Hier spürt der Leser von der ersten Seite an, dass der Autor großen Spaß beim Schreiben hatte und sich diebisch über seine Einfälle freut. Während der erwachsene Leser einer »Fundnudel«, von der Straße aufgeklaubt, möglicherweise wenig abgewinnen kann, hört er schon das Kichern der kleinen Leser, die sich sofort mit Rico auf die Suche nach dem Verursacher dieser nudligen Umweltverschmutzung machen.

Diesem Rico gehört die ganze Sympathie des Autors, so liebevoll und zärtlich porträtiert er das Kind mit dem ganz speziellen Handicap. »Ich sollte an dieser Stelle wohl erklären, dass ich Rico heiße und ein tiefbegabtes Kind bin. Das bedeutet, ich kann zwar sehr viel denken, aber das dauert meistens etwas länger als bei anderen Leuten. In meinem Kopf geht es manchmal so durcheinander wie in einer Bingotrommel.«

Zum Glück ist Rico wissbegierig, und wenn er ein Wort nicht versteht, schlägt er es im Lexikon nach. Er schreibt alles auf, was er herausfindet, seine eigenwilligen Erklärungen sind dazwischengeschoben – kursiv gedruckt und in Kästen gesetzt.

Schreiben ist überhaupt Ricos Stärke, sieht man von der Rechtschreibung ab. Das hat auch sein Lehrer in der Förderschule erkannt und Rico den Auftrag gegeben, ein Ferientagebuch zu führen, mit Hilfe des Computers, versteht sich, denn der löst das Problem mit der Rechtschreibung auf höchst elegante Weise.

Ricos Behinderung setzt ihm andere Grenzen. So fällt es ihm schwer, rechts und links zu unterscheiden, und leicht verirrt er sich. Am sichersten fühlt er sich in seiner Straße, der langen, schnurgeraden Dieffe in Berlin, in der man alles einkaufen kann und von der aus er leicht zu seiner Schule findet. Doch dank der bedingungslosen Zuneigung seiner alleinerziehenden Mutter kann er gut umgehen mit seinen Problemen und den Gemeinheiten grausamer Kinder und gefühlloser Erwachsener. Dazu gehört auch der Mieter Fitzke, der ihn immer nur mit »Schwachkopf« anredet.

Die Figur der Mutter, die ein im bürgerlichen Sinne nicht unbedingt sittenreines Leben führt, die nachts in einer Bar arbeitet, ziemlich locker redet und ihren Busen als »Betriebskapital« bezeichnet, ist dem Autor besonders plastisch gelungen. Er setzt ihr ein Denkmal als liebevoller Frau, die es schafft, ihrem Sohn so viel Selbstbewusstsein zu geben, dass er offen über seine Schwächen sprechen kann.

Und selbstbewusst ist er ja. Zum Beispiel als er Oskar kennenlernt, die zweite Hauptperson dieser Geschichte, einen winzigen Wicht mit riesigen Zähnen, der einen großen blauen Sturzhelm trägt. Nach einem kurzen Wortwechsel mit Rico fragt Oskar pikiert: »Kann es sein, dass du ein bisschen doof bist?« – »Ich bin ein tiefbegabtes Kind«, antwortet Rico da, und Oskar ist platt. Denn er selbst trägt das Etikett »hochbegabt«, was bei genauerem Hinsehen keineswegs ein Vorteil ist, wie Rico bald erkennt. »Ich habe fast immer gute Laune, weiß aber nicht so viel. Oskar wusste jede Menge merkwürdige Dinge, aber seine Laune war dafür im Keller. Bestimmt ist das so, wenn man sehr schlau ist – es fallen einem zu allen schönen Sachen auch gleich noch ein paar schreckliche ein.«