Kaleidoskop In Ewigkeit, starr und schön

Eine Schädelstätte breitet sich aus. 191 Köpfe, Büsten, Porträtskulpturen auf einem hüfthohen Podest von 6 mal 13 Metern, in mehreren Reihen dem Betrachter zugewandt. In der Art zeigt die Archäologie gern ihre Funde doch das ist ein Vergleich, der schnell an der Präsenz der Häupter zerbricht. Eine Aura umgibt sie, die auch den dunkel getäfelten Ausstellungskeller im ohnehin tempelartigen Marbacher Literaturmuseum ergreift: Als wäre man in die Krypta eines seltsamen Kultes eingedrungen. Die meisten Porträts stehen auf Sockeln, ein paar sockellose liegen, eines ist besonders häufig: das des Dichters Stefan George. George in Bronze, Linde, Gips, gut dreißigmal George, sofort erkennbar am charakteristischen Schopf, big hair wie eine Dame in der Oper (hat er sich eigentlich toupiert?).

Doch ebendiese Aureole lässt die liegenden George-Köpfe wie verwandelt aussehen: Wie ein abgeschlagenes Gorgonenhaupt liegt er da, mit Strähnen wie Schlangen. Das ist natürlich Zufall, aber ein treffender: Denn der Blick Stefan Georges hat alle hier Porträtierten versteinert.

Sind es Denkmäler? Sind es Totenmasken?

Das geheime Deutschland. Eine Ausgrabung heißt die Ausstellung, zu der Ulrich Raulff und Lutz Näfelt die wohl eigentümlichste Erbschaft der deutschen Dichtung arrangiert haben: die Porträtskulpturen des George-Kreises. Es ist eine der schönsten, befremdendsten, aufregendsten Literaturausstellungen der letzten Jahre geworden.

Dreizehn Kästen mit Fotos und Dokumenten erläutern die Hintergründe, ins Podest versenkt, das Gesamtbild nicht störend. Die Köpfe, leicht unter dem Blickniveau des Besuchers, verschieden groß, aus grüner Bronze, weißem Gips, bunten Hölzern und Steinen, ergeben ein sehr schönes, sich dauernd änderndes Bild reizvollster Hinterschneidungen, neuer Beziehungen. Dazu stehen ihre Minen in scharfem Kontrast.

Verweigern sich, ausdruckslos. Die Ewigkeitszüge von Denkmälern tragen sie. Oder die von Totenmasken?

Hier beginnen die Fragen an diese literaturlose Literaturausstellung.

Was also weiß man? Von 1912 an haben die George-Anhänger Ludwig Thormaehlen, Alexander Zschokke, Frank Mehnert (und einige andere) die Mitglieder des Kreises porträtiert, oft viele Male. Zschokke und Mehnert bildhauerten nach Georges Tod 1933 weiter, andere bis in die fünfziger Jahre. Sie alle dilettierten als Bildhauer, die künstlerische Qualität ist bestenfalls gering, oft nah am faschistischen Monumentalstil. Prompt sollte Frank Mehnert, »unser kleiner Nazi« (George) und späterer Hitlerbüstenmacher, die einzigen Porträts des Georgianers Claus von Stauffenberg schaffen. Eines davon, das mit der kuriosesten Geschichte, ist hier zu sehen. Im Kuriosen, Anekdotischen aber erschöpft sich tatsächlich fast jeder kunsthistorische Bezug. In der Hinsicht ist für die Köpfe weder ästhetisch noch fürs Verständnis viel zu holen. Später hat der Krieg manche Spur verwischt, viel verbrannt, nach Marbach fanden halb vergessene Magazinbestände. Auch der Verbleib der Stücke sagt also nichts über ihren Zweck. Alte Atelierfotos zeigen einzelne Köpfe auf Stelen, aber Hunderte davon, die wohl existierten, können so nicht postiert worden sein.

Warum also haben die das gemacht? Was wollten die Georgianer mit den Skulpturen? Was sahen sie darin, wozu dienten sie? Wir kennen kein Programm, keinen Schlüssel. Wenn es ihn je gab, so hat ihn der große Inszenator George, wie oft, vernichtet. Doch die Leerstelle, auf die man hier stößt, ist ein Kraftpol, zieht ein Netz von Bezügen, in dem die Kopfgalerie deutbar wird: als ideales, ebenso originelles wie düster visionäres Abbild des George-Kreises.

Diese sektenhafte Gemeinschaft ist eine heik-le Angelegenheit. In seiner grandiosen George-Biografie hat Thomas Karlauf die Gruppe als exemplarischen Fall von Kunstreligion, Charismatik und Antimodernismus sowie großer geistiger Potenz geschildert. Der Dichter, eine bannende Persönlichkeit, scharte junge Männer um sich, begriff sich als Erzieher einer ethischen Elite (dass sie weniger ein »Kreis« als ein kompliziertes Feld war, veranschaulicht das Marbacher Tableau nebenher). Stefan George war homosexuell, die meisten seiner schönen Jünger nicht, verführt hat er offenbar nie einen, der das nicht wollte. Diese Verquickung von Erotik und Gefolgschaft ist etwas unappetitlich, unbeschadet dessen aber sahen sich Autoren wie Ernst Kantorowicz bestens gefördert.

Von Anfang an spiegelte sich der Bund in einer raffinierten Ikonografie, etwa in Fotos, welche Freundschaft ebenso poetisch stilisieren, wie es Georges Lyrik tut. Die Porträtskulpturen steigern dies. In einem funkelnden Essay zeigt Ulrich Raulff, wie »plastisch« sich George begriff: als Wortformer und Seelenbildner »Georgescher Menschen«. Jede Porträtsitzung eines Neophyten besiegelte also einen prometheischen Bund sein Bildnis war die Votivgabe an den Dichtergott.

Der Ritus hatte nach Georges Platon-Lektüre begonnen, die den Dichter zweifellos in der Pose als Philosophenkönig bestärkte, als Herr seines »geheimen Deutschland« so heißt ein Gedicht, in dem ein mediterraner Faun zu einer nordischen Mission ruft. Dass zu Platons Zeit die Porträtkunst entstand und »platonische Liebe« eine homoerotische Chiffre war, tat ein Übriges: Die halb naturalistischen Häupter symbolisieren exakt Georges retroplatonisch-vergeistigten Eros. In der Idealgalerie waren alle einander verbrüdert und verliebt. Die Porträtierung war die Initiation in die Ewigkeit, in die Walhalla des Bundes.

Was für ein Wahnwitz: Wer sollte diese Galerie je bewundern?

So etwa ließe sich das denken. Wenn man dieses bizarre, autorenunabhängige, sich perpetuierende, ernste Bildprogramm insgesamt als künstlerisches Konzept begreift, so stellt es viel, was die Kunst später so projektiert hat, in den Schatten. Die Kunstwissenschaft müsste die Ausstellung eigentlich als Sensation feiern, was nicht geschehen wird, da sind die Diskursmauern vor. Das dichterische Pharaonengrabmal, das in Marbach zu bestaunen ist, darf nur von Literatur erzählen.

Was es erzählt, ist freilich Wahnwitz. Denn wer hätte diese Galerie je bewundern sollen? Vielleicht ist hier ja eine archäologische Ästhetik am Werk. Vielleicht wollte George ja, dass man die Büsten nach tausend Jahren aus dem Schutt unserer Welt gräbt denn er war kein Sieges-, sondern ein Untergangsprophet, wie Walter Benjamin früh erkannte und dann die Epoche als die Georgianische erkennt. Man hätte darin eine Zeit gefunden, deren Beste sich im makaberen Antiquarium einer todesfreudigen Gralsgemeinde verewigten. In stummer, starrer Schönheit, deren hohe Sitte vor dem Leben versagte.

»Das geheime Deutschland. Eine Ausgrabung« bis 31. August 2008, Literaturmuseum der Moderne, Marbach am Neckar

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.13 vom 19.03.2008, S.56
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  • Schlagworte Stefan George | Walter Benjamin | Literatur | Kulturbetrieb
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