Frohe Botschaften
Wer, wie unser Fotograf, regelmäßig an der Annenkirche in Berlin-Mitte vorbeifährt, dem Gotteshaus einer altlutherischen Gemeinde, blickt auf eine Plakatwand. Allmonatlich hängt dort ein neues Bild für den Glauben, für Gott. Die Lockrufe des Herrn. » Jesus ist auferstanden.
Sollte uns das egal sein?«, steht da zu lesen auf blauem Hintergrund, es ist der Himmel. » Wozu lebe ich? Um Gott zu finden« im Hintergrund ist subtil die polnische Flagge zu sehen, da hat das Christentum seit je ein gewisses Feuer. Mal ist die Schrift wie ein heiteres Kirchenfenster gestaltet, mal prangt sie weiß und ernst auf dem finsteren Hügel Golgatha.
Es eint die Plakate ihre Einfachheit, ihre Unprofessionalität, die an Ostermärsche der frühen achtziger Jahre erinnert, an die Friedensbewegung, an die alten Grünen, an Latzhosen, an die Improvisationskunst gepeinigter DDR-Bürger, an alles Selbstgemachte und gebastelte nichts könnte uns heute, da beinahe jede Gegenbewegung längst durch die Institutionen marschiert ist, ferner liegen als derartiger Anachronismus. Die Bilder irritieren, wie es uns immer irritiert, wenn Vergangenes gegen alle Wahrscheinlichkeit ein beharrliches Weiterleben führt.
Die Werbeaktionen der Volkskirchen in jüngster Zeit waren von professionellen Agenturen erstellt. » Wir haben immer schon sonntags geöffnet«, stand vor Kurzem auf Plakaten der Evangelischen Kirche Berlin, um gegen die Ladenöffnungen am Sonntag anzugehen. Es lächelte auf ihnen im Pastorengewand ein ungemein gut aussehender junger Mann.
War hier die Kirche eine Allianz mit dem Eros, mit kapitalistischer Werbeästhetik eingegangen, so verweigern sich diese Bilder tapfer jeder Neuerung. Der eine oder andere mag noch Plakate des Künstlers Klaus Staeck kennen, ihnen sind sie anverwandt.
Wer je auf einem Kirchentag war, je auf dem Rasen inmitten einer Jugendgruppe sich den basisdemokratischen Gitarrenklängen eines langhaarigen Jünglings hingab (»Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da«), der weiß, dass engagierte Christen in ästhetischer Hinsicht bei aller betonten Lockerheit gerne dem Zeitgeist trotzen. So auch unsere Bilder, die das, was war, jeden Monat aufs Neue erstehen lassen. Ausgerechnet in Berlin-Mitte, wo das, was war, so rasch verschwindet.
- Datum 19.03.2008 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.13 vom 19.03.2008, S.M28
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