Deutschland/Israel Es hat sich trotzdem gelohnt

Von Schmidt über Schröder zu Merkel: Israels früherer Botschafter über seine wechselvollen Jahre zwischen Jerusalem und Berlin

Ich kann Ihnen nicht sagen, wie geehrt ich mich fühle, heute Abend zu Ihnen sprechen zu können. Als ich im vorigen Juni eine Einladung von Frau Strauss erhielt, die diesjährige Leo-Baeck-Vorlesung zu halten, stand ich kurz vor dem Ende meiner fast siebenjährigen Zeit als israelischer Botschafter in Berlin. Ich war angenehm überrascht, dachte mir, dass ich solch ein Angebot unmöglich ablehnen könne und sagte sofort zu.

Der Titel, den ich für meine Vorlesung ausgewählt habe, lautet „"Von Jerusalem nach Berlin und zurück – eine diplomatische Reise“". So weit ich nach der Lektüre früherer Vorlesungen weiß, ist diese Vorlesung keine „typische“ Gedenkvorlesung. Ich war, wie es in der Einladung heißt, „ein Zeuge, ein Beobachter und ein Teilnehmer einer komplizierten Beziehung“. Darum werde ich versuchen, diejenigen Erinnerungen, Eindrücke und Überlegungen mit Ihnen zu teilen, die ich im Laufe dieser Jahre gesammelt habe und für die interessantesten meiner beruflichen Laufbahn halte.

Ich habe nicht die Absicht, meine Bemerkungen chronologisch zu ordnen. Stattdessen werde ich mir je nach Bedarf die Hüte des Zeugen, des Beobachters und des praktisch Beteiligten aufsetzen. In diesen jeweiligen Eigenschaften werde ich die komplexe und einzigartige Natur der israelisch-deutschen Beziehung in den Blick nehmen. Ich werde beschreiben, wo wir herkamen, wo wir gegenwärtig stehen und wohin wir steuern. Abschließend werde ich ihnen gewissermaßen einen Schnappschuss des heutigen Deutschland liefern –so wie ich es wahrnehme. Wenn wir die israelisch-deutschen Beziehungen betrachten, beleuchten wir zugleich auch andere Aspekte der deutschen Außenpolitik sowie der Art und Weise, wie die deutsche Gesellschaft mit ihrer Vergangenheit umgeht.

Im Lichte dieser Überlegungen lassen Sie mich zunächst sagen, dass sich für mich mit meiner Ankunft in Berlin-Schönefeld am 31. Dezember 2000 ein Kreis schloss, der im August 1980 begonnen hatte. Damals war ich als junger Mitarbeiter an die israelische Botschaft in Bonn versetzt worden. Für mich ging damit ein Traum in Erfüllung. Doch ich erinnere mich noch genau an die Reaktion meiner Frau, als ich sie im April 1980 anrief, um ihr von meiner bevorstehenden Versetzung zu berichten. „Gut für dich“, sagte sie. „Du kannst gehen, aber ich bleibe hier.“ Zu dieser Zeit war unser Sohn gerade erst dreieinhalb Jahre alt, und angesichts des familiären Hintergrundes meiner Frau war ihre Reaktion nicht überraschend. Tatsächlich war meine eigene Freude darüber, nach Bonn geschickt zu werden, angesichts meiner eigenen Familiengeschichte sicherlich eine Ausnahme. Die Mitglieder meiner Familie, Überlebende der Shoah, setzten sich mit ihrer traumatischen Jugend dadurch auseinander, dass sie schwiegen und mit uns Kindern nicht über ihre Erfahrungen sprachen. Wie viele andere Überlebende hatten sie sich dafür entschieden, Deutschland zu boykottieren. Ich dagegen traf den Entschluss, mich mit der Biografie meiner Familie offensiv auseinanderzusetzen, also in Deutschland zu leben und mit Deutschen Umgang zu pflegen. Ich brauche nicht hinzuzufügen, dass ich keinen Grund habe, diese Entscheidung zu bereuen.

Einige Monate nach meiner Ankunft im August 1980, wurde ich Zeuge einer massiven Krise unserer bilateralen Beziehungen. Diese Krise, inzwischen bekannt als die „Schmidt-Begin-Krise“, begann mit der Nachricht, dass die deutsche Regierung plante, Panzer vom Typ Leopard II an Saudi-Arabien zu verkaufen. Daraufhin besuchte Bundeskanzler Schmidt Saudi-Arabien und gab anschließend ein Interview, in dem er über das Leid vieler Menschen in Europa zur Zeit des Zweiten Weltkrieges sprach. Er nannte dabei verschiedene Nationen konkret beim Namen, erwähnte aber mit keinem Wort die Juden. Ich weiß nicht, wie die offizielle israelische Reaktion ausgesehen hätte, wenn nicht Menachem Begin Premierminister gewesen wäre. Vom ersten Tag an hatte sich Begin stets vehement dagegen ausgesprochen, mit Deutschland über welches Thema auch immer zu reden. Das galt auch für das, was bedauerlicherweise als „Wiedergutmachungsabkommen“ bekannt geworden ist. Selbst von der Einrichtung diplomatischer Beziehungen zu Deutschland wollte Begin nichts wissen. Die Pläne der Deutschen, Israels Feinden Panzer zu verkaufen sowie die anschließenden Kommentare Helmut Schmidts waren für Begin vollständig unakzeptabel. Schmidt lieferte Begin den Anlass, seinen antideutschen Gefühlen freien Lauf zu lassen.

Ich erwähne diese diplomatische Krise zum einen, weil sie die erste war, die ich miterlebte und mit deren Konsequenzen ich zu tun hatte. Zum anderen aber demonstriert diese Krise auf symptomatische Weise die Komplexität, die die Beziehungen zwischen Israel und Deutschland von Anfang an gekennzeichnet hat. Es handelt sich um ein Verhältnis, das alles andere als spannungsfrei und unbefangen war –und bis zu einem gewissen Grad gilt dies noch immer. Dieses bilaterale Verhältnis hat sich im Spannungsfeld von Realpolitik und moralischen Erwägungen entwickelt und ist für manche bis heute ungeklärt. Zugleich war und ist dieses Verhältnis aus israelischer Sicht mit hohen Erwartungen befrachtet und hat gerade deshalb zuweilen zu Enttäuschung Anlass gegeben.

Die Schmidt-Begin-Krise zeigt zugleich beispielhaft, dass die deutsche Israelpolitik die israelischen Interessen im Nahen Osten nicht zur Kenntnis nahm, sondern sich an den übergeordneten außenpolitischen Zielen Deutschlands orientierte. Vor dem Hintergrund der Geschichte hätten viele Beobachter angenommen, dass die israelischen Interessen einen starken Einfluss auf die deutsche Politik haben würden. Das war aber nicht der Fall. Angesichts des Kontextes, aus dem das israelisch-deutsche Verhältnis hervorging, verstand sich nichts an dieser Beziehung von selbst –und zum Teil gilt dies noch immer.

Lassen Sie mich nun mein Berliner Kapitel aufschlagen und einige der wichtigen Themen dieses Teils meiner diplomatischen Reise ansprechen. Am 9. Mai 2001 weihten wir im Rahmen einer sehr bewegenden Feierstunde unsere neue Botschaft in Berlin ein. Es ist klar, dass die Einweihung einer Botschaft des Staates Israel kein alltägliches Ereignis ist, dies erst recht dann nicht, wenn sie in Berlin stattfindet. Lassen sie mich aus der Rede zitieren, die ich anlässlich dieses unvergesslichen Anlasses in Anwesenheit der Außenminister Peres und Fischer vor mehr als 4.000 Gästen hielt. Das Zitat beantwortet wenigstens teilweise eine Frage, die mir von Deutschen oft gestellt wurde: „Wie fühlen Sie sich in Berlin?“ Ich gebe zu, dass mir nicht immer klar war, was für eine Antwort sie von mir erwarteten.

Dies jedenfalls sagte ich: „Es wird niemanden überraschen, wenn ich die Einstellungen des jüdischen Volkes gegenüber Berlin als kompliziert beschreibe. Berlin ist diejenige Stadt, die in der deutsch-jüdischen Geschichte immer den zentralen Ort einnahm. Hier befand sich vor 90 Jahren das Hauptquartier der zionistischen Organisation. Der weltberühmte Philosoph [tatsächlich Religionshistoriker, T.D.] Gershom Scholem wurde 1897 in Berlin geboren und erfüllte sich 1923 den zionistischen Traum, nach Palästina auszuwandern. Berlin ist auch die Stadt von Herman Schoendorf. Schoendorf war ein Kaufmann, der sich 1928 ein Grundstück kaufte, um darauf ein Wohnhaus zu bauen. Auf genau diesem Grundstück steht heute die Botschaft Israels. Im Unterschied zu Gershom Scholem glaubte Herman Schoendorf an die Möglichkeit einer deutsch-jüdischen Symbiose. Im Alter von 66 Jahren jedoch wurde er im Jahr 1934 gezwungen, gemeinsam mit seiner Familie Berlin zu verlassen. Schoendorf hatte das Glück, die Shoah zu überleben und verbrachte den Rest seines Lebens als Immigrant in der Schweiz.

Scholem und Schoendorf spiegeln das Spektrum des jüdischen Lebens in Berlin und Deutschland wider. Nachdem die Nazis an die Macht gekommen waren, erkannten unglücklicherweise zu wenige innerhalb dieses Spektrums, dass dort, wo man Bücher verbrennt, schon bald auch Menschen verbrannt werden könnten. Diejenigen, die dies nicht für möglich hielten, wurden Opfer einer Entscheidung, die während der Wannseekonferenz getroffen wurde –in einer Villa nicht weit entfernt von Schoendorfs Haus. 64 Jahre nachdem Schoendorf zur Flucht gezwungen wurde, kaufte der Staat Israel das Grundstück, auf dem sein Haus noch immer steht. Wir errichteten unsere Botschaft direkt daneben. Manche werden meinen, mit diesem Akt schließe sich ein Kreis. Andere werden finden, der Bau der Botschaft sei lediglich der Beginn eines neuen Kapitels der Beziehungen zwischen Deutschland und Israel.“

Wenn ich die Frage beantworten soll, wie ich mich in Berlin fühle, muss ich an eine weitere Frage denken, die man mir gestellt hat. Das ist die Frage nach dem Unterschied zwischen der „Berliner Republik“ und der „Bonner Republik“. Aus meiner persönlichen Sicht lautet die Antwort, dass in der „Bonner Republik“ meine Tochter geboren wurde. Offiziell gesprochen, ist die „Bonner Republik“ ein abgeschlossenes Kapitel, während die „Berliner Republik“ gerade einmal den Anfang eines neuen Kapitels bildet. In politischer Hinsicht war die „Bonner Republik“ ein Ergebnis des Zweiten Weltkriegs mit all seinen innen-, außen- und verteidigungspolitischen Folgen. Bonn ist eine kleine Stadt im Westen Deutschlands, geprägt von rheinischer Mentalität. In dieser Umgebung genoss ich die ziemlich entspannte Lebensart und die vielfältigen Kontakte innerhalb der diplomatischen Gemeinschaft. Die Abende und Wochenenden verbrachte man oft in dieser engen Gruppe –vor allem deshalb, weil daneben nicht viel los war. Gemeinsame Abendessen ermöglichten den intensiven Austausch zwischen Politikern und Journalisten. Was die Rolle der Medien angeht, scheint mir die Politik damals weniger hektisch gewesen zu sein. Mit Blick auf kulturelle Angebote – ein wichtiger Bestandteil meines Lebens –konnte Bonn nicht mithalten mit Köln oder Düsseldorf, erst recht nicht mit Paris oder London. Die „Bonner Republik“ markiert auch eine besondere Ära hinsichtlich des Umgangs der Deutschen mit ihrer Geschichte. Sie war gekennzeichnet durch das, was „Vergangenheitsbewältigung“ genannt wurde und so gesehen zugleich „Überwindung“ der Vergangenheit bedeutet. Diese Terminologie habe ich immer für problematisch gehalten. Aus meiner Sicht lässt sich die eigene Geschichte weder „bewältigen“ noch „überwinden“. Man kann nur versuchen, so gut es geht mit ihr zu leben.

Was die „Berliner Republik“ angeht, so ist die deutsche und jüdische Geschichte in der Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschland überall präsent. Ständig wird man an die Vergangenheit erinnert. In Berlin haben sich die Beziehungen zwischen Politik und Medien in einem Ausmaß verdichtet, das weder den Medien noch der Politik gut tut –und der Demokratie schon gar nicht. Dabei ist mir natürlich klar, dass Deutschland keine Ausnahme ist und dieser Trend auch andere demokratische Staaten erfasst hat. Zugleich markiert die „Berliner Republik“ den Anfang eines neuen Kapitels im Umgang der deutschen Gesellschaft mit ihrer Vergangenheit. Ich werde darauf später zurückkommen.

Was die Kultur angeht, übertreibe ich nicht, wenn ich sage, dass es keine europäische Stadt mit Berlin aufnehmen kann. Ich kenne schlicht keine andere Stadt und kein anderes Land, wo Kultur als integraler Bestandteil der staatlichen Aufgaben begriffen wird und nicht als Luxusgut. Die Deutschen, die in diese Verhältnisse hineingeboren sind, halten das für selbstverständlich. Als Zugereister aus einer anderen Kultur und als Kulturkonsument bin ich neidisch. Ich habe mir keine Gelegenheit entgehen lassen, die Einzigartigkeit zu genießen, die Deutschland im Allgemeinen und Berlin im Besonderen zu bieten haben.

Lassen Sie mich zu den bilateralen Beziehungen zurückkehren. Jahrestage, vor allem runde, sind immer gute Gelegenheiten, um einzuhalten, um zu feiern und um eigene Urteile zu überprüfen. Eine dieser Gelegenheiten war der 13. Mai 2005, der Tag, an dem sich die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und Deutschland zum vierzigsten Male jährte. Wir nahmen dieses Jubiläum zum Anlass, uns Rechenschaft abzulegen: Wo hatten wir begonnen? Wo standen wir inzwischen? Wohin waren wir unterwegs?

Wir erinnern uns alle daran, wie schwer es dem Staat Israel und dem jüdischen Volk vor dem Hintergrund der Shoah zunächst fiel, mit Deutschland überhaupt irgendeinen Umgang zu pflegen oder gar die Verhandlungen aufzunehmen, die schließlich zum Wiedergutmachungsabkommen führen sollten. Man kann sicherlich den Unwillen nachvollziehen, mit dem viele Israelis der Aufnahme von Kontakten begegneten. Aber mir fällt es noch immer schwer, den Streit zu begreifen, der über diese Frage innerhalb der Regierung Adenauer, unter den deutschen Christdemokraten und unter ihren liberalen Koalitionspartnern von der FDP ausbrach. Es bedurfte tatsächlich der Stimmen der sozialdemokratischen Opposition, um dem Wiedergutmachungsabkommen die nötige Mehrheit im Bundestag zu sichern. Zugleich ist zu sagen, dass diese Vereinbarung niemals möglich geworden wäre, hätten nicht mit Adenauer und Ben Gurion zwei achtunggebietende politische Persönlichkeiten den Weg gewiesen. Nur weil sie sich über die Vorbehalte und die Abneigung auf beiden Seiten hinwegsetzten, waren sie fähig, die richtige Entscheidung zu treffen und eine Einigung herbeizuführen. Diese Einigung ebnete schließlich den Weg, auf dem ein neues Kapitel der Beziehung zwischen Juden und Deutschen sowie vor allem zwischen ihren beiden Staaten geschrieben werden konnte.

Diplomatische Beziehungen zwischen Deutschland und Israel herzustellen war kein einfacher Prozess. Wie ich bereits sagte, stand Israel keineswegs im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der deutschen Nahostpolitik. So kam es, dass Deutschland Mitte der fünfziger Jahre sogar eine israelische Initiative zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen zurückwies. Manchen Experten meinen, dass Deutschland in die Entscheidung, solche Beziehungen herzustellen, schließlich geradezu hineinstolperte.

Bedenkt man die Schwierigkeiten, die im Zuge dieses Prozesses zu bewältigen waren, sind dessen Ergebnisse im Rückblick überaus eindrucksvoll. Wir sind weit gekommen, und wir haben auf etlichen Gebieten viel erreicht: politisch und wirtschaftlich, in der militärischen und in der kulturellen Zusammenarbeit, mit Blick auf die wissenschaftliche Kooperation und im Jugendaustausch, aber auch was die privaten Beziehungen von Mensch zu Mensch angeht. Ich habe nicht die Zeit, allzu viele Einzelheiten zu erörtern, darum lassen sie mich besonders auf den Aspekt der Politik eingehen. Seit den frühen achtziger Jahren erleben wir, dass sich das öffentliche Bild, das die Deutschen von Israel haben, kontinuierlich verschlechtert. Demgegenüber kann die offizielle Haltung Deutschlands –zumindest auf der Ebene der Bekundungen – eher als Kontinuität denn als Wandel beschrieben werden.

Die deutsche Regierung betont regelmäßig ihre Verantwortung für die Sicherheit und das Existenzrecht Israels. Wenn deutsche Politiker über Israel sprechen, gleichgültig ob sie Freunde Israels sind oder nicht, leiten sie ihre Bemerkungen fast immer damit ein, dass sie das Existenzrecht Israels bekräftigen. Einerseits könnte man diese wiederholten Versicherungen als positive Unterstützung des deutschen Bekenntnisses zu Israel begreifen. Andererseits aber hat mich angesichts der häufigen Wiederholung dieser Zusicherung immer ein Gefühl des Unwohlseins und sogar der Unsicherheit beschlichen. Ich habe deutsche Politiker niemals über das Existenzrecht Frankreichs, Großbritanniens oder der Vereinigte Staaten sprechen hören. Die ständige Wiederholung des Bekenntnisses zu Israel lässt sich auch als Zeichen der Unsicherheit deuten – was sie umso dringender zu machen scheint, um nur ja jeden Zweifel an Deutschlands Position zu zerstreuen. Aber was bedeutet dieses verbale Bekenntnis in ganz praktischer Hinsicht? Welche Schritte wäre eine deutsche Regierung zu unternehmen bereit, um dieser Verantwortung gerecht zu werden? Es ist nicht ausgeschlossen, dass die nukleare Bedrohung Israels durch den Iran weiter zunimmt, auch nicht, dass die Verhandlungen zur Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts durch eine Zwei-Staaten-Lösung im Sande verlaufen. In beiden Fällen könnte es sein, dass die Frage nach der Existenz Israels irgendwann handfest auf der Tagesordnung steht.

Der erste deutsche Politiker, der zu diesen Themen eine Haltung eingenommen hat, ist Bundeskanzlerin Angela Merkel gewesen. Sie hat die deutsche Verantwortung für die Existenz Israels anerkannt und zum integralen Bestandteil der deutschen Politik gemacht. Ferner hat sie die Bedrohung Israels durch den Iran eingeräumt und erklärt, dass für Deutschland der Augenblick der Wahrheit näher komme. Dies ist das erste Mal, dass ich gehört habe, wie ein deutscher Politiker tatsächlich zugibt, dass Deutschlands Verantwortung für Israels Existenzrecht praktische politische Folgen hat. Bundeskanzlerin Merkel war auch die erste deutsche Regierungspolitikerin, die erklärte, dass eine Zwei-Staaten-Lösung Israel erlauben sollte, seinen jüdischen Charakter zu bewahren.

Lassen Sie mich betonen, dass die wachsende Lücke zwischen der Position der deutschen Regierung und der öffentlichen Meinung über Israel Anlass zur Sorge geben sollte. Diese Differenz könnte in Zukunft Einfluss auf die deutsche Außenpolitik ausüben. Zwar haben unsere bilateralen Beziehungen eindrucksvolle Fortschritte gemacht. Aber dennoch fällt es mir schwer, sie als „normal“ zu kennzeichnen. Der israelische Schriftsteller Amos Oz sprach für viele Israelis, als er sagte, dass normale Beziehungen zwischen Israel und Deutschland unmöglich seien und auch nicht passend wären. Manche deutschen Politiker sowie die öffentlichen Meinung in Deutschland teilen diese Meinung nicht –und hatten auch schon in der Vergangenheit eine andere Auffassung. Bereits in den frühen fünfziger Jahren betrachteten viele Deutsche die Beziehungen zwischen Juden und Deutschen als normal.

Ungeachtet aller Fortschritte ist jedoch festzustellen, dass etwas schief gelaufen ist. Bis in die siebziger Jahre hinein war, in den Worten von Amos Oz, „eine deutsche Zuneigung zu Israel und den Israelis zu spüren, die sich aus verschiedenen Quellen speiste. Zu diesen Quellen gehörten ein schlechtes Gewissen, die Idealisierung Israels und überzogene Erwartungen.“ Diese Einstellung hat sich gewandelt. Seit den achtziger Jahren haben wir erlebt, wie die alte Zuneigung zu Israel antiisraelischen Gefühlen Platz gemacht hat. Diese Gefühle haben im Prinzip nichts mit Antisemitismus zu tun, sondern eher mit einer simplistischen Einteilung der Welt in Gute und Böse, wie sie schon für die Achtundsechziger kennzeichnend war. Dass Israel dabei zu den Bösen zählt, erleichtert zugleich die historische Last derer, die so denken. Meinungsumfragen bestätigen, dass sich diese Sichtweise kontinuierlich ausgebreitet hat –mit einer kurzen Abweichung in den neunziger Jahren und während des Friedensprozesses von Oslo. Wäre ich in jenen Jahren Botschafter in Deutschland gewesen, hätte die vergleichsweise freundliche und friedliche Lage im Nahen Osten meine Arbeit sehr erleichtert. Die allgemeine Meinung in Deutschland und Europa war damals, dass wir drauf und dran seien, den israelisch-palästinensischen Konflikt zu lösen.

Seit dem Zusammenbruch der Verhandlungen von Camp David im September 2000 und dem Beginn der zweiten Intifada hat sich die zuvor freundliche Einstellung zu Israel gewandelt. Seit diesen Ereignissen, die zeitlich mit meinem Eintreffen in Deutschland zusammenfielen, ist Meinungsumfragen zufolge ein beträchtlicher Rückgang der positiven Einstellungen zu Israel festzustellen. Eine dieser Umfragen hat mich besonders schockiert. Sie wurde im Oktober 2003 von der EU in Auftrag gegeben, und ihre Ergebnisse wiesen aus, dass 65 Prozent der Deutschen – der höchste Prozentsatz unter allen Mitgliedstaaten der EU der Meinung waren, Israel stelle die größte Bedrohung des Weltfriedens dar. Damit hielten die Deutschen Israel für eine größere Bedrohung als so „friedliebende Staaten“ wie Syrien, Iran und Nordkorea. Ich glaube nicht, dass der Grund für diese feindselige Einstellung ihren Grund darin hat, dass sich Israel mit militärischen Mitteln gegen Terrorismus zur Wehr setzt. Ursächlich sind vielmehr einige Faktoren, die nicht unmittelbar mit irgendeinem konkreten Ereignis zu tun haben.

Zugleich bin ich überzeugt, dass die Medien eine wichtige Rolle dabei gespielt haben und weiterhin spielen, bereits bestehende negative Einstellungen und Vorurteile zu verstärken, von bloßer Abneigung bis hin zu Antiisraelismus und Antisemitismus. Ich behaupte keinesfalls, dass den Medien die Hauptverantwortung für den Ausbruch des Konflikts zukommt. Überhaupt nicht. Meine Kritik zielt, grundsätzlich gesprochen, eher auf die fehlende Professionalität der Medien. Ich würde sogar sagen, dass sich die Medien zunehmend eine Schiedsrichterrolle anmaßen, für die sie kein Mandat besitzen. Ganz gleich, ob ich in meinen Jahren als Botschafter in Deutschland die Fernsehnachrichten ansah, Radio hörte oder Zeitung las –regelmäßig hatte ich das Gefühl, dass die Medien eine voreingenommene Haltung gegenüber Israel an den Tag legten. Israel wurde fast ausschließlich mit Terror in Verbindung gebracht, die Palästinenser galten als Opfer. Israelische Opfer kamen so gut wie gar nicht vor. Der Eindruck täuscht nicht, dass Israelis nicht mehr wie einst als Opfer wahrgenommen werden. Die Opferrolle ist auf die Palästinenser übergegangen.

Natürlich hat Israel sowohl die Voreingenommenheit der deutschen Medienberichterstattung als auch die antiisraelische Einstellung von Teilen der deutschen Öffentlichkeit kritisiert. Aber diese Kritik ist ihrerseits von deutschen Journalisten, Intellektuellen und Politikern ausgeschlachtet worden. Man warf die Frage auf, ob es denn nicht legitim sei, Israel zu kritisieren – ganz als ob Kritik an Israel ein Tabu wäre. Jürgen Möllemann, ein gewiss nicht von antiisraelischen und antisemitischen Gefühlen freier „Liberaler“, stellte diese Frage im Vorfeld des Wahlkampfes von 2002. Sein Werbematerial zeigte Premierminister Scharon und den deutschen Juden Michel Friedman, um das Thema auf die Tagesordnung zu setzen und Wählerstimmen zu gewinnen. Sein Plan scheiterte zwar, aber dass die FDP als Repräsentantin bürgerlicher Wählergruppen –überhaupt auf die Idee verfallen konnte, mit antiisraelischen und antisemitischen Aussagen für sich zu werben, war eine überaus ernüchternde Erfahrung.

In meiner Antwort auf die ziemlich lächerliche Debatte über die Legitimität von Kritik an Israel, sagte ich sehr klar, dass es legitim sei, Israel zu kritisieren, vorausgesetzt die Kritik sei gut begründet und konstruktiv. Ich fügte hinzu, dass Kritik aufhört, legitim zu sein, wenn sie eines der drei Kriterien erfüllt, die ich die „drei D’s“ nenne: Dämonisierung, Doppelstandard und Delegitimierung. Unglücklicherweise habe ich in meinen Jahren als Botschafter durchaus Beispiele für diese drei D’s erlebt. Für mich deutet das darauf hin, dass den Urteilen und Äußerungen mancher „Kritiker“ Israels vermutlich antiisraelische und antisemitische Einstellungen zugrunde liegen.

Es ist vielleicht kein Zufall, dass der Verfall der öffentlichen Wertschätzung für Israel mit einem Prozess zusammenfiel, den Michael Naumann als „die neue Normalität“ bezeichnet hat. Diese Normalität ergibt sich aus der seit dem Zweiten Weltkrieg vergangenen Zeit, aus dem Ende des Kalten Krieges und aus der deutschen Vereinigung. Diese Entwicklungen traten gemeinsam ein und schufen neue Umweltbedingungen für das, was zuvor als „Vergangenheitsbewältigung“ bezeichnet worden war. Der aus meiner Sicht typische Vertreter dieser „neuen Normalität“ ist der frühere Bundeskanzler Schröder. Er verkörpert ein neues Deutschland, das nicht nur fordernder und selbstbewusster auftritt, sondern auch bereit ist, in der internationalen Politik eine größere Rolle einzunehmen.

Es war Bundeskanzler Schröder, der die langjährigen Grundpfeiler der deutschen Außenpolitik beiseite räumte, ganz besonders die eindeutige Unterstützung der Vereinigten Staaten und das bedingungslose Eintreten für die europäische Integration. Es war die rot-grüne Koalition unter Bundeskanzler Schröder und Außenminister Fischer, die den –zuvor in der deutschen Politik tabuisierten –Gebrauch militärischer Gewalt entideologisierte, um Deutschlands Beteiligung am Balkankrieg zu legitimieren. Fischer rechtfertigte die Entscheidung, indem er das Motto „"Nie wieder Auschwitz"“ gebrauchte. Und es war Bundeskanzler Schröder, der als Erster von „deutschen Interessen“ sprach und hinzufügte, diese Interessen würden in Berlin und nirgendwo sonst definiert. Schröder war auch derjenige, der vom „deutschen Weg“ sprach als –ein historisch belasteter Begriff. Und mit einer Zeremonie, in der dem Kriegsende 60 Jahre zuvor gedacht wurde, war es Gerhard Schröder, der erklärte, das Kapitel der Nachkriegsgeschichte sei nunmehr geschlossen.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen hat sich der intellektuelle und öffentliche Geschichtsdiskurs in Deutschland verändert. Der Historiker Norbert Frei, der sich ausgiebig mit dem Thema Erinnerung beschäftigt hat, überschrieb einen Artikel, den er im Jahr 2004 in der Wochenzeitung „ DIE ZEIT“ publizierte, mit den Worten: „ "Die Erinnerungsschlacht um den 60. Jahrestag des Kriegsendes 1945 hat begonnen. Deutschland steht vor einer Wende im Umgang mit seiner Vergangenheit." “ Bei anderer Gelegenheit sprach er von dem Gezeitenwechsel, der beim Thema Erinnerung festzustellen sei und bezeichnete Schröder als Verkörperung des sich verändernden Codes der Erinnerung. Den deutschen Diskurs aus Anlass der 60. Wiederkehr des Kriegsendes zusammenfassend, bemerkte Frei, dass in nahezu jeder Rede eine doppelte Forderung zu hören gewesen sei: Die Deutschen, hieß es immer wieder, sollten sich einerseits ihrer historischen Verantwortung bewusst bleiben, andererseits aber aufhören, sich von ihrer Vergangenheit verunsichern zu lassen. [Im englischen Original wörtliches Zitat, T.D.] Um diese Beobachtung zu unterstreichen, füge ich an, dass die öffentliche Debatte sowie die wissenschaftliche Forschung in den vergangenen fünf Jahrzehnten verschiedene Phasen durchlaufen haben. Standen zunächst Fragen der Schuld und der Verantwortung im Mittelpunkt, so geht es in der gegenwärtigen Diskussion verstärkt um die Versöhnung mit den Lebenswegen von Mitgliedern der eigenen Familie – was dazu beiträgt, die Unterschiede zwischen Tätern und Opfern zu verwischen. Anders gesagt: In den vergangenen Jahren haben wir eine Verschiebung der Erinnerungsdebatte von der Perspektive des Jahres 1933 zur Sichtweise des Jahres 1945 erlebt. Tatsächlich ist in jüngerer Zeit in Zeitschriften, Romanen und Filmen sogar eine wachsende Beschäftigung mit deutschem Leid und deutschen Opfern festzustellen.

Ein herausragendes Beispiel für diese Perspektive ist die Idee, in Berlin ein Zentrum zu erreichten, das dem Gedenken an die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg dienen soll. Dieser Plan löste eine innenpolitische Debatte aus, die auch in Polen kräftigen Widerhall fand. Noch vor zehn Jahren wäre solch eine Entscheidung unvorstellbar gewesen. Man kann mit Norbert Frei feststellen, dass die Idee, dieses Zentrum in Berlin einzurichten, als Versuch verstanden werden könnte, die Erinnerung an deutsches Leid parallel zu jenem Denkmal zu platzieren, das 2005 nach 17 Jahren kontroverser Debatte eingeweiht wurde und an die Vernichtung der sechs Millionen Juden erinnert. Zu befürchten ist nicht, dass „die Vergangenheit“ aus dem Diskurs verschwinden könnte, schreibt die israelische Historikerin Yfaat Weiss. Vielmehr könnte der sich wandelnde Charakter der Debatte die Einzigartigkeit der deutschen Geschichte herunterspielen. Weiss argumentiert, der Prozess der Universalisierung der Shoah führe dazu, dass aus einer konkreten historischen Verantwortung auf der Grundlage einer ganz bestimmten deutschen Erfahrung eine politisch-moralische, in universell gültiger Sprache formulierte Verantwortung werde. Wie nie zuvor verwischt diese neue Formel die tatsächliche Historie. Noch ist es zu früh, um vorauszusagen, in welche Richtung dieser Prozess weiter verlaufen wird, welche grundsätzlichen Folgen er haben wird und wie er die deutsch-israelischen Beziehungen beeinflussen kann. Jedenfalls ist klar, dass das Bild, das sich die Deutschen von ihrer eigenen Vergangenheit machen, Israel nicht gleichgültig sein kann, weil es für unsere langfristigen politischen Beziehungen von hoher Bedeutung ist.

Lassen Sie mich nun der Frage nachgehen, wie der oben beschriebene Prozess unsere bilateralen Beziehungen beeinflusst –und weiterhin beeinflussen wird. Es ist klar, dass die Säule der Erinnerung nicht mehr lange stabil genug sein wird, um die deutsch-israelischen Beziehungen dauerhaft abzustützen; und ganz sicher kann die Erinnerung nicht die Grundlage des weiteren Beziehungsausbaus sein. Ich kann nicht für die Deutschen sprechen, aber ich kann sagen, dass Deutschland als führendes Mitglied der Europäischen Union ein entscheidender und strategischer Partner für Israels Zukunft bleibt. Ergänzend zur Säule der Erinnerung werden wir allerdings eine zusätzliche Begründung für unsere Beziehungen finden und gemeinsame Ziele definieren müssen. Betrachten wir die Herausforderungen, vor denen beide Gesellschaften – besonders im Hinblick auf den Prozess der Globalisierung – stehen, dann können wir nach meiner Überzeugung sowohl bilateral wie im Verhältnis zur EU gemeinsame Interessen benennen.

Während meiner Jahre in Deutschland beanspruchte die Vertretung der Interessen Israels einen beträchtlichen Teil meiner Zeit und meiner Energie. Dennoch konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, meinen Hobbys nachzugehen. Zu diesen Hobbys gehören die Oper, klassische Musik, Theater, Fußball und das Sitzen in Cafés. Wie ich bereits sagte, waren die Möglichkeiten, meine Vorlieben auszuleben aufgrund der Rolle, die die Kultur in Deutschland spielt, außerordentlich vielfältig. Gerade was den Fußball angeht (der von manchen sicherlich nicht als Bestandteil der Hochkultur erachtet wird), war die Weltmeisterschaft im Jahr 2006 ein einmaliges Ereignis, das ich glücklicherweise miterleben konnte. Das Turnier war nicht nur herausragend gut organisiert, es nahm in seinem vierwöchigen Verlauf auch immer mehr den Charakter eines einzigen großen Festivals an. Zugleich lieferte dieses Ereignis interessante Perspektiven auf die besagte „neue Normalität“: deutsche Fahnen vor Wohnhäusern, deutsche Fahnen an Autos befestigt, deutsche Fahnen geschwenkt auf den Straßen – all das waren ungewöhnliche Phänomene für eine Gesellschaft, die sich so lange schwer getan hatte, Patriotismus und Nationalstolz an den Tag zu legen. Die sich daran entzündende Debatten über Patriotismus und Nationalstolz waren erhellend. Viele Deutsche gaben der Hoffnung Ausdruck, dass sich der plötzlich so entspannte Umgang mit diesen Gefühlen fortsetzen werde. Doch wie sich nach der WM zeigen sollte, waren diese Gefühle tatsächlich nur von kurzer Dauer.

Lassen sie mich abschließend meinen Schnappschuss von Deutschland zum Zeitpunkt meines Abschieds mit Ihnen teilen. Ich verließ ein Land, das mehr jammert als nötig, ein Land im Umbruch und auf der Suche nach neuen wirtschaftlichen und sozialen Modellen. Diese Modelle braucht Deutschland, um den neuen Realitäten der Globalisierung gerecht zu werden, die die Sphären der Innenpolitik, der Verteidigung und der auswärtigen Beziehungen beeinflussen.

Was die deutsche Innenpolitik angeht, verließ ich ein Land, das einmal für seine politische Stabilität bekannt war, sich aber in den kommenden Jahren als weniger stabil erweisen könnte. Das einst erfolgreiche Wohlfahrtsmodell gelangt an sein Ende und produziert eine wachsende Anzahl von „Verlierern“. Aus diesen rekrutiert die Linkspartei ihre Wählerschaft, die sich zur Linken der Sozialdemokratischen Partei positioniert. Diese Partei wirbt um die „Verlierer“ mit populistischen Slogans, die kurzfristig mitreißend wirken, hinter denen sich aber keine langfristigen Lösungen verbergen.

Ich verließ ein Land, in dem der Rechtsextremismus, namentlich jener der NPD, in drei Länderparlamenten vertreten ist. Ich glaube nicht, dass diese besorgniserregende Entwicklung als Randphänomen abgetan werden sollte. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und ziehe damit sicherlich Kritik auf mich: Angesichts des Auftauchens einer Linksoption im Parteiensystem, die gegenwärtig bereits im Bundestag vertreten ist, lässt sich auch eine Rechtsoption nicht mehr ausschließen. Sie könnte zur Rechten der konservativen Parteien entstehen. Ich halte dieses Szenario nicht für weit hergeholt.

Ich verließ ein Land, das gerade erst „entdeckte“, dass die Integration seiner türkischen Minderheit in die deutsche Gesellschaft, vorsichtig ausgedrückt, keine Erfolgsgeschichte ist. Diese Erkenntnis, in Verbindung mit den ziemlich düsteren demografischen Perspektiven der alternden deutschen Gesellschaft, hat eine Diskussion mit vielfältigen Verzweigungen ausgelöst. Wir müssen begreifen, dass jene deutsche Identität, die wir kennen, ebenfalls mitten im Prozess des Umbruchs steckt.

Ich verließ eine Gesellschaft, die für eine wachsende Zahl von Juden aus der früheren Sowjetunion eine Art „Gelobtes Land“ geworden ist. Diese neuen Einwanderer sind eine Quelle des Stolzes und der Zufriedenheit für Deutschland, denn die Deutschen betrachten ihre Anwesenheit gleichsam als Errungenschaft und Beleg des eigenen Wandels zum Besseren. Für die zuvor kleine jüdische Gemeinschaft in Deutschland allerdings hat sich die Integration zehntausender Neulinge als eine Aufgabe erwiesen, die zu bewältigen ihr schwer zu schaffen macht. Schließlich handelt es sich bei den Einwanderern aus Russland um Menschen, die nicht nur einem völlig anderen politischen und kulturellen Umfeld entstammen, sondern auch eine andere historische Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg mitbringen. Diese kulturellen Unterschiede haben Spannungen verursacht, deren Bewältigung zweifellos noch einige Zeit beanspruchen wird. Am Ende wird eine neue Gemeinschaft mit einer neuen jüdischen Identität entstehen, deren Führung die neuen Mehrheitsverhältnisse widerspiegeln sollte.

Welche Rolle wird diese kleine Gemeinschaft in der neuen deutschen Gesellschaft spielen? Wird sie auch weiterhin das moralische Gewicht auf die Waage bringen können, das ihr die eigenen herausragenden Führungspersönlichkeiten in der Vergangenheit eintrug? Die Antwort ist offen. Welche Art von Beziehung diese Gemeinschaft zu Israel pflegen wird, bleibt ebenfalls abzuwarten.

Ich verließ ein Land, das in den vergangenen 17 Jahren zwar physisch vereinigt wurde, aber noch immer weit von seiner inneren Einheit entfernt ist. Aufgrund meiner häufigen Reisen nach Ostdeutschland und während vieler Gespräche mit Deutschen, habe ich ein Land kennengelernt, das noch einen weiten Weg zurücklegen muss, bis echte Vereinigung zur Wirklichkeit wenden kann. Als Israeli habe ich im eigenen Land Integrationsprozesse erlebt. Ich weiß, wie lange diese Prozesse dauern und welche Schwierigkeiten sie bereiten. Auch was zusammengehört, kann sehr lange brauchen, um zusammenzuwachsen.

Ich verließ ein Land, das hinsichtlich der eigenen Außen- und Verteidigungspolitik noch immer auf der Suche nach seiner Rolle auf dem internationalen Parkett ist. Diese Aussage gilt trotz der wachsenden Militärpräsenz Deutschlands (einschließlich des beispiellosen Engagements im Libanon); sie gilt trotz des geschärften Profils von Bundeskanzlerin Merkel; sie gilt trotz der gestiegenen Erwartungen der Welt an Deutschland, die im Kontext der deutschen EU-Präsidentschaft deutlich wurden. Deutschland fehlen die Ressourcen und der Wille, Opfer zu erbringen. Eigenschaften, die zwingend erforderlich wären, um eine stärker herausgehobene Rolle zu spielen.

Am 30. September des vorigen Jahres schloss ich meine offizielle deutsche Akte. In den frühen achtziger Jahren veröffentlichte der inzwischen verstorbene Johanan Meroz, mein erster Botschafter in Deutschland, einige Zeit nach dem Ende seiner Entsendung nach Bonn ein Buch. Dessen Ausgaben in deutscher und hebräischer Sprache trugen unterschiedliche Titel. Der deutsche Titel lautete „ In schwieriger Mission“ , auf Hebräisch dagegen hieß der Band „ War es vergeblich

Ich habe noch kein Buch veröffentlicht, aber ich kann sagen, dass die Mission des israelischen Botschafters in Deutschland noch immer schwierig ist – schwierig, einzigartig und jederzeit eine Herausforderung. War es vergeblich? Meine private Antwort und meine offizielle Antwort lauten, dass es nicht vergeblich war, nicht vergeblich ist und niemals vergeblich sein wird.

Aus dem Englischen von Tobias Dürr

Der Beitrag für ZEIT online ist die Langversion der Leo-Baeck-Vorlesung, die Stein in New York hielt.

 
Leser-Kommentare
  1. Sehr unangenehme Type, dieser Herr Stein.

  2. Ich muss gestehen, obwohl Stein gewiss ein interessanter Zeitzeuge sein könnte und auch recht gut zu berichten weiss, ist es mir schwer gefallen, seinen Beitrag bis zu Ende zu lesen, denn was er schreibt, ist nichts weiter als die übliche israelische Leugnungspolemik. Mithin ist Steins Beitrag vermutlich nur als Zusammenfassung dieser israelischen Haltung von Interesse. Im Grund lässt sich die gesamte offizielle israelische Beziehung zu Deutschland - und nicht nur zu Deutschland - wie folgt zusammenfassen:- Israel kann tun, was es will. Deutschlands Pflicht ist es, dem vorbehaltlos zuzustimmen. Ob es um den Mord an tausenden Palästinensern geht, um Vertreibung, Unterdrückung, Folter, Verschleppung, Krieg oder Landraub - Israel har immer Recht.Der Grund dafür ist der Holocaust der Nazis. Inwiefern eine historische Schuld aktuelle Verbrechen rechtfertigen könnte, erklärt Israel natürlich nicht. Jede Kritik an Israel ist antiisraelisch bzw. antisemitisch. Das gilt auch für den Verweis auf die Menschenrechte und die UN-Charta. Dabei ist es ausschliesslich Israel, dass festlegt, was angemessene Kritik ist und was nicht. Es ist Deutschlands Pflicht, Israel einen Freibrief für jedes Verbrechen zu geben.- (gekürzt. Bitte unterlassen Sie solche Pauschalisierungen. Die Redaktion/jk) Das gilt sowohl für den Umgang mit der Geschichte als auch für den Umgang mit den Palästinensern.- Wenn Israel vom anlegen gleicher Massstäbe spricht, dann meint es damit, dass allein Israel eine Sonderrolle zusteht. Es mag sich gegen iranische Atomwaffen aussprechen - über die eigenen darf jedoch niemals gesprochen werden. Es fordert die Anerkennung des israelischen Existenz, lehnt jedoch die der Palästinenser ab. Es fordert, die eigenen Sicherheitsinsteressen über die aller anderen zu stellen, während es jeden Tag Palästinenser tötet.- Israel fordert einen bewussten Umgang mit der Geschichte - womit es eigentlich einen ihm dienlichen Umgang mit der Geschichte meint. Dabei ignoriert es jedoch geflissentlich, dass (gelöscht. Bitte unterlassen Sie solche Pauschalisierungen. DIe Redaktion/jk) und für die den Nahostkonflikt zusammen mit Grossbritannien und Frankreich die Hauptschuld trägt.... genau das ist es, was Stein deutlich zum Ausdruck bringt. Zumindest für die Zusammenfassung sollte man ihm danken. Selbstreflexion und Selbstkritik sind ihm jedoch leider völlig fremd.

    • plamen
    • 22.03.2008 um 1:29 Uhr

    Noch vor kurzem hieß es "Völkermord", jetzt ist es nur "Mord an tausenden Palästinensern", ein riesiger Schritt, mannomann."Holocaust der Nazis"Einmalig! Geschichte, wie die Ostdeutschen sie gelernt haben! Ist es dann verwunderlich, dass (gekürzt. Bitte unterlassen Sie diese pauschalen Herabwürdigungen. Die Redaktion/jk) einen Hauch von Vergangenheitsbewältigung durchzuführen?!(gelöscht. Bitte unterlassen Sie solche Pauschalisierungen. Die Redaktion/jk) "Selbstreflexion und Selbstkritik sind ihm jedoch leider völlig fremd."Solche Worte ausgerechnet von einem Ostdeutschen. Jetzt fehlt nur noch der Bezug aufs Kollektiv.So, und als nächstes lernen wir den Unterschied zw. Sippenhaft
    und Sippenhaftung, nicht wahr.

  3. Ach Plamen - es ist erheiternd anzusehen, wie sie sich ein Feindbild aufbauen und ihre Schubladen zu füllen versuchen, um ihre Wahrnehmung um die Realität herumzubiegen. Wie grausam mag es von mir sein, ihnen mitzuteilen, dass ich weder aus Ostdeutschland bin, noch Soziologie studiert habe, noch eine Frau bin - sie vergeben mir hoffentlich, wenn ich einige der Klischees vergessen habe, mit denen sie mich ihn ihr krudes Weltbild zu zwängen versuchen ... aber vermutlich geht auch dieser Teil der Wirklichkeit spurlos an ihnen vorbei und sie werden einfach nur vor sich hinmurmeln: 'das ist alles garnicht wahr, weil es einfach nicht wahr sein darf'. Offenkundig werden sie nie begreifen, dass man nicht Ostdeutscher sein muss, um die westdeutsche Geschichtsfälschung zu hinterfragen, kein Palästinenser, um die israelischen Verbrechen zu erkennen, kein Terrorsympathisant, um Amerikas Kriegstreiberei abzulehnen usw..Ob sie sich nun darüber amüsieren oder nicht, ob Israels Apartheitspolitik in den besetzten Palästinensergebieten nun als 'Völkermord' oder nur als 'Mord an tausenden Palästinensern' bezeichnet wird, ändern nichts an den israelischen Verbrechen, wirft jedoch ein beredendes Bild auf ihr Sozialverhalten.Nicht anders verhält es sich mit ihren Schauermärchen vom bösen bösen Ostdeutschen. Übrigens - während die Ostdeutschen die Reparationszahlungen an Russland für die Kriegsschäden erarbeiteten, wählten EINIGE Westdeutschen Nazirichter und Nazioffiziere in hohe politische Ämter ... und Israel überlegte (gelöscht. Bitte bringen Sie in diesem Kontext für solche Behauptungen Belege. Die Redaktion/jk) Palästinensern ihr Land nehmen, um Erez Israel zu errichten.

    • plamen
    • 22.03.2008 um 2:24 Uhr

    "Israels Apartheitspolitik in den besetzten Palästinensergebieten"Noch ein weiterer Schritt! Das heißt, außerhalb der Territorien, gibt es kein Apartheid."... Israel überlegte, wie es [...] den Palästinensern ihr Land nehmen, um
    Erez Israel zu errichten."Ein wenig Geschichtskenntnis wäre angebracht, sonst leierts auf Dauer. 

  4. Ein wenig Logik wäre ebenfalls hilfreich, da es vor der Errichtung von Erez Israel kein Israel gab (höchstens als Gebiet, aber den denkenden Landstrich muss man mir noch zeigen).Hat man den Juden nicht schon mal, vor einigen hundert Jahren, vorgeworfen, das Trinkwasser/die Brunnen zu vergiften? Muss man sich denn wirklich lächerlich machen, indem man so einen Schwachsinn jetzt wiederholt und auf die Israelis anwendet? Dafür hätte ich gerne einen sehr guten Beweis - ansonsten gehört das hier nicht her. Ach ja, und dann gäbe es natürlich noch den feinen Unterschied zwischen "überlegte" und "tat." Aber das sind Feinheiten.Ach ja, Herr Zensor - fällt das nicht unter Aufwiegelung/Desinformation/Volksverhetzung oder so? Es wird doch sonst so gerne gestrichen

  5.  
    <?xml:namespace prefix =" o" ns =" "urn:schemas-microsoft-com:office:office"" /> 
    Bekehrung
     
    Wenn Jesus aufhört Herr und Christus zu sein, hören wir Juden auf, erwählt zu sein … (frei nach Friedrich Weinreb) Weinrebs Werk weist hinsichtlich Deutung der Schriften weit über Buber hinaus …
     
    Wer um das Wort von Tora und Bibel wirklich weiß, dem ist klar, die Bekehrung (Missionierung) von Juden zu Christen kann und wird nicht gelingen – wie gut!
    Und wem das zu ketzerisch ist, es lässt sich steigern: Die Lösung in diesem Dissens bietet zumindest teilweise der Islam!
     
    Juden, Menschen unter Menschen! Jesus, Mensch und Prophet! Mohammed warnt und redet Gott und gelebter Religion das Wort!
    Die Wahrheit der Wirklichkeit als Religion – Gott lebt!
     
    Die Bundeskanzlerin in und vor der Knesset, zweifellos eine historische Geste die Anerkennung verdient – die wahre Brückenfunktion findet sich oben!
     
    Chinesen, mit eurer Doktrin heute, seid ihr schlimme Verräter hinsichtlich eurer großen und wertvollen Philosophien: I Ging; Tai-Gi; Tao de King und so weiter. Kehrt um, gilt auch für euch! Freiheit gehört zu unserem Menschsein, wie Menschenrechte und Menschenwürde auch! Denke der Barbarei ist längst genug … Olympischer Geist sieht anders aus!
     
    George W., einen Gefallen als Präsident hast Du Deinem Amerika nicht getan – es kann nur besser werden!
     
    Wladimir, Dein Russland als Journalisten-Grab?
     
    Die reale Osterbotschaft: Das Kreuz! Jesus wollte da nicht hin, seine Häscher wollten es! Affinitäten unseres Bewusstseins – Lichtjahre von unserem Menschsein entfernt!
     
    Ostern ist auch die Botschaft: Der Tod ist uns Leben!
     
    Frohe Ostern!
     
     
    clavacs
    (Wie bin ich nur unwichtig!)
     
    Susanne H., ich tauche doch gerne nach Golfbällen, für Frauen auch tief und nach besonders wertvollen! Auf die Lockrufe kommt es an … (smili)
     
    Gauner muss man Gauner nennen, Herr Wickert, Sie schließen sich doch hoffentlich mit ein – Anerkennung! (Herr Wickert!)
     
    Höllenhunde, mein Tanz auf der BAB 4, die Erfahrung von etwa einer Million Fahrkilometer und ein gutes Auto – ich lebe noch, zu eurem und anderer (wie beispielsweise des Klerus’) Leidwesen!

    • MS
    • 22.03.2008 um 10:22 Uhr

    wer dieses konsequent anwendet muss natürlich die Vergangenheit vergessen. Er muss vergessen warum die Deutschen vertrieben wurden. Er muss vergessen warum eine Mauer um die Paästinensergebiete gebaut wird.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service