Das Letzte Der werte Echte

In London wurde ein neues Mozart-Porträt entdeckt. Nur sieht der Komponist darauf gar nicht aus wie er selbst. Viel eher wie sein Kollege Joseph Haydn.

Herr, erbarme Dich! Miserere! Schon wieder ist ein original neues Mozart-Bild aufgetaucht, jetzt bereits das vierte. Das 35 mal 48 Zentimeter große Porträt, so melden Agenturen wahrheitsgetreu, sei »ohne Zweifel« um 1783 vom Wiener Hofmaler Joseph Hickel angefertigt worden. Der 27-jährige Mozart sieht auf dem in London vorstellig gewordenen Ölgemälde allerdings nicht wirklich aus wie Mozart, sondern eher wie der Komponist Joseph Haydn. Er trägt denselben roten Gehrock wie dieser bei seiner Hochzeit mit der schönen Anna Maria Keller.

Wenn Mozart auf dem echten Ölgemälde schlankweg Haydn ähnlich sieht, stellt sich uns Liebhabern die Frage, ob die bislang echten Bilder von Haydn noch echt sind. Auf diesen Bildern sieht Haydn nun original aus wie Mozart auf dem Londoner Bild, während von Mozart nur Bilder überliefert sind, auf denen er dreinblickt wie Haydn als der Messias Mozarts. Und die Gemälde, auf denen Mozart wirklich so aussah wie Mozart? Sie haben sich ganz klar als Fälschung erwiesen, weshalb wir davon ausgehen müssen, dass Joseph Haydn die frühe Kopie war, zu der Wolfgang Amadeus Mozart das späte Original bildet.

Was sind das für Zeiten, in denen ein unrechtmäßiges Mozart-Bild so viel baumlanges Schweigen zu Haydn einschließt! Und wie hat Mozart nun in echt ausgesehen, wenn er nachweislich nicht Haydn war? Das können wir nicht wissen, denn Mozart hasste Kopien und Kopisten. »Wegen der Sinfonie«, schrieb er 1784 dem Herrn Vater, »bin ich nicht heiklich, allein die 4 Concerte bitte ich bey sich im hause abschreiben zu lassen. Denn es ist den Kopisten in Salzburg so wenig zu trauen als den in Wien.« Der Satz ist wirklich echt, denn Mozart hat immer betont: »Was mich am meisten aufrichtet, ist, daß ich ein ehrlicher Deutscher bin.«

Ehrlich hat er die fetten Kopisten aus Salzburg verachtet, und die Stadt, die diesen Kugeln ein Zuhause gab, verachtete er gleich mit: »Ich hoffe nicht, dass es nötig ist zu sagen, dass mir an Salzburg sehr wenig und am Erzbischof gar nichts gelegen ist und ich auf beides scheiße.« Das ist ein weltberühmter deutscher Kraftausdruck, denn ehrlich sind die Deutschen ja. Übrigens hasste Mozart den Erzbischof deshalb, weil dieser sich aufführte wie die Kopie eines echten Papstes, der bekanntlich bis heute noch nie jenem originalen Petrus ähnlich war, von dem wir auch nicht wissen, wie er ausgesehen hat, jedenfalls nicht wie Haydn. Eher wie Mozart.

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Leser-Kommentare
  1. Da es sich mit einiger Gewissheit um ein echtes Porträt handelt, sollte man von jetzt an umgekehrt die bisher als zweifelhaft geltenden Porträts erneut untersuchen, von denen eines, bisher als "unecht" geltendes, dem neuen Porträt sehr ähnelt.  Sogar die rote Jacke ist vorhanden.  Es handelt sich um das Porträt, das man derzeit auf jeder Mozartkugel bewundern kann.
    Das neue Porträt deckt sich übrigens auch mit dem Augenzeugenbericht von Michael Kelly: "He was a remarkably small man, very thin and pale, with a profusion of fine fair hair." 

  2. Habe mich mal intensiv mit diesem Thema befaßt. Da bin ich sicherlich nicht der Erste und auch nicht der Letzte.

    ( entfernt: Bitte verlinken Sie nur Seiten, deren Bezug zum Thema direkt ersichtlich wird. Danke. Die Redaktion/m.e. )

    Die neuerliche Entdeckung eines Mozart Portraits ist meiner Meinung nach keinesfalls Mozart. Im Vergleich aller authentischen Bilder von Mozart stimmen fast sämtliche Details nicht überein mit dem entdeckten Portrait. Insgesamt ist der ganze Typus nicht Mozart.

    Damit möchte ich es bewenden lassen.
    Danke. Alfred Dirksen

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  • Quelle DIE ZEIT, 19.03.2008 Nr. 13
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  • Schlagworte Joseph Haydn | London | Musik | Salzburg | Erzbischof | Wien
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