Kaleidoskop BÜCHERTISCH
»Zwiespalt des Bedienten und Kutschers auf dem Bocke, welcher uns mehr in Leidenschaft versetzte als die Spaltung des Römischen Reiches«, notierte Goethe am 7. August 1806 auf der Rückreise von Karlsbad in sein Tagebuch. Dieser Satz wurde ungezählte Male zitiert, um die These zu belegen, dass das Heilige Römische Reich mit der Niederlegung der Kaiserkrone durch Franz II. sang- und klanglos untergegangen sei.
Wolfgang Burgdorf tritt in seiner historischen Habilitationsschrift den Gegenbeweis an. Er geht der Frage nach, wie der Untergang des Reiches von den Zeitgenossen wahrgenommen wurde. Anhand von Tagebüchern, Briefen, Memoiren und diplomatischen Berichten kann er zeigen, dass die vorherrschende Reaktion nicht etwa Gleichgültigkeit war, sondern ein Gemisch aus Wut, Trauer, Entsetzen und Fassungslosigkeit. Eine innovative Forschungsleistung, die mit der borussischen Sicht auf das Alte Reich gründlich aufräumt.
Wolfgang Burgdorf: Ein Weltbild verliert seine Welt
Der Untergang des Alten Reiches und die Generation 1806 - R. Oldenbourg Verlag, München 2006 - 390 S., 49,80
- Datum 20.03.2008 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.13 vom 19.03.2008, S.56
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