»Faust« Faust: Der Stoff
Die Geschichte vom Faust ist ein Sagenstoff, der im neuzeitlichen Europa ohne antike Vorlage neu entsteht: Der Doktor ist Inbegriff der Renaissance als der Geburtsstunde von moderner Wissenschaft und Entdeckung. Ein Georg Faust soll um 1500 durch Wittenberg und Erfurt gezogen sein, der hat, der Sage nach, seine Zeit mit Magie und Scharlatanerien verbracht. Das Volksbuch Historia von D. Johann Fausten (1587) macht dann den Gelehrten aus ihm, der aus enttäuschtem Erkenntnisdrang den unchristlichen Pakt mit Mephistopheles schließt, auch die antike Helena und der Famulus Wagner sind schon mit dabei. Faust- Bearbeitungen schießen nun vielerorts aus dem geistigen Boden von Renaissance, Humanismus und Reformation hervor. Mit Christopher Marlowes Tragical History of Doctor Faustus (gedruckt 1605) gelangt Faust auf die Bühne. Schon bei Marlowe stehen Bibel und Magie, Tragik und Komik, Gut und Böse in Spannung zueinander. Goethe hat Marlowes Faust erst im Alter gelesen. Als Puppenspiel macht Faust im 18. Jahrhundert Karriere, in zahlreichen Fassungen auch als sozialkritisches Trauerspiel oder als Lustspiel. Als Goethe sich des Stoffs um 1797 wieder annimmt, ist er so zerspielt, so allgegenwärtig, dass Ludwig Tieck über diese Popularität sogar einen Anti-Faust schreibt (1801). Die Gretchen-Tragödie um die Geliebte, die der verkörperte Gegensatz des Teufels ist und doch zur Kindsmörderin wird, hat Goethe zum Stoff hinzuerfunden, der dadurch neu populär wurde. Elisabeth von Thadden
- Datum 20.03.2008 - 05:40 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 20.03.2008 Nr. 13
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