein Plakat des Hausärzteverbandes aufgehängt. » Beschwerden richten Sie bitte an die CSU!«, steht darauf.
Der Protest im Wartezimmer macht den Christsozialen schwer zu schaffen. Kurz vor der Kommunalwahl Anfang März stampfte Sozialministerin Christa Stewens deshalb noch ein Expertengremium aus dem Boden. Vertreter der Krankenkassen, der KV und der Landesärztekammern sollen darin über Bürokratieabbau, Nachwuchsförderung und Strukturveränderungen beraten. Genutzt hat diese Initiative kurzfristig nichts. Die CSU hat trotzdem Stimmen verloren, und der Hausärzteverband verweigert dem Gremium die Mitarbeit.
In manchen Landkreisen gibt jeder zweite Arzt seine Zulassung zurück
»Die Expertenrunde dient nur dazu, so zu tun, als wolle man etwas tun«, sagt Wolfgang Hoppenthaller. Schlichtungsversuche von Ministerpräsident Günther Beckstein hat er abblitzen lassen. Immer öfter hört man seitdem, wie CSU-Politiker den Gesundheitsfonds infrage stellen Präventivmaßnahmen für die Landtagswahl im Herbst.
Die bayerischen Ärzte kämpfen derweil weiter für den Ausstieg. 300 Mediziner sind an diesem Mittwochnachmittag in Würzburg zusammengekommen. Sie suchen nach Strategien, um die letzten Zweifler zu überzeugen. » Wir könnten Rundfaxe an die Kollegen schicken«, schlägt einer vor. Persönliche Gespräche sind viel sinnvoller, findet der Delegierte aus Aschaffenburg. In seinem Landkreis hat sich erst ein Drittel der Ärzte zum Ausstieg bereit erklärt.
Und ob davon alle den Weg bis zu Ende gehen, ist längst nicht sicher.
Vor der endgültigen Rückgabe der Zulassungen wird noch einmal abgestimmt. » Ob ich hundertprozentig dabeibleibe, kann ich jetzt noch nicht sagen«, sagt auch Roland Famulla. Er hat noch immer nicht aufgehört zu grübeln.
- Datum 19.03.2008 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.13 vom 19.03.2008, S.13
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