Glanzwörterlos
Was ist die Welt und ihr berühmtes Glänzen, fragt sich Hoffmann von Hoffmannswaldau einmal. Die Heldin dieses Buchs (und ihre Autorin, sie ähneln sich sehr) fragt sich das nicht, aber sie kriegt es heraus (Katja Oskamp: Die Staubfängerin - Roman - Ammann Verlag, Zürich 2007 - 221 S., 18,90 ). Der Mann ist ihr gestorben, den sie mochte (Liebe ist mehr ein Glanzwort), ein sehr viel älterer, ziemlich ramponierter Typ - nun kommt der Glanz, nämlich der Dirigentenfrack als Prunkstück im schicken Zimmer des Generalmusikdirektors, mit Samtbiesen und allem, und davor er selber, mit Stiernacken und Goldkettchen, dem verfällt die junge Regieassistentin, und ganz schön lange eigentlich.
Aber dann geht es bergab mit ihm, der Frack verstaubt, der große schöne GMD entpuppt sich als egomanischer Kümmerling, schert sich um nichts, weder um die junge Frau noch um das zu früh geborene und grade eben noch lebensfähige Kind - schlimm demontiert er sich, eine letzte Tat, sein Frack im Freien gleichsam ist ein irres Gewächshaus, das er sich im Garten aufstellen lässt, seine junge Frau hat die Grube dafür gegraben, irgendwie ist es auch seine oder doch die der Ehe, Liebe ist ja wirklich ein Wort aus der anderen Welt.
Die Autorin lässt ihre Heldin selber erzählen, aber die tut das auf eine Art, als hätte sie selbst auch wieder gar nichts zu tun mit allem (außer mit dem zu früh geborenen Kind) oder als hätte sie, um gedanklich zurande zu kommen mit sich und dieser Welt, die Autorin um eine Sprache gebeten, die ihr, in einem Gemisch aus Naivität und Witz und Sarkasmus, wenigstens ein bisschen Luft und vor allem die Freiheit lässt, ihr Leben auch immer wieder wie aus der Ferne zu sehn, wie ein Theater, wie eine wenn auch nicht immer völlig verständliche Szenenfolge. Die Vermutung liegt nahe, dass die Autorin von sich erzählt, so unimitiert, man möchte sagen, so unentrinnbar riecht das alles nach wirklichem Leben und sie hat sich da in ihrer Heldin ein Alter Ego geschaffen, dem sie nun beinahe mit jenem kühlen (als scherzte sie auch bloß) Selbstmitleid zuschauen kann, von dem Nietzsche einmal gemeint hat, zu was Höherem könne es der Mensch auch gar nicht bringen.
Keineswegs heißt das, dass die Heldin sich nicht immer zu helfen wüsste, nur scheint sie selbst meistens nicht zu wissen, wie sie das eigentlich schafft. Also nicht bloß, dass sie uns etwa einfach nicht verriete, was sie antreibt, dies und das zu tun, und uns dann plötzlich mit unvorhergesehenen Taten (wenn das regelrechte Taten sind) überrascht, sondern sehr oft kommt sie uns selber als die Allerüberraschteste vor, oder nicht einmal, so sehr scheint sie daran gewöhnt zu sein, sich Sachen machen zu sehn, und eigentlich bloß, weil sie die eben für die halten muss, die nun dran sind.
Genau in diesem Stil, kaum ist das idiotische Gewächshaus fertig, verlässt sie eines Tages einfach samt Kind Frack und Mann und alles, zieht in eine kleine Wohnung, und als ihr dann die Fenster zu schmutzig werden und ihr ein älterer Fensterputzer gefällt, den sie bestellt hat, auch ein kleines bisschen ein ramponierter Typ, nimmt sie ihn sich oder lässt ihn sie sich nehmen, das ist eine wunderschöne erotische Phantasmagorie beinahe, mit der das Buch dann aufhört, eine unvermutete Szene von Glück, wenn das nicht auch wieder so ein Glanzwort wäre. Das ist es vielleicht, dieses glanzwörterlose Schreiben - nicht dass die Glanzwörter umsonst wären, ihnen liegt ja was zugrunde dahin will dieses Schreiben, und da kommt es hin.
- Datum 20.03.2008 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.13 vom 19.03.2008, S.56
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