Die bittere Essenz: Sozialdarwinismus pur
Im ersten Reflex war ich entrüstet. Doch Ihre Argumente entbehren nicht der Logik. Die Frage ist, welche Schlüsse wir daraus ziehen.
Mir drängt sich der Gedanke auf, dass alles, was für unsere tägliche Daseinsfürsorge relevant ist, keinesfalls privatisiert werden sollte.
Denn, wie Sie ja schrieben, müssen Unternehmen ihre Gewinne stetig steigern, also aus Mitarbeitern und Kunden möglichst viel herausholen.
Für die, die dabei am Unternehmen nicht beteiligt sind, springt leider nichts heraus.
Also darf die Bahn nicht privatisiert werden, die Stromnetze sollten unter staatliche Kontrolle gelangen und die Unternehmen entsprechende Abgaben zahlen, die dann tatsächlich in den Erhalt und Ausbau der Netze investiert werden.
Stephan Hermes, Pöcking
So recht Herr Jungbluth in vielen Details seiner Ausführungen hat, in einem Punkt liegt er grundsätzlich daneben, woraus folgt, dass die ganze Analyse etwas schief ist: Hauptzweck einer Aktiengesellschaft ist eben nicht, wie er meint, das Geld der Anleger zu verzinsen und zu vermehren, Hauptzweck einer Aktiengesellschaft ist vielmehr, einem Betrieb das Kapital zur Weiterentwicklung zur Verfügung zu stellen.
Dass der Aktionär für seine Beteiligung am Unternehmen keine Nachteile wünscht, ist natürlich klar, aber die Gesamtrendite für den Aktionär sollte aus ethisch-moralischen Gründen keinesfalls wesentlich über dem jeweils üblichen Zinsniveau liegen, sonst geht das nämlich auf Kosten des Unternehmens und damit auch der Arbeitsplätze.
Wer also möglichst hohe Gewinne zugunsten der Aktionäre fordert, betreibt damit genau den Trend, der zu der derzeit herrschenden Missstimmung im Lande führt: dass die Besitzenden sich bereichern auf Kosten der Ärmeren.
Und was die Rekordgewinne betrifft: Wenn ein Unternehmen, das nicht gerade in eine Marktlücke gestoßen ist, in gesättigten Märkten wie den unseren Gewinnsteigerungen in zweistelliger Höhe erzielt, dann ist mit hoher Wahrscheinlichkeit etwas faul. Da die Gewinne aber irgendwoher kommen müssen, können sie nur aus der rücksichtslosen Ausbeutung der Arbeitnehmer kommen. Anders ist das nicht möglich. Dass man damit längerfristig seine eigene Kundschaft untergräbt, so weit denken halt manche Manager nicht. Was in mehreren Jahren sein wird, ist ja uninteressant, jetzt will man gewinnen
Cornelius Harnecker-Kopp, Vilshofen
»Oh what a tangled web we weave, when first we practice to deceive.«
(Sir Walter Scott)
Natürlich haben Sie recht, das Ganze ist letztendlich nur ein Optimierungsproblem, betriebswirtschaftlich betrachtet. Die Aktiengesellschaft ist ein »natürlicher Feind« der Arbeitnehmer und setzt die Rendite durch, auf Biegen und Brechen.
Aber gleich die Ethik zu bemühen und gar den Papst ist vielleicht doch etwas übertrieben, oder nicht?
Aber was man notwendigerweise aus Ihrer These destillieren wird müssen, ist eine bittere Essenz: Sozialdarwinismus nahezu pur und den ertragen wir nicht mehr in Europa (und anderswo auch nicht!).
Ich halts eher mit Heiner Geißler.
Dr. Peter Frank, Wien
Der Autor macht es sich leicht. Die Frage scheint nicht erlaubt zu sein: Wie viel Gewinn muss es denn sein, bitte sehr? Nagt ein Aktionär am Hungertuch, wenn er nicht 20 % Rendite bekommt, sondern »nur« 12 %?
Hier wird der Raubkapitalismus zur Naturgesetzlichkeit gemacht. Es ist schon spannend, wie der Autor die Abwesenheit moralischen Verhaltens in der Wirtschaft zur Moral erhebt. Im Prinzip ist das Sozialdarwinismus pur.
»Unser« deutscher Papst hat auch dies gesagt: dass »eine Wirtschaft ohne Moral einer Räuberhöhle gleicht«.
Die einschlägigen Sozialenzykliken der katholischen Kirche sprechen hier außerdem eine klare Sprache. Zuerst kommt der Mensch, dann das Kapital.
Eduard Kelsch, ver.di Niederbayern, Passau
Dankenswerterweise hat die ZEIT eine Woche vorher Marion Gräfin Dönhoffs Rede von 1996 nachgedruckt: Zivilisiert den Kapitalismus!: »auch im Westen sehen wir die Folgen einer Lebensweise, die nur auf Eigennutz gestellt ist, ohne Verantwortung für das Ganze.«
Herr Jungbluth vergleicht die Gesetze der Aktiengesellschaft mit einem Autorennen. Ob er dabei nicht doch den Rennfahrer mit dem Autobahnraser verwechselt, der mit seiner Lichthupe bedenkenlos alle von seiner Bahn fegt? Als Kommentar lese ich bei Gräfin Dönhoff: »Entfesselte Freiheit auf wirtschaftlichem Gebiet endet zwangsläufig in einem Catch-as-catch-can.«
Hermann Söhner, Untergruppenbach
Ich schätze die Liberalität dieser Zeitung, obwohl ich mich gelegentlich darüber ärgere, dass mal so, mal so über eine Sache berichtet, gedacht und geurteilt wird.
Und ich bin mir sicher, dass Ihr Artikel, in dem Sie die jüngsten Stellenabbaupläne und überhaupt das Gebaren der Aktiengesellschaften rechtfertigen, demnächst wieder von einer Anklage des grassierenden Manchesterkapitalismus abgelöst wird.
Ich könnte also wieder mal die ZEIT einfach weglegen und auf bessere ZEITen warten. Aber diesmal drängt es mich zu schreiben, denn ich muss Ihnen recht geben, und ich füge hinzu: Sie haben verdammt recht.
Natürlich ist ein Unternehmen dazu verpflichtet, ja dazu verdammt, Gewinn zu erzielen. Aber ist Profitorientierung heute alles, was zur Verantwortung eines transnationalen Unternehmens gehört? Wenn seit 5 Jahren die Zahl der Milliardäre weltweit um das Zweieinhalbfache gestiegen ist, immer mehr Arbeitsplätze ins Ausland verlagert beziehungsweise abgebaut werden, die Mittelschicht schrumpft und von weiten Teilen der Bevölkerung keine gesellschaftliche Beteiligung mehr erwartet wird, dann kann man bzw. Jungbluth nicht so tun, als sei der Neoliberalismus unserer Tage die beste aller vorstellbaren Ordnungen.
Da nützt auch der Verweis auf das Vorzeigeunternehmen BMW so wenig wie der Hinweis auf hohe Abfindungen für die ausscheidenden Arbeiter. Was also tun, um nicht als Sozial- bzw. Ökoromantiker belächelt zu werden?
Einfach recht geben, weil auch ich keine Antwort parat habe? Einen Ausweg bietet ja weder ein Moralismus fern jeglicher ökonomischer Logik noch ein Neoliberalismus fern jeglicher an Mensch und Umwelt orientierter Moral.
Dennoch hätte ich mir von Ihnen und der ZEIT weniger eine Ermutigung der AGs zum Stellenabbau gewünscht, sondern einen Appell an die Anleger, ihre Entscheidung bewusst im Sinne eines nachhaltigen »Investments« zu treffen. Es gab in den letzten Jahren bei den Verbrauchern einen Trend weg vom Geiz. Ich halte einen Trend weg von der Habgier auch bei Aktionären für möglich.
Uwe Quast, Erbach
Es mag ja sein, dass uns kein besser funktionierendes Gesellschaftssystem gelingt als eines, das auf freier Marktwirtschaft aufbaut. Aber gerecht wird dieses nur, wenn und insoweit es gelingt, sozial-ethische Leitplanken zu installieren.
Das Streben nach Verzinsung von Kapital mag noch nicht unethisch sein, aber das Streben nach maximaler Verzinsung hat die Tendenz zu Unethischem. Alle großen monotheistischen Religionen verurteilen Wucherzinsen und fordern den Verzicht auf jenen Teil, der oberhalb von »sehr hohen« Zinsen erwirtschaftbar wäre. Sie tun dies, um wirtschaftliche Macht sozialverträglich zu halten. Ein analoges Streben nach Wucherrendite liegt im Verhalten von Unternehmensleitungen wie dem der Deutschen Bank und dem von Aktionären, die solches Streben fordern.
Den Artikel halte ich für brandgefährlich, weil er solchem Wucherstreben ein ethisches Mäntelchen verpasst. Er unterminiert die Soziale Marktwirtschaft. Es geht nicht darum, Renditestreben zu verurteilen, denn dies ist ein wichtiger Teil einer Marktwirtschaft.
Aber es geht darum, Wucher zu benennen, zu ächten und zu unterbinden. Und angesichts der Globalisierung bedarf es hierzu international wirksamer Mechanismen.
Andreas Weller, Meckenheim
EU-Kommissionspräsident Barroso empfahl den Deutschen nach dem Fall Nokia, die Vorteile und Errungenschaften der Globalisierung in den Vordergrund zu rücken. In diesem Kontext muss ich Ihnen zu Ihrem Artikel gratulieren, er müsste eigentlich in jeder deutschen Zeitung erscheinen. Danke für den Versuch, ein vorbildliches Unternehmen zu verteidigen und den Menschen noch einmal die Regeln des Kapitalismus zu erklären. Schaut man sich die Vorteile mal genau an, überwiegen sie die Nachteile bei Weitem.
Martin Znamenacek, Frechen
Jungbluths Argumente klingen auf den ersten Blick überzeugend, sie sind aber einseitig. Indirekt wird die soziale Einstellung gegenüber den Mitarbeitern als Hobby privater Unternehmer dargestellt, die sich das leisten können. Diese Argumentation kann ich nicht akzeptieren.
Wenn Unternehmer sozial handeln, dann tun sie dies nicht nur aus ethischer Verantwortung, sondern auch deshalb, weil sie wissen, dass ein Unternehmen nur dann gedeihen und gute Arbeit leisten kann, wenn sich die Mitarbeiter darin wohlfühlen können und sie sich nicht durch einen immer größer werdenden Spardruck überfordert und bedroht fühlen, wie es leider heute häufig der Fall ist. Ein von Aktionären zu kurzfristigem Gewinnmachen gehetztes Management kann ein Unternehmen auch zugrunde richten. Was soll daran moralisch sein?
Dr. Frieder Lauxmann, Karlsruhe
Herr Jungbluth hat sicher einen klugen Artikel verfasst, und er argumentiert stringent. Warum untersucht er aber den Begriff »Moral« nur so bequem an der Oberfläche? Gehört zur Moral nicht auch, die Menschenrechte innerhalb des Unternehmens zu beachten? Ich bin durchaus für den Wettbewerb und meinethalben auch für die nicht umkehrbare Globalisierung. Grundlage aber sind bei allem Handeln, welches sich global rechtfertigen will, die Menschenrechte. Dazu gehört auch das wirtschaftliche und gesundheitliche Wohlergehen der Beschäftigten.
Wenn Herr Jungbluth wenigstens die angemessene Bezahlung und die Mindestanforderungen an die Arbeitsbedingungen für MitarbeiterInnen mitbenannt hätte, könnte ich den Artikel unterschreiben.
Gertrud Amrein, Florstadt
Ich hätte mir von Herrn Jungbluth gewünscht, dass er auf das Dilemma aufmerksam macht, in dem wir heute als Aktionäre und Bürger stehen und das von Robert Reich in seinem Buch Superkapitalismus beschrieben wird: Der Aktionär wünscht sich hohe Renditen, der Bürger (und Mitarbeiter) wünscht sich einen sicheren Arbeitsplatz. Ich befürchte, wenn wir uns nur auf eine Seite schlagen, und es ist egal, auf welche von beiden, dann gehen wir unter. Wir müssen einen Weg finden, beide berechtigten Ansprüche zu berücksichtigen. Und da wird der Aktionär in uns auf kurz oder lang Abstriche zugunsten des Bürgers machen müssen.
Andrea Schüller, Hamburg
Ich bestreite nicht, dass Aktiengesellschaften die Verantwortung für das investierte Kapital ihrer Aktionäre tragen. Das Postulieren einer moralischen Pflicht zur Gewinnmaximierung ist jedoch absurd. Sind Eltern moralisch verpflichtet, das Wohl ihrer Kinder auf Kosten anderer (Kinder) zu maximieren? Handeln sie unmoralisch, wenn sie zu Weihnachten eine Spende an eine seriöse Wohltätigkeitsorganisation entrichten, statt ihren ohnehin gut versorgten Kindern zusätzliche Geschenke zu kaufen? Wohl kaum. Ihrer Verantwortung werden sie bereits dann gerecht, wenn sie dafür sorgen, dass es ihren Kindern gut geht - nicht erst dann, wenn es ihren Kindern so gut wie irgend möglich geht.
Um es also klar zu sagen: Effizienz ist kein moralisches Prinzip.
(Heimattreue übrigens auch nicht.) Der Artikel ist daher entweder eine geschickt inszenierte und äußerst gelungene Provokation oder Ausdruck einer naiven Form von Ökonomie-Okkultismus, die den Begriff der moralischen Rechtfertigung ad absurdum führt.
Frank Brosow, Wuppertal
- Datum 20.03.2008 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.13 vom 19.03.2008, S.47
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