Ferienhaus Raus ins Haus
Heim in der Fremde oder Spießeridyll? Am Ferienhaus scheiden sich die Geister. Ein Contra
Der Mensch ist begrenzt lernfähig. Fehler werden meist so lange wiederholt, bis man stirbt. Im Moment, die Qualen des letzten Ferienhausaufenthaltes noch zu plastisch vor Augen, habe ich zwar das Gefühl, gelernt zu haben. Doch vermutlich wird das in zwei Jahren vergessen sein, und ich werde wieder Opfer meiner kitschigen Ideen. Das gemeine Ferienhaus.
Ich habe in meinem kurzen Leben ungefähr 15 Ferienhäuser gemietet. Schön war keines davon. Ob Frankreich, Schweiz oder Italien, immer verlockte mich die Idee von Autonomie: vom Einkaufen im ortsansässigen Lebensmittelgeschäft, vom urigen Morgengespräch mit herzensguten Eingeborenen, vom Zubereiten rustikaler Gerichte und von deren Verzehr im hauseigenen Garten. Die Realität war immer anders. Alle Häuser, an die ich mich erinnere, waren braun. Irgendwie fand da zu viel Holz statt. Die Bettwäsche war immer gemustert. Blau, gelb, wieder braun. Manchmal hingen Marionetten von der Decke, denen ich aus ästhetischen Gründen Kopfkissenbezüge überwerfen musste. Nachts erschrak ich dann wegen all der Gespenster. Immer, ich betone: IMMER, gab es dort, wo das Haus stand, einen geilen Nachbarn, der abends durch mein Badezimmerfenster schaute. Das machte, dass ich mich nur aus dem Haus traute, wenn die Luft rein war, um dann im Dorfladen aus dem beschränkten Angebot Lebensmittel zu wählen, die ich unter normalen Umständen keines Blickes gewürdigt hätte.
Da sitzt man dann also in seinem braunen Ferienhaus, umzingelt von Hängegespenstern und ohne Internet. Denn das funktioniert nie. Also rufen Sie Luigi an. Luigi kommt Tage später, er ist mit dem Dorfdeppen verwandt, und in der Folge gucken zwei sabbernde Männer ins Badezimmer.
Das Haus, das mich hätte versöhnen können, habe ich letzten Sommer angemietet. An der ligurischen Küste. Ein Wohnturm. Direkt am Meer. Das sah so gut aus, außerdem hatte ich einen stattlichen Herrn dabei, sodass die Dorfdeppen diesmal nicht das Problem sein würden. Das Turmhaus ging dann so: ein kleiner Raum mit Küche drin, von dem ein winziges Fenster auf einen riesigen Parkplatz schaute, worauf die Menschen parkten, die nachts in die Disco neben dem Turm wollten, das Meer war dahinter. Auf der anderen Seite befand sich die Regionalbahnstrecke, dahinter die Küstenschnellstraße, und wem diese gute Verkehrsanbindung nicht genügte, der konnte auf die Autobahn zugreifen, die 400 Meter hinter der Schnellstraße verlief.
Nach der ersten Nacht flohen wir, ängstlich darauf bedacht, dass die freundliche Besitzerin uns nicht stellte und zum Bleiben nötigte. Bezahlt hatten wir im Voraus. Das Glück freilich, das wir empfanden, als wir in ein reizendes minderbemitteltes Hotel in Arona glitten wie junge Luchse, war nicht mit Geld aufzuwiegen. Das war Freiheit. Unbezahlbar auch die Erkenntnis: Ferienhäuser, die mir gefallen könnten, halten sich an der Côte d’Azur auf und kosten 10.000 Euro am Tag. Sie haben Personal, weiße Bettwäsche, einen Pool und Bäume vor dem turnhallengroßen Schlafzimmer. Die anderen sind für Menschen, die sich im richtigen Leben kein Haus leisten können. So ist das.
Ferienhäuser - Ein Pro von Christof Siemes »
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- Datum 13.05.2009 - 17:03 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 20.03.2008 Nr. 13
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