DIE ZEIT: Frau Overesch, Sie haben in Ihrer Dissertation die finnische und die deutsche Schulpolitik miteinander verglichen. Was können wir von den Finnen lernen?

Anne Overesch: Vor allem sollten wir begreifen, dass es nichts bringt, etwa die dortige Schulstruktur abzukupfern oder einfach nach finnischem Vorbild die Zahl der Krankenschwestern und Sozialarbeiter an den Schulen zu erhöhen.

ZEIT: Warum nicht?

Overesch: Weil der Erfolg der finnischen Schüler etwa bei der Pisa-Studie nicht auf einzelne Maßnahmen an den Schulen zurückzuführen ist. Er basiert auf einem gänzlich anderen Grundverständnis der Gesellschaft und der Schulpolitik.

ZEIT: Worin besteht das?

Overesch: Seit den sechziger, siebziger Jahren sind sich die Finnen darin einig, dass ihr kleines rohstoffarmes, isoliertes Land im Norden seine Chance nur in der Produktion von Wissen finden kann. Deshalb soll jedes Kind optimal gefördert werden, um dazu etwas beizutragen. Der Sohn des Rentierzüchters in Lappland genauso wie die Tochter des Nokia-Bosses in Helsinki.

ZEIT: Aber es gab Streit um die Einführung einer einheitlichen Schule.