Dieser Text ist eine gekürzte Fassung des Nachworts von »Phänomen Mensch«, Band 3 der sechsteiligen ZEIT WISSEN Edition. Der Autor Jens Reich ist Mediziner und Molekularbiologe. Von 1998 bis 2004 hatte er eine Professur an der Charité in Berlin. Seit 2001 ist er Mitglied im Nationalen Ethikrat.

Die moderne Medizin hat bekanntlich nicht den besten Ruf. Die Ärzteschaft leider auch nicht. Dem »Medizinsystem« als Ganzem wird vorgeworfen, es mache mit seiner ausgetüftelten Diagnostik die Gesunden zu Halbkranken und die Halbkranken zu vollends Kranken und unterwerfe sie dann Therapien, die oft nicht helfen, sondern nur unangenehme Nachwirkungen produzieren würden. Und bezahlen lasse sich das Ganze bald auch nicht mehr.

Es liegt an meinem beruflichen Lebensweg, dass mir hingegen besonders auffällt, welche Fortschritte die Medizin in den vergangenen fünfzig Jahren gemacht hat und wie sehr diese bei fast jedem von uns angekommen sind. Ich habe in den fünfziger Jahren Medizin studiert und war in den sechziger Jahren als Arzt tätig. Seitdem habe ich theoretisch gearbeitet, in der Biochemie und der Biomathematik. Meine praktische Erfahrung ist mithin »von damals«.

Meine Frau, praktizierende Ärztin, lacht mich regelmäßig aus, wenn ich im Gespräch über medizinische Themen dramatische Diagnosen stelle und verzweifelte Therapien vorschlage. In der Tat: Was hat sich nicht alles einschneidend geändert! Als ich 1969 sechs Wochen wegen einer Herzmuskelentzündung in der Charité verbrachte, war ich der Einzige im Krankensaal, der wieder gesund herauskam. Links und rechts von mir lagen junge Menschen, die während meines Aufenthaltes oder bald danach starben. Der eine hatte einen schweren Nierenschaden und war davon erblindet. Der Zweite litt an Leukämie und verblutete nach innen. Der Dritte hatte einen schweren Herzklappenfehler. Seine Lunge war mit Wasser gefüllt. Er kämpfte mit jedem Atemzug gegen die drohende Erstickung. Am Fenster lag ein Säufer mit Leberzirrhose in seinem erbärmlichen Delirium.

All diese Menschen, vielleicht mit Ausnahme des Trinkers, würden sich heute weit weniger quälen und nicht sterben müssen. Wenn heute ein alter Mensch stürzt und sich den Oberschenkelhals bricht, ist das noch lange nicht das Ende, wie es bei meiner Großmutter im Jahre 1953 war, deren Oberschenkelknochen nicht mehr zusammenheilen wollte. Der Bruch fesselte sie ans Bett und nahm ihr jeden Lebensmut, sodass das Ende eine gnädige Erlösung war.

Dies sind unsystematische Beobachtungen und Erlebnisse, aber ihre Häufung zeigt, was man ohne Weiteres mit Statistiken über Krankheitsinzidenz, Krankheitsverlauf und Lebenserwartung belegen könnte: Die Medizin hat uns ein längeres und dabei im Durchschnitt gesünderes Leben gebracht.

Ich will meine Profession nicht in ein goldenes Licht stellen. Ich meine lediglich, dass man diese Erfolge zur Kenntnis nehmen sollte, wenn man die Klage anstimmt über die Bürokratisierung der Medizin, über die seelenlose Pillenverschreibung anstelle eines einfühlenden Gesprächs, über die Apparatemedizin, die den Menschen, der ihr zum Opfer fällt, nicht mehr in Frieden sterben lässt, über die Gendiagnostik, die die schwangere Frau mit Prognosen ängstigt, ohne anders als mit einer Abtreibung helfen zu können, über die schlechten Zustände in den Pflegeheimen. All dies – die Missstände wie die unbezweifelbaren Fortschritte – gehört ins Bild, wenn man darüber nachsinnt, was die Medizin (genauer: die naturwissenschaftlich begründete Schulmedizin) dem Menschen gebracht und was sie ihm vorenthalten hat.