DISKOTHEK Frau sieht rot
Stellen Sie sich vor, Sie sind wütend, sehr wütend. Der öffentliche Personennahverkehr ist zusammengebrochen, der Chef lebt seine schlechte Laune aus, und das Finanzamt versendet die Steuerbescheide.
Wenn Sie das Kinomonster Hulk wären, würden Sie es der Welt am Abend eines solchen Tages heimzahlen, indem sie ein paar Hochhäuser in Schutt legen. Aber Sie sind nicht der Hulk. Was könnten Sie tun?
Zum Beispiel in eine Videothek gehen und sich alle Filmtitel auflisten lassen, in denen das Wort Rache vorkommt. In einer gut sortierten Videothek können das gut und gern 200 Positionen sein. Es handelt sich offenbar um ein bedeutendes Thema, um einen Affekt, der seine Wurzeln in vorhistorischen Zeiten hat Die Rache der Dinosaurier , um einen Impuls, der alle Kulturen, Klassen und Geschlechter befällt, und der sogar die gesamte Menschheit von diesem Planeten fegen könnte: wenn nämlich Die Rache der Ozeane über uns kommt, wie eine auf Frank Schätzing basierende Dokumentation prognostiziert. Die Ozean-DVD erscheint erst im April. Die Rache der Gladiatoren ist ausgeliehen - Kriemhilds Rache kenne ich. Trotzdem bin ich zufrieden mit dem Paket, mit dem ich mich zu meinem persönlichen Wut-Management-Wochend-Workshop zurückziehe: Rache ist süß, Eine Stadt nimmt Rache, Blutige Rache, Rache ist sexy. Die Basics eben.
Die Rache scheint zwar vor allem eine Leidenschaft der deutschen Verleihfirmen zu sein in den Originaltiteln kommt sie gar nicht so oft vor. Aber irgendwie ist da, wo das R-Wort draufsteht, meistens auch Rache drin. Und nach einer Weile sehe ich sowieso überall rot.
Selbst die tierischen Helden des Dino-Films es handelt sich um den B-Movie-Klassiker Valley of Gwangi, in dem Artisten einer Rodeo-Show ein prähistorisches Biotop entdecken scheinen der Rachsucht verfallen. Jedenfalls lässt sich ohne Annahme eines höheren Motivs nicht erklären, warum Gwangi, der alte T-Rex, einen fetten Styracosaurus-Kadaver liegen lässt, um ein paar dürre Cowboys zu verfolgen.
Falls Sie selbst vorhaben, so einen DVD-Workshop zu veranstalten, würde ich jedoch empfehlen, mit dem märchenhaften Kinderfilm Rache ist süß (Babes in Toyland) einzusteigen. Bei Stan Laurel und Oliver Hardy wiederum lernt man die Grundregeln: das tit for tat wie du mir, so ich dir. Komplizierter wird es im Erwachsenenleben. Der Witz besteht jetzt darin, seine Affekte zu kontrollieren, damit die Rache auf ein Graf-von-Monte-Christo-Niveau gelangt. In dem Bollywood-Drama Blutige Rache (Dum) wird der satanisch böse Kollege nicht mehr einfach über den Haufen geschossen. Und in dem bizarren Revolutionswestern Eine Stadt nimmt Rache (A Town Called Hell) wartet eine schöne Blondine geduldig wie eine Spinne darauf, den Mörder ihres Mannes in einem mitgeführten schwarzen Sarg zur letzten Ruhe zu betten.
Wie viel Zeit, Geld und Arbeit in einem Racheplan stecken können, sieht man aufs Schönste in der Highschool-Komödie Rache ist sexy (John Tucker Must Die) von 2006, in der vier Mädchen einen jugendlichen Schwerenöter zu ruinieren versuchen durch Rufmord, Intrige und Verführung, unter Aufbietung aller Mittel, die Mode, Pharmazie und Elektronik zur Verfügung stellen. Wenn der Film am Ende Versöhnung anmahnt, ist es längst zu spät.
- Datum 19.03.2008 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.13 vom 19.03.2008, S.44
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