Der Botschafter des Glücks trägt Sonnenbrille. Lächelnd verteilt Lhatu Wangchuk Aufkleber, die für »Bruttosozialglück« werben, für die Zufriedenheit der Bürger – und das gleich als Staatsziel. Der Mann ist der Tourismusminister von Bhutan und nach Berlin zur internationalen Reisemesse angereist. Aber er tut so, als lebte er auf einer selbst ernannten Insel der Glückseligkeit, während um ihn herum die Vertreter anderer Länder hart um Kunden werben. Mehr Tourismus erhofft sich zwar auch Lhatu, man wolle sich weiter öffnen, aber auch die hohe Reisepauschale von 220 Dollar pro Tag beibehalten, die Massentourismus verhindert. »Bhutan«, so der freundliche Verwalter des Paradieses, »stellt nun mal die Zufriedenheit seiner Bürger über alle Wirtschaftsbestrebungen.«

»Gross National Happiness«, unter Experten kurz GNH genannt, hat Jigme Singje Wangchuk, der frühere Monarch von Bhutan, seinem kleinen Land im Himalaya in den 1980er Jahren verordnet. Einem Land, das, gemessen an den normalen Kennzahlen, noch Entwicklungsland ist. Trotzdem sagte der König einmal: »Das Streben nach Bruttosozialglück zählt mehr als das Bruttosozialprodukt«, und dieser Satz sorgt im Westen bis heute für Aufsehen. Auch so erklärt sich das Lächeln auf der Tourismusmesse: Wirtschaftliche Entwicklung um fast jeden Preis überlässt man den anderen – Bhutan versucht, glücklich zu werden!

Am Fuß hoher Berge wird das Glück in einem Holzhaus erforscht

Auf dem Weg ins Glück hat der König seine Macht abgegeben. Die Monarchie wird in diesen Tagen von der Demokratie abgelöst – und zwar auf Wunsch des alten Königs. Der meinte, dass Pluralismus für die Zukunft des Landes besser sei als absolute Macht. So hat er nach britischem Vorbild zunächst ein Oberhaus wählen lassen, die erste Unterhauswahl folgt am 24. März. Auch den Thron hat er schon auf seinen Sohn übertragen. Der soll im Land jetzt GNH, die Bürgerzufriedenheit als übergeordnete Maxime für Wirtschaft und Entwicklung, vorantreiben.

In der verschlafenen Hauptstadt Thimphu – 2.600 Meter hoch gelegen, kaum 70.000 Einwohner, drei Ampeln, zwei Tankstellen, ein Kino – liegt das Zentrum dieser Glücksphilosophie. Eine enge Straße schlängelt sich an einem rauschenden Fluss entlang bis an den Fuß hoher Berge. »Institut für Bhutanstudien« steht auf einem Schild. Dahinter ein zweistöckiges Holzhaus, bunt wie der Regenbogen und mit buddhistischen Symbolen verziert. Dasho Karma Ura, der Direktor, ist der bekannteste Intellektuelle des Landes. Er schreibt Novellen und Kurzgeschichten und forscht auf Wunsch des Königs hauptberuflich übers Glück der Bhutaner. Die Welt werde zu sehr von ökonomischen Zahlen bestimmt, sagt er selbstbewusst, »und der Fortschritt wird ja auch immer nach einseitigen Faktoren bewertet, die den Menschen außen vor lassen. Der Ansatz von GNH ist ganzheitlich, er bezieht Wünsche der Bürger in Entwicklungsprozesse ein und bemisst den Fortschritt einer Gesellschaft auch mal unabhängig von Wirtschaftsaspekten.« Dann streichelt Ura eine Katze, die durchs Büro huscht, und schenkt Tee ein. Überall stehen Computer auf zu kleinen Tischen, Papier stapelt sich, ein Bild des Buddha, der höchste Weisheit symbolisiert, hängt an der Wand.

Zehn Mitarbeiter versuchen seit 1999, systematisch das Glück der Bhutaner zu quantifizieren. Aber lässt es sich objektiv messen? »Wir versuchen es zumindest«, sagt Ura lächelnd. Seine Forschungsergebnisse trägt er der Führung des Landes persönlich vor. Was Ura und sein Team vom Bürger erfahren, wird akribisch ausgewertet und soll in die Politik einfließen. Aus Zahlen werden Modelle erarbeitet, daraus sollen sich politische Ziele ableiten. »Good governance-plus«, besonders gute Regierungsführung, ist eine der Initiativen, die sich Bhutaner gewünscht haben. Bürger und Politiker Hand in Hand auf dem Weg ins Bruttosozialglück – so sieht es die Theorie im Institut vor.

Die Praxis dauert etwas länger und ist schwieriger. Monatelang wurden erst mal neun Fragenkomplexe zur Erfassung von Glück herausgearbeitet. Das war nicht einfach, geht es doch immer darum, was zum Messen von jener tiefen Zufriedenheit taugt, die wenig mit Spaß und oberflächlichem Glücksgefühl zu tun hat. Wonach also soll man fragen, um materielles und spirituelles Wohlbefinden zusammenzubringen? Lebensstandard, Gesundheit, Erziehung, auch Umwelt, Kultur und gute Regierungsführung sind solche Fragegebiete. Ferner die Vitalität der Gemeinschaft, in der man lebt, emotionales Wohlbefinden und – ganz wichtig – die Verteilung und Verwendung von Zeit.