Es war an einem dieser unspektakulären, viel zu langen Nachmittage im Herbst. Eher aus Versehen als aus lang gehegter Sehnsucht werden die Blicke tiefer. Und eher aus pubertärer Langeweile als aus wildem Begehren zieht sich Juno (Ellen Page) plötzlich ihren Schlüpfer mit dem Kirschenmuster aus und setzt sich ihrem erstaunten Klassenkameraden auf den Schoß. Ebenso selig wie überfordert wirft der blasse Junge schnell noch ein paar Tic Tacs ein, und schon ist der ganze Spuk vorbei. Das heißt: nicht ganz. Einige Wochen später stapft Juno sichtlich entnervt mit einer Galone Orangensaft durch den namenlosen Mittelklasse-Vorort, der die schläfrige Kulisse für das Drama ihrer Pubertät abgibt. So trinkt und uriniert sie sich von Babytest zu Babytest. Erst beim dritten Pluszeichen hält sie inne, bindet eine rosarote Schlinge an den Obstbaum, hängt den Kopf rein, erprobt einen verzweifelten Gesichtsausdruck – und beißt sich dann selbst von der Lakritzschnur.

Diese Heldin taugt nicht zum Opfer ihrer Umstände. Nicht zur Märtyrerin eines feindlich gesinnten Systems, das nur bulimische Cheerleaderinnen in die Arme schließt und kleinen muffigen Rock-Gitarristinnen und Schlampen wie Juno den Weg zum Scheiterhaufen weist. Die Kanadierin Ellen Page, die spätestens seit Hard Candy (2005) von David Slade oder The Tracey Fragments (2007) von Bruce McDonald eine gewisse Routine für die Patzigkeit unterschätzter oder gefährlich entgleister Töchter entwickelt hat, stattet diese Juno mit einem ungewohnt burschikosem Selbstbewusstsein aus.Wo andere Teenagergeschichten angesichts von Drogenkosum und ungewollten Schwangerschaften düstere Untergangsszenarien abrollen lassen, entwickelt Jason Reitmans Juno in seinen nur leicht überzeichneten Alltagsansichten eine ebenso absurde wie lebensnahe Komik.

Das Mädchen hier erleidet die eigene Jugend nicht als tragische Ungleichzeitigkeit von Können und Dürfen, als großen Schlamassel ohne Zukunft. Ganz im Gegenteil, die Sechzehnjährige ist, wenn man so will, die Botschafterin eines fast irritierenden Optimismus. Und der lässt die Sonne auch für minderjährige Schwangere scheinen, die den Mund stets etwas zu voll nehmen und mit einer Selbstsicherheit auftrumpfen, bei der Erwachsenen angst und bange wird.

Juno, die stets den Halt ihres fröhlichen Patchwork-Familien-Kollektivs spürt und in pikanten Momenten sogar auf den Beistand ihrer Hundebildchen sammelnden Stiefmutter zählen kann, muss hier nichts Großartiges über das Leben, die Vernunft oder ein angemessenes Rollenverhalten als werdende Mutter lernen. Sie ist diejenige, die die Erwachsenen prüft. Vor allem die, die sie als Adoptiveltern für den »Braten in der Röhre« – Juno kann es sprachlich gar nicht deftig genug sein – aus den Annoncen erwählt hat.

Mark (Jason Bateman) und Vanessa (Jennifer Garner) bilden ein Pärchen, das mitsamt seiner Wohnung aus einem Einrichtungskatalog stammen könnte. Schön, reich, stilvoll. Zur Elternschaft fühlt man sich »berufen«. Und ihr zukünftiges Mutterglück streift Vanessa sich jetzt schon wie eine teure Designerbluse über.

Man mag dem Film von Amerikas neuem Komödienregiestar Jason Reitman ( Thank You for Smoking ) seine Atemlosigkeit vorwerfen, seine Anstrengung, ein Feuerwerk der Gags zu zünden. Kein Satz ohne Pointe oder wenigstens eine kleine Versautheit. Wie seine Heldin trägt der Film oft einfach zu tief die Hände in den Taschen, flucht und frotzelt zu laut und zu viel. Doch während die meisten amerikanischen Highschool-Komödien von grandiosen Kämpfen, sportlichen Triumphen des Willens und dem qualvollen Weg zu inneren Werten handeln, zeigt uns der vierfach oscarnominierte Juno (am Ende gab es nur einen für das Originaldrehbuch von Diablo Cody), wie man gar nicht mal so uncool und mit Anstand auf die Nase fällt. Und dass es in den Zeiten der übersteigerten neoliberalen Erfolgszwänge durchaus sympathischer sein kann, als glücklicher Verlierer, mit sich selbst im Reinen, durch die Welt zu ziehen.

Das passt gut zu jener neuen Tendenz im amerikanischen Kino, humanistische Werte in der Verpackung sarkastischer Komödienstoffe zu servieren. Doch während Filme wie Thumbsucker (2005) von Mike Mills oder Glück in kleinen Dosen (2005) von Arie Posin das Kaputte und Desaströse in familiären Bindungen ausstellen, entdeckt Juno ein ganz anderes Familienkonzept. Eines, in dem es fast zur Umkehrung des Generationenverhältnisses kommt, wenn Juno der Welt der Erwachsenen mit großem Verantwortungsgefühl und mit einer für einen Backfisch erstaunlichen Bodenhaftung begegnet.