Die Engländerin Paula Garfield und ihr Lebensgefährte Tomato Lichy sind gehörlos. Als die Regisseurin mit ihrem ersten Baby schwanger ging, hoffte sie, es würde ebenfalls taub sein. Ihr Wunsch ging in Erfüllung. Sie und Lichy, er ist Künstler, verstehen Taubheit nicht als Behinderung, sondern als Kulturzustand. Taubstumme verfügen ihnen zufolge in der Zeichensprache über ein vollgültiges Ausdrucksmittel, das sie zu einem ganz eigenen Humor und einer eigenen Poesie befähige. Jetzt will Frau Garfield zum zweiten Mal schwanger werden. Sie ist 41 Jahre alt, ohne eine Befruchtung im Reagenzglas wird das kaum gehen. Dem stünde auch nichts im Wege – außer ihrem Wunsch, einen genetisch auf Taubheit programmierten Embryo zu selektieren.

Anders als in Deutschland ist die Selektion von Embryonen auf der Insel möglich. Das Unterhaus debattiert diese Woche einen Passus zur Regelung des zunehmend genutzten Verfahrens. Die Implantation abnormaler Embryonen soll gesetzlich unterbunden werden. Darunter fallen Spermien und Eizellen mit Veranlagung zu Taubheit.

Das Künstlerpaar ist empört über die staatliche Diskriminierung von Gehörlosigkeit. Niemand würde von Schwarzen oder Juden verlangen, sich durch genetische Selektion auszurotten, entrüsten sie sich. Das gesunde Volksempfinden schlägt da Purzelbäume. Bewusst ein taubes Kind zu zeugen, verkündet die Daily Mail , Zentralorgan des englischen Kleinbürgertums, sei total unmoralisch. Die populistische Times titelt: Die Wahl eines tauben Babys ist ein Verbrechen. Sogar John Humphreys, liberaler Starmoderator der BBC, wirft dem Paar vor, der Wunsch nach einem behinderten Baby sei blanker Egoismus: »Denken Sie denn gar nicht an die Zukunft Ihres Kindes, das nie Beethoven hören können wird?«

Ein unter die Gürtellinie zielendes Argument. Man könnte genauso gut behaupten, ein im Busch lebender Afrikaner führe kein lebenswertes Leben, solange er die europäische Klassik nicht kenne. Nimmt man dagegen die Argumente der Taubstummen ernst, spricht einiges für sie. Der Astrophysiker Stephen Hawking kann sich nur mit einem Sprachcomputer mit der Außenwelt verständigen. Irgendwann dürften Embryonen mit der Anlage zu seiner Krankheit erkennbar sein. Soll man diese dann wegwerfen? Wie steht es um Embryonen mit anderen Behinderungen? Einstein stünde als Opfer des Asperger-Syndroms auf der Abfallliste, Pythagoras und Newton kämen als Epileptiker in den Ausguss.

Man kann sich gut vorstellen, dass taube Eltern viel besser ein taubes als ein hörendes Kind großziehen können. Sie hören zwar keinen Beethoven und keine Befehle auf dem Kasernenhof. Aber bleiben uns Hörenden die Nuancen der Gehörlosenwelt nicht ebenso verschlossen? Reiner Luyken