Medizin Leben und Vergehen
Die Medizin hat Wunder vollbracht. Aber auf drei zentrale Fragen hat sie noch keine Antwort: nach dem unvollkommenen Körper, dem Alter und dem Tod
Dieser Text ist eine gekürzte Fassung des Nachworts von »Phänomen Mensch«, Band 3 der sechsteiligen ZEIT WISSEN Edition. Der Autor Jens Reich ist Mediziner und Molekularbiologe. Von 1998 bis 2004 hatte er eine Professur an der Charité in Berlin. Seit 2001 ist er Mitglied im Nationalen Ethikrat.
Die moderne Medizin hat bekanntlich nicht den besten Ruf. Die Ärzteschaft leider auch nicht. Dem »Medizinsystem« als Ganzem wird vorgeworfen, es mache mit seiner ausgetüftelten Diagnostik die Gesunden zu Halbkranken und die Halbkranken zu vollends Kranken und unterwerfe sie dann Therapien, die oft nicht helfen, sondern nur unangenehme Nachwirkungen produzieren würden. Und bezahlen lasse sich das Ganze bald auch nicht mehr.
Es liegt an meinem beruflichen Lebensweg, dass mir hingegen besonders auffällt, welche Fortschritte die Medizin in den vergangenen fünfzig Jahren gemacht hat und wie sehr diese bei fast jedem von uns angekommen sind. Ich habe in den fünfziger Jahren Medizin studiert und war in den sechziger Jahren als Arzt tätig. Seitdem habe ich theoretisch gearbeitet, in der Biochemie und der Biomathematik. Meine praktische Erfahrung ist mithin »von damals«.
Meine Frau, praktizierende Ärztin, lacht mich regelmäßig aus, wenn ich im Gespräch über medizinische Themen dramatische Diagnosen stelle und verzweifelte Therapien vorschlage. In der Tat: Was hat sich nicht alles einschneidend geändert! Als ich 1969 sechs Wochen wegen einer Herzmuskelentzündung in der Charité verbrachte, war ich der Einzige im Krankensaal, der wieder gesund herauskam. Links und rechts von mir lagen junge Menschen, die während meines Aufenthaltes oder bald danach starben. Der eine hatte einen schweren Nierenschaden und war davon erblindet. Der Zweite litt an Leukämie und verblutete nach innen. Der Dritte hatte einen schweren Herzklappenfehler. Seine Lunge war mit Wasser gefüllt. Er kämpfte mit jedem Atemzug gegen die drohende Erstickung. Am Fenster lag ein Säufer mit Leberzirrhose in seinem erbärmlichen Delirium.
All diese Menschen, vielleicht mit Ausnahme des Trinkers, würden sich heute weit weniger quälen und nicht sterben müssen. Wenn heute ein alter Mensch stürzt und sich den Oberschenkelhals bricht, ist das noch lange nicht das Ende, wie es bei meiner Großmutter im Jahre 1953 war, deren Oberschenkelknochen nicht mehr zusammenheilen wollte. Der Bruch fesselte sie ans Bett und nahm ihr jeden Lebensmut, sodass das Ende eine gnädige Erlösung war.
Dies sind unsystematische Beobachtungen und Erlebnisse, aber ihre Häufung zeigt, was man ohne Weiteres mit Statistiken über Krankheitsinzidenz, Krankheitsverlauf und Lebenserwartung belegen könnte: Die Medizin hat uns ein längeres und dabei im Durchschnitt gesünderes Leben gebracht.
Ich will meine Profession nicht in ein goldenes Licht stellen. Ich meine lediglich, dass man diese Erfolge zur Kenntnis nehmen sollte, wenn man die Klage anstimmt über die Bürokratisierung der Medizin, über die seelenlose Pillenverschreibung anstelle eines einfühlenden Gesprächs, über die Apparatemedizin, die den Menschen, der ihr zum Opfer fällt, nicht mehr in Frieden sterben lässt, über die Gendiagnostik, die die schwangere Frau mit Prognosen ängstigt, ohne anders als mit einer Abtreibung helfen zu können, über die schlechten Zustände in den Pflegeheimen. All dies – die Missstände wie die unbezweifelbaren Fortschritte – gehört ins Bild, wenn man darüber nachsinnt, was die Medizin (genauer: die naturwissenschaftlich begründete Schulmedizin) dem Menschen gebracht und was sie ihm vorenthalten hat.
Die Medizin entwickelt sich zur biologischen Steuerungstechnik
Die Medizin befindet sich in einem epochalen Umbruch. Sie entwickelt sich immer weiter fort von den Methoden und Konzepten ihrer Ursprungszeit hin zum genomisch-zellbiologischen Paradigma und zur elektronischen Steuerungstechnik. Mikro- und Nanoverfahren mit maßgeschneiderten Wirkstoffen ersetzen die grobschlächtigen Methoden der älteren Therapie. Es ist keine abwegige Fantasie, sich vorzustellen, dass in Zukunft Sinneseindrücke in Gestalt elektronischer Impulse direkt auf den Sehnerv oder den Hörnerv gegeben werden, damit der Patient wieder sehen oder hören kann, wenn seine natürlichen Messfühler für diesen Zweck (im Auge oder Mittelohr) ausgefallen oder zerstört sind. Noch schneller könnte Technikforschern die Überbrückung der unterbrochenen Nervenleitung nach einer Querschnittdurchtrennung des Rückenmarks gelingen. Und schließlich sei die verfeinerte, individualisierte Diagnostik erwähnt: Was früher ein einfaches »Durchleuchten« mit dem Röntgengerät war, wird im 21. Jahrhundert durch ein System von biochemischen Statusvermessungen, auf dem Chip gespeicherten Erbgutsequenzen und tomografischen Tiefeninspektionen ersetzt werden.
Jenseits dieser Entwicklungstendenzen stellt sich allerdings die Frage, ob die moderne Biomedizin grundsätzliche Fehlstellen aufweist. Welche Räume sind leer geblieben, welche Dimensionen wurden nicht erfasst? Drei Stichworte umreißen die Antwort: Der unvollkommene Körper. Das Alter. Der Tod.
Die technische Optimierung des Körpers ist noch nicht gelungen
Der unvollkommene Körper ist die »Krankheit« des gesunden jungen Menschen. Im Alltag begegne ich ständig Menschen, die mit ihrem gesunden und leistungsfähigen Körper und ihrem klaren Kopf nicht zufrieden sind und sich beharrlich um Perfektion bemühen. Manche wollen schöner aussehen, manche kräftiger sein, andere sich geschmeidiger bewegen, potenter sein, ausdauernder. Die Suche nach dem perfekten Körper ist eine fatale Sucht. Der zur Krankheit gewordene Wahn, den eigenen Körper mit Medikamenten zur Leistung zu zwingen, steht am Ende der Kette von Bemühungen, die eigene Konstitution zu verbessern.
Dabei ist die Konstruktion des menschlichen Körpers, biologisch-evolutionär interpretiert, eigentlich eine phänomenale Spitzenleistung. Ich möchte behaupten, dass kein Mensch je wieder an das Werk heranreichen wird, das er an sich selbst in den ersten Monaten seiner Existenz im Mutterleib vollbracht hat. Was immer ich mir an einem neuen Menschen ansehe, die Glieder, die Haut, die Augen, die Ohren, die inneren Organe, das Design eines Körperteils oder seine Funktionalität – es ist wunderbar. Wenn ich grüble, kommen mir Zweifel an meiner Überzeugung, dass all dies das Ergebnis einer blinden, nicht auf ein Ziel gerichteten Evolution sein soll, und ich beginne intuitiv, über einen superintelligenten Schöpfungsentwurf nachzudenken.
Die Idee eines intelligenten Designers muss ich allerdings umgehend verwerfen, wenn ich mir die eingebaute Unvollkommenheit dieses Entwurfs vor Augen führe. Der Designer hat nicht einfach nur gepatzt, er hat ganz offensichtlich grundsätzliche Fehler begangen. Die kleinen Mängel will ich gar nicht rechnen, den unnützen Wurmfortsatz des Blinddarms zum Beispiel, der sich gleichwohl entzünden und sogar den frühen Tod bringen kann. Ich meine die einschneidenden Fehler.
Die Bandscheiben zwischen den Wirbelkörpern sind ohne Blutversorgung, und die schlecht und recht nährende Gewebsflüssigkeit wird ständig herausgepresst, wenn wir aufrecht sitzen, stehen oder gehen. Oder nehmen wir die Konstruktion des Auges: Dessen lichtempfindliche Zellen liegen am Grund des Augapfels und die Ausläufer der Nervenzellen davor, sodass diese sich aus ihren Verzweigungen vor den Stäbchen und Zapfen zum blinden Fleck des Sehnervenendes versammeln müssen, dadurch das klare Bild von der umgebenden Welt stören und das Gehirn zu allerlei aufwendigen Kompensationsleistungen zwingen.
Das kleine, zu enge und zudem oben durch Bänder und Knorpel fest verbundene weibliche Becken beim Menschen, durch das der in Jahrmillionen immer größer gewordene Kindskopf kaum hindurchpasst, hat einer Unzahl von Frauen und Kindern den Tod bei der Geburt gebracht – ein hoher Preis für die Vermehrung des Hirnvolumens, den man erst heute, und nur in reichen Ländern, durch den Kaiserschnitt vermeiden kann.
Beim Sprunggelenk, dem am stärksten belasteten Gelenk des menschlichen Körpers, sitzt das Schienbein so wackelig auf dem Sprungbein, dass es nur mühsam durch Bänder in Stellung gehalten wird und bei Fehltritten leicht herausspringt.
Es herrscht kein Mangel an weiteren Beispielen dieser Art. Ich kann mir keinen Gott vorstellen, der dies alles absichtlich mit so vielen Fehlern geschaffen haben soll. Ich kann mir Gott nur als Schöpfer vorstellen, der die Naturgesetze erschaffen hat und anschließend interessiert zusieht, was die Evolution zustande bringt. Da ist dann klar, dass alle Imperfektion eine unausweichliche Folge dieser Evolution ist, eine Folge der Kompromisse, die ein Primat eingehen muss, wenn er sich aufrichtet und in die Savanne übersiedelt, weil er sich dort leichter schützen und ernähren kann. So verstehe ich, dass das Becken möglichst eng sein muss, damit nicht die Bauchorgane durch den Geburtskanal absacken. Andererseits muss es immerhin so weit sein, dass ein normaler Kinderkopf hindurchpasst. Der Tod im Kindbett ist die blinde Kraft der Evolution, die den Kompromiss zwischen weit und eng über viele Generationen hinweg austariert.
Die Unvollkommenheit des Körpers zu verbessern ist ein uralter Traum des Menschen. Die technische Optimierung des eigenen Körpers ist jedoch bisher nicht gelungen, wenn man von Brillen, Haftschalen, Hörgeräten und allerlei Prothesen absieht, die eher der Reparatur als einer Verbesserung dienen. Dies könnte demnächst anders werden. Genomik und Epigenomik schaffen die informatischen Voraussetzungen, Genkonstruktion und Stammzellzüchtung die Werkzeuge, um unsere eigene Konstitution zu verändern.
Es erheben sich Stimmen, die den instinktiven Widerstand vieler Menschen gegen solche Baumaßnahmen am eigenen menschlichen Körper aufheben möchten. Auch ich habe diesen Widerwillen gegen das Künstliche, aber wenn ich sehe, was viele Menschen bereits heute anstellen, um ihren Körper topfit zu machen, kommen mir Zweifel, ob man, technische Machbarkeit in einigen Jahrzehnten als gegeben voraussetzend, ein »vernünftiges Enhancement« des menschlichen Körpers überzeugend begründet ablehnen kann.
Ist Altern einfach nur Verschleiß, oder wird der Körper gezielt abgebaut?
Dem Altern als biologischem Prozess sind Biologie und Medizin bisher kaum beigekommen. Allenfalls ist es gelungen, Störungen hintanzuhalten, die den Ablauf des Altwerdens beschleunigen. Bei den vor dem Alter ablaufenden »Epochen« des menschlichen Lebens, bei der embryonalen Phase, beim Fötalstadium, bei der kindlichen Lebensphase, bei der Pubertät schließlich, der letzten großen Umkonstruktion des Körpers (und des Geistes) auf dem Weg zur generativen Phase, dort überall sind die Myriaden von Aufbau-, Abbau- und Steuerungsvorgängen noch nicht völlig aufgeklärt – es gibt jedoch ein klares Bild von der hierarchischen Regulation des jeweils ablaufenden Prozesses: Er hat klaren Programmcharakter, hat eine hormonale Steuerungsebene und vor allem ein klar definiertes Ziel, nach dessen Erreichung eine neue Lebensphase einsetzt.
Man hat zwei Grundkonzepte zu unterscheiden: Altern als gezielter Abbau oder als Verschleiß. Die Abbautheorie beschreibt das Altern als ein programmiertes Umschalten, ähnlich reguliert und zielgerichtet wie die vorherigen Stadien des menschlichen Lebens. Hierfür spricht unter anderem, dass Seneszenz genau wie die anderen Phasen einen zwar nicht exakt, aber doch ungefähr eingehaltenen Zeitablauf hat und dass dies in einem gewissen Lebensalter, den »Wechseljahren«, einsetzt. Die alternative Abnutzungstheorie hingegen verweist auf die Verschleißprozesse. Plaques in den Nervenzellen des alternden Gehirns, bei der Alzheimerkrankheit noch pathologisch verstärkt, sind das augenfällige Beispiel hierfür. Zudem ist der Organismus insgesamt ständig chemischen und Strahlenbelastungen ausgesetzt. Leben mit Sauerstoff bedeutet, dass zwangsläufig Sauerstoffradikale entstehen, die wichtige Zellbestandteile (vor allem DNS) »zerschießen«.
Beide Theorien haben Argumente für sich und Anhänger auf ihrer Seite. Es bleiben jedoch nicht nur Wissenslücken, sondern auch tief liegende Rätsel. So altern zum Beispiel auch solche Organe als Ganzes, deren einzelne Zellen sich ständig erneuern. Die gesamte Population von Epithelzellen des Magen-Darm-Traktes wird Woche für Woche komplett erneuert. Aber auch Zellen, die als solche nicht erneuert werden, verändern ihre chemische Zusammensetzung ständig, sodass nach einigen Monaten nahezu alle Moleküle des Körpers durch neu gebildete ersetzt sind. Was soll bei so viel Erneuerung das Konzept der Abnutzung leisten? Warum altert ein Körper, der sich in Wahrheit ständig neu synthetisiert?
Ich meine, dass die rätselhafte Sonderstellung des Alterns nicht rein zell- oder organbiologisch erklärbar ist. Das Gleichgewicht, in dem sich der gesunde Organismus befindet, besteht aus zahllosen Teilsystemen, die durch biochemische, hormonale und neurale Regulation zusammengehalten werden. Trotz der Aufklärung ungezählter Regulationsvorgänge ist es ein Rätsel, wie sich die Einheit des gesamten Organismus herstellt. Im Bereich des Mentalen und des Psychischen sind wir uns einer integrierenden Instanz bewusst: Es ist das Ich, dessen wir uns biografisch sicher sind, obwohl die Neurobiologie des Phänomens noch voller Rätsel ist. Der Einheit des physischen Organismus hingegen können wir uns nicht unmittelbar bewusst werden. Henri Bergson hat den idealistisch klingenden Begriff des élan vital, des Lebenswillens, erfunden und hat ihn phänomenologisch studiert. Solche Beschreibung gibt aber auch keine Gründe dafür, warum dieser Elan im Alter schwächer wird und schließlich verloren geht, was dann zum Versagen irgendeines oder mehrerer Teilsysteme führt. Hier liegt die große Aufgabe für das neue Jahrhundert; aber mir ist nicht einmal im Ansatz klar, woher die Lösung kommen könnte. Sie ist jedenfalls die Voraussetzung für ein tieferes Verständnis des biologischen Alterns.
Auf die Frage, was der Tod ist, hat die Medizin noch keine Antwort
Zum Phänomen des Todes hat sich in der modernen Biomedizin ein bemerkenswerter Perspektivwechsel durchgesetzt. Sie hat nicht so sehr den Tod des Organismus, sondern den der Zelle in den Mittelpunkt gerückt. In meiner Studienzeit zeugte das Schicksal der absterbenden Zelle, ihre »Nekrose«, vor allem von katastrophischem Zusammenbruch und enthemmter Selbstverdauung nach Vergiftung, Bakterienwirkung, Strahlenschaden und Degeneration. Die genannten Phänomene gibt es selbstverständlich weiterhin, aber hinzugekommen ist die »Apoptose«. Dies ist ein Wort griechischen Ursprungs, das gewöhnlich mit »programmierter Zelltod« übersetzt wird. Bildhaft kann man von Selbsttötung einer Zelle reden und, da sie auch Nachbarzellen »ansteckt«, von Schwestermord. Neu daran ist die begriffliche und empirische Fassung des Zelltods als eines selbst regulierten, geordnet verlaufenden Vorgangs zum Besten des Organismus, etwa wenn Zellen, die während der Embryonalphase zeitweilig notwendig waren, sich danach zurückbilden und anderen Geweben Platz machen.
Nach dem neuen Konzept ist der Zelltod damit keine Verfallsgeschichte mehr, sondern ein programmiertes Ereignis. Wird hier in Zukunft die analoge Synthese von der Zelle zu den Organen und dem Organismus gelingen, die die Molekularbiologie für alle Lebensvorgänge anstrebt? Ist der Tod auch für den biologisch Analysierenden ein Programm und kein Zerfall, so wie es zahlreiche religiöse Denker und Philosophen von alters her gelehrt haben? Oder ist der Tod nicht vorgesehen, sondern ereignet sich, wenn das alternde Tier den Kampf ums Dasein nicht mehr bewältigt und von den Lebensressourcen verdrängt und gefressen wird? Fragen, auf die die moderne Medizin noch keine Antwort gefunden hat.
Die Menschen sind in den vergangenen 150 Jahren nicht nur älter geworden, sondern dabei auch gesünder geblieben als ihre Vorfahren. Alle vorhandenen Zeichen deuten darauf hin, dass es, die Mitarbeit der Menschen vorausgesetzt, auch in Zukunft so weitergehen wird. Mitarbeit meint hier vor allem gesellschaftlich wirksame Maßnahmen, die Krieg, Seuchen und Hunger verhindern und auch vernünftigen Lebens- und Ernährungsstil beinhalten. Schwer vorherzusehen ist, wie sich eine Gesellschaft in Zukunft organisieren muss, wenn der neugeborene Mensch nicht mehr 70 oder 80, sondern vielleicht 200 Jahre Lebenszeit vor sich hätte. Diese große Frage zu beantworten ist aber nicht länger Gegenstand der Medizin als Disziplin. Es ist vielleicht eine der größten Herausforderungen für die Menschheit.
- Datum 06.05.2008 - 03:52 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 20.03.2008 Nr. 13
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Dake, Herr Reich, für den unterhaltsamen und interessanten Artikel.
Auch ich schließe mich den Worten meines Vorredners an. Interressant wäre es zu erfahren, ob diese lebensverlängernden Erfolge der Medizin tatsächlich zum Segen oder nicht auch zum Fluch des Menschen werden könnten. Schließlich steht es auf einem anderen Blatt, ob das längere Leben, die Nöte eines längeren "Alt-Seins" als anstrebenswert erscheinen lassen. Anders gefragt: Lohnt es sich länger zu leben, wenn dieses Leben nur notdürftig verlängert wird, anstatt es bei vollen Kräften kürzer zu genießen? Auch hier heißt im Bestreben nach Perfektion das Ziel "Jungbrunnen", "Ewige Jugend", ansonsten es uns wie dem Tithonus erginge, der von den Göttern zwar ebenfalls ewiges Leben zugesagt bekam, aber vergaß nach ewiger Jugend zu fragen. Im Alter angekommen wurde ihm das Dasein zum Fluch, weil er zwar noch immer lebte, aber seine Glieder nicht mehr bewegen konnte.
Was die Theologischen Bedenken Herrn Reichs in bezug auf den Gottesbeweis und hier im Hinblick auf die "Mängel" des Körpers angehen, so haben die Gnostiker eine Erklärung diesbezüglich gegeben. Danach ist die "Seele" oder auch der "göttliche Funke" das von Gott geschaffene Unzerstörbare, das Perfekte am Menschen, während sein Abfall ihn in das niedere Sein der Materie stürzte. Deshalb auch die konsequente Folgerichtigkeit der Gnosis, danach es noch eine Gegenkraft im Universum geben muß, womit wir dann wohl beim alten Faust wieder landen würden!
Lieber Herr Reich,gerade las ich Ihren interessant geschriebenen Artikel 'Leben und Vergehen'.Sie beschreiben darin auch Ihre Bewunderung ueber die unglaubliche Leistung die ein werdendes Wesen im Mutterleib erbringt ehe es geboren wird. Ich zitiere:Seite 3'Wenn ich grüble, kommen mir Zweifel an meiner Überzeugung, dass all dies das Ergebnis einer blinden, nicht auf ein Ziel gerichteten Evolution sein soll, und ich beginne intuitiv, über einen superintelligenten Schöpfungsentwurf nachzudenken.
Die Idee eines intelligenten Designers muss ich allerdings umgehend verwerfen, wenn ich mir die eingebaute Unvollkommenheit dieses Entwurfs vor Augen führe.'
Ich weiss nun nicht wie weit Sie sich mit der biblischen Schoepfungsgeschichte befasst haben, doch sehe ich gerade da die Einigung Ihrer Beobachtung des Werdens und die des Vergehens. Im ersten Buch Moses wird eine perfekte Schoepfung beschrieben die durch einen Akt der Rebellion (das Essen der verbotenen Frucht) auf einen vorher dem Menschen angekuendigten neuen Kurs des Todes umgesteuert wird, als Konsequenz der Rebellion. Deckt sich das nicht genau mit Ihren Beobachtungen? Sie sehen die Perfektion und die Fehlleistungen die eintreten koennen und haeufig zum Tode fuehren koennen, sowie die kuerzlich erkannte Apoptose, die ein Program des Zellvergehens benennt und weiter das der Alterungsprozess nicht durch einfache Zellvorgaenge erklaert werden kann.Vielen Dank fuer Ihre Zeilen.
Richtig ist, daß die Medizin, also auch die Ärzte, über einen nicht besonders guten Ruf verfügt. Dafür trägt sie selbst, insbesondere aber auch das 'mafiaartig' organisierte Ärtzekartell, durch ihre Zielsetzungen und ihr Verhalten, die Verantwortung. Unser Sozialsystem wurde u.a. von der Ärzteschaft und der ihr sehr verbundenen Pharmaindustrie völlig ruiniert. Medizin-Wunder werden von ihr nicht, auch in der Zukunft, vollbracht. Medizin ist Handwerk (da gibt es gute und schlechte Ärzte oder Krankenhäuser), nicht mehr und nicht weniger. Für 'gutes Geld' kann auch eine solide Leistung erwartet werden. Auf die Fragen nach dem unvollkommenen Körper, dem Alter und dem Tod, die doch eher philosophischer Natur sind, können wir von den Ärzten kaum eine Antwort erwarten. 200 Jahre, was soll das? 200 Jahre, die sind als Erwartung auch nicht seriös. Unsere Herausforderungen sind, das ist heute schon sehr konkret absehbar, das Klima (incl. der daraus folgenden Völkerwanderungen von Süd nach Nord), unsere Energieversorgung (Öl = noch etwa 50 Jahre, Gas = noch etwa 60 Jahre, Kohle = noch etwa 140 Jahre und Uran = noch etwa 70 Jahre - incl. der daraus folgenden Einschränkungen und die damit verbundenen Verhaltensänderungen) und unser Versorgung mit Brauch- und Trinkwasser. Ausgeblendet wird auch, daß der Autor wohl nur die Lebenserwartung der Bürger, die auf der 'Butterseite' der Hamburger Elbvororte, oder im Taunus, in Grünwald oder am Starnberger See leben (1,1 Prozent Rentenerhöhung sind auch nicht gerade förderlich!). Auf der Weltkarte sind leider immer noch zahlreiche Staaten verzeichnet, deren Bürger im statistischen Mittel nicht über 50 Jahre alt werden. Auch die Kindersterblichkeit ist auf unserem Globus weit verbreitet. Muslime haben z.B. eine niedrigere Lebenserwartung als Christen. Dafür ist aber Jesus wohl nicht verantwortlich. Wir brauchen keine Wunder. Wir benötigen Taten!
Keine Frage! Die Erfolge der Medizin in den letzten Jahrzehnten ist unzweifelhaft da. Deren Errungenschaften im Bereich des Alterns sind ebenfalls bewundernswert.
Ich nähere mich diesem interessanten Thema von einer ganz anderen Seite. Mich interessiert, wie die Individuen mit den medizinischen Errungenschaften umgehen. Verlängertes Alter ist einerseits super, andererseits - wie schon erwähnt - fragwürdig, wenn es nur Leiden verlängert.
Meine Sicht fragt nach der Wertschätzung. Erhalten wir Patienten mehr Wertschätzung durch die hochentwickelte Medizin? Würden wir mehr Wertschätzung erhalten, würden wir fraglos glücklich und gesund leben, auch problemlos lange. Ich frage, mich wo die Medizin die Wertschätzung verlässt und was die Auswirkungen davon sind.
Jeder und jede von uns kann sich das fragen: erhalte ich Wertschätzung beim Arztbesuch, beim Spitalbesuch?
Ich arbeite seit Jahren an der Idee der Wertschätzungsgesellschaft und diskutiere weltweit über die fehlende und vorhandene Wertschätzung in unserer Gesellschaft: www.sikantis.org und www.sikantis.net.
Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir nicht nur Haarfarben sondern auch Figuren beliebig verändern können und je nach Laune Knack-oder Fettärsche tragen. Auch unsterblich können wir werden. Wer es geschafft hat, nackt vom Baum zu klettern und angezogen in Flugzeuge zu steigen, schafft es auch irgendwo im Universum zu leben, wo es angenehmer als im Sonnensystem ist. Vor allem dann, wenn in ein paar Milliarden Jahren die Sonne explodiert. Unser derzeitiges Problem sind Steine verschiedener Größe. Die einen sind faustgroß und werden von frommen Moslems benutzt, um vergewaltigte Frauen zu erschlagen. Die anderen kommen aus dem Weltraum, nennen sich Asteroiden und können im Augenblick nur deshalb nicht von ihrer Umlaufbahn Richtung Erde abgebracht werden, weil wir unsere Forschungsgelder für Phantome wie die Erderwärmung verpulvern. Falls die Asteroiden sich noch etwas gedulden, schaffen wir es, auch das Weltall samt aller schwarzen Löcher in den Griff zu kriegen. Jetzt gilt es erst mal mit den Windmüllern, Photovoltaikern, Heilsarmisten und Korangläubigen fertig zu werden. Alles kleine Fische für Erfinder.
Solche Leute wie Sie, Herr Reich, sind dafuer mitverantwortlich, dass die moderne Medizin heute in so einem schlechten Licht dasteht. In voelliger Verkennung der Zusammenhaenge, was bei jemandem Ihres Werdeganges auch nicht weiter erstaunt, machen Sie fuer das Misstrauen gegenueber der modernen Medizin deren immer noch weitreichende technische Unzulaenglichkeit verantwortlich. Sie sehen es nicht, obwohl Sie direkt davorstehen. In ihren kindlichen Allmachtsphantasien hat unsere Gesellschaft nach "immer mehr, mehr!!!" geschrien, und, ja, sie hat es erhalten. Sie haben darauf genantwortet. Mit der ganzen Bandbreite lebensverlaengernder Techniken und Massnahmen, die wie eine Art Wettruesten zu immer neuen Absurditaeten fuehrt. Jetzt sollen wir also auch noch unseren Koerper genetisch tunen, um dem Traum von der Unstreblichkeit und ewigen Jugend, samt der damit verbundenen Unreife und Realitaetsverweigerung, mal wieder ein bischen naeher zu kommen. Wunderbar. Solche Leute wie Sie sind dafuer verantwortlich, dass die zentrale Aufgabe des Arztes, das Mildern von Leid, immer weiter in den Hintergrund geraet. Das Arzt-Patienten-Verhaeltnis wird immer weiter entwertet, das aerztliche Gespraech immer mehr geringgeschaetzt. Der Tod ist nicht mehr das natuerliche Ende des Lebens, sondern eine Niederlage im Kampf um das ewige Leben. Was dabei herauskommt, sehen wir tagtaeglich auf modernen Intensivstationen. Aerzte, die die ungluecklichen Seelen, die nicht so aufmerksam waren, zu Gutzeiten ein Patiententestament zu verrfassen, nicht gehen lassen. Um jeden Preis. Angehoerige, die nicht begeifen, dass die bis zur letzten Minute propagierten Heilsversprechen nicht eingehalten werden koennen. Leidensverminderung durch Empathie, Stebebegleitung? Fehlanzeige. Der Tod wird negiert und verdraengt, bis zum letzten Atemzug. Wenn er dann doch eintrifft, sind die Umstaende dann umso dramatischer und traumatischer. Solche Leute wie Sie sind dafuer verantwortlich, dass immer wieder heimlich ueber Euthanasie in all ihren unterschiedlichen Formen nachgedacht wird, weil Sie in keinerlei Weise dazu beitragen, die in unserer Gesellschaft immer hysterischere Formen annehmende Angst vor dem Tod zu erleichtern. Im Gegenteil. It's not a bug, it's a feature. Solche Leute wie Sie sind mit ihrem Machbarkeitswahn dafuer verantwortlich, dass deswegen die "Parallelmedizin" immer neue Blueten treibt, weil Sie staendig das Thema verfehlen. Es ist bezeichnend, dass jemand wie Sie nicht in der Lage ist, den Sinn der Begrenztheit des menschlichen Lebens zu umreissen. Die einfachste Antwort auf die Frage, warum der Mensch sterblich ist, lautet: weil es gut so ist. Auf das Warum gibt es unzaehlige richtige und wichtige Antworten. Vor allem diese: Damit er nicht uebermuetig wird. Ich habe ueberhaupt nichts gegen evidenzbasierte Medizin, im Gegenteil. Der Fokus ist nur bezeichnend. Leidensvermeidung, nicht Leidenslinderung. Alle Andere wird geringgeschaetzt. Auch die Heilsversprechungen der Gentechnik werden die Menschheit nicht gluecklicher machen. Solange sie sich in den Niederungen der alltaeglichen Praxis mit Managed Care herumschlagen muss, der die Menschen als Faelle und ihre Leiden als Sandkoerner im Getriebe betrachtet. Auch wenn Sie oben noch so viel Oel nachschuetten, werden Sie das nicht aendern. Das Eine bedingt leider unabaenderlich das Andere. Der Mensch ist eben mehr als die Summe seiner Teile. Oder Gene. Solange Sie diese Tatsache vernachlaessigen, werden sie zur Verbesserung der menschlichen Existenz nichts entscheidendes beitragen koennen. „Wir leben im Zeitalter der nuklearen Riesen und der ethischen Zwerge,
in einer Welt, die Brillanz ohne Weisheit, Macht ohne Gewissen erreicht
hat. Wir haben die Geheimnisse des Atoms entschlüsselt und die Lehren
der Bergpredigt vergessen. Wir wissen mehr über den Krieg als über den
Frieden.“ (Omar Bradley) Wie ist das, Herr Reich? Haben SIE Angst vor dem Tod?
also im Anblick der Ewigkeit über das Weltenganze im Traum aufgeklärt worden zu sein, bleibt wohl einem Cicero vorbehalten. Ewiges Leben ist kein rein tithonisches Dilemma, denn auch die Vereinbarung eines gleichbleibenden Alters in des Lebens Mitte nützte einem gewissen Conor McCloud wenig, ihm starb ein ums andere Mal die Lebewelt weg. Der Verzehr falscher Lebensmittel hat zuweilen verheerende Folgen, wie solches nun aus dem 1. Buch Mose mit dieser Nachhaltigkeit fernwirkt, bleibt aber das Geheimnis der Exegetiker. Auch ein "Ich aber sage euch..." trägt nur insofern wenig glaubwürdig zum Ewigkeitsproblem bei, als dass in der Konsequenz die christliche Eschatologie dann ja ein ewiges Leben neben dem Heiland verspricht. Tatsächlich findet aber die Apoptose statt und nicht die Apokalypse, das Leben ist endlich ( von Pflanzen und Tieren nicht zu reden, wo in aller Welt könnte soviel Leben denn verbleiben?) , somit in seiner Individualität einmalig und einzigartig, es sollte im Sinne der Vernunft geführt werden, einen dominus gregis braucht es indes nicht.
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