200 Jahre »Faust« Faust ist uns verdächtig
Wie gehen die deutschen Theaterleute mit ihrer größten Bühnenfigur um? Misstrauisch und kühl. Eine Reise zu aktuellen »Faust«-Aufführungen
Zwei Superlative hat es in der Faust- Aufführungspraxis der vergangenen Jahre gegeben: das Ganze und das Nichts. Peter Stein hat im Jahr 2000 bei der Weltausstellung in Hannover den Faust »ganz« spielen lassen, alle 12111 Verse, an zwei Tagen, in 21 Stunden, als Fest des Wortes. Christoph Marthaler hingegen hat 1993 im Hamburger Schauspielhaus seinen »Wurzelfaust« buchstäblich aus dem Nichts geholt, und der Begriff Wurzel war im mathematischen Sinn gemeint: Marthaler nahm Goethes Stück als Textmasse, als Unsumme szenischen Materials, als unmäßige Potenz, aus welcher der Mensch von heute die Wurzel zu ziehen und die Essenz zu pressen hatte. Und während bei Stein die Faust-Darsteller Christian Nickel (der junge Faust) und Bruno Ganz (der reife Faust) im hohen Ton die Welt umrundeten, quetschte Marthalers Faust, der Schauspieler Josef Bierbichler, seinen Auftaktmonolog »Habe nun, ach! Philosophie, / Juristerei und leider auch Religion« in brütender Verzweiflung aus, bis nur ein gelallter Rest blieb, die Maische des Textes: »Ae u, a! iooie, / uieei u eii…«
Zwischen diesen Extremen also kann ein moderner Faust sich bewegen, zwischen dem Füllhorn und dem Skelett. Und wenn man aktuelle Faust- Aufführungen sieht, so hat man den Eindruck, dass die jungen Regisseure fast alle von Marthaler »herkommen«.
Cottbus: Hier ist Mephisto der Stilberater seines Herrn
Die großen Faust - Zitate, das »Werd’ ich zum Augenblicke sagen«, das »Am farbigen Abglanz«, das »Hier steh’ ich nun«, werden oft nur angespielt, als Synkope, aber nicht mehr ausgesprochen. Jene Faust- Verse, die es in die bürgerlichen Zitatesammlungen geschafft haben, werden wegwerfend gesprochen, als hätten sie ihre Unschuld verwirkt.
Die Regisseure stellen nicht mehr die Frage: Was lassen wir übrig von Goethes Text? Sie fragen vielmehr: Wie viel Goethe sollen wir noch hinzugeben zum Nichts, zum Schweigen, in dem das moderne Theater seit Beckett verharrt?
Sie »entrümpeln« also das Stück. Aber die Geste, mit der sie das tun, ist verräterisch. Sie tun es mit dem Stolz desjenigen, der ohnehin weiß (oder der nicht mehr glaubt), was der Text enthält.
Wenn man vergleicht, wie die Deutschen und die Engländer mit ihren jeweils größten Dramenfiguren umspringen, die einen mit dem Faust, die anderen mit dem Hamlet, so merkt man, dass bei den Deutschen viel mehr Misstrauen und Argwohn im Spiel sind.
Das mag damit zusammenhängen, dass Hamlet der Melancholischere, Tiefere von beiden ist, ein Opfer eher als ein Täter, während Faust ja ein rauschhaft nach außen, oben, vorn Getriebener und also ein Vernichter ist. Die Deutschen, so scheint es, hätten lieber den Hamlet als nationale Theaterfigur. Ihn lieben sie, ihm folgen sie in seine Tiefen. Dem Faust hingegen zahlen sie heim, was spätere Deutsche erst verbrochen haben: In ihm bringen sie das deutsche Wesen, den Herrenmenschen zur Strecke.
Sie tun es, indem sie dem Faust seine Sprache nehmen. Und vor allem: indem sie zu Mephisto halten. Mit dem Teufel sind sie im Bunde. An seiner Seite hetzen sie den armen Heinrich F. um die Welt.
Besonders zeitgemäß wird das Faust-Mephisto-Verhältnis in einer neuen Inszenierung am Theater Cottbus gedeutet. Hier ist Mephisto der Stil-, Erziehungs- und Schuldnerberater seines Herrn. Er bahnt dem lebensuntüchtigen Alten die Wege, er nimmt ihm die Drecksarbeit und die Skrupel ab, ein schlaflos viriler, weit herumgekommener Trainer, der hopp, hopp, hopp neben seinem lahmen Patienten hereilt. In Cottbus lernt man ganz nebenbei, wie viel die Erlösungs- und Verjüngungsshows des Fernsehens dem Faust-&-Mephisto-Modell verdanken.
Christoph Schroth, der Regisseur der Cottbuser Aufführung, hat den Faust schon einmal inszeniert, 1979 in Schwerin. Er ließ damals das Stück im Gefängnis spielen, gemäß Faustens Klage: »Weh! Steck’ ich in dem Kerker noch?« Das war eine freche Antwort auf Walter Ulbrichts Prophezeiung von 1962, der ungeschriebene dritte Teil des Faust werde einst von den Bewohnern eines vereinigten, unter sozialistischen Vorzeichen stehenden Deutschland geschrieben werden.
Nun, 29 Jahre später, inszeniert Schroth nicht mehr den Kerker DDR, sondern den Weltkerker. Fausts Studierstube ist schwarz und leer, hier gibt es keine Bücher, nur noch einen Laptop. Faust (Kai Börner) tippt: »Habe nun, ach!« Da steht er nun und ballt die Fäuste, als wolle er die Weltformel, den alles umschließenden Wikipedia-Eintrag, von der Festplatte kratzen und durch den Monitor hindurch an sich zerren. Seine Weisheit, alle seine Quellen hütet der Server, und Faust ist nur dessen Kunde und Mündel. Mephisto kommt also zu spät, denn Faust ist längst schon Beute eines anderen Teufelspaktes. Er hat kein Wissen mehr, er entleiht es nur noch.
Insofern fällt dem Cottbuser Faust auch der letzte Schritt, der Vertrag mit Mephisto (Thomas Harms), nicht schwer. Er hat längst gelernt, in der Enteignung zu leben. Flugs zertrümmert er seinen Laptop und macht sich auf die Reise mit Mephisto, den Rollkoffer des Vielfliegers hinter sich herziehend.
Das Cottbuser Gretchen übrigens ist eine Muslimin mit Kopftuch (Johanna-Julia Spitzer). So erlangt Gretchens Gewissensqual eine seltsame Aktualität – Faust, der Mann, den sie liebt, ist ein westlich Gottloser –, und wenn sie allein ist in ihrer Kammer, rollt sie bang den Gebetsteppich aus. Als im Ort ihre Liaison mit Faust bekannt wird, fasst der Regisseur die Stimmung in eine Steinigungsszene: Gretchen liegt am Boden, und Muslime und Christen werfen gemeinsam den ersten Stein.
Weimar: In Mephisto fährt der Faust, den Faust befällt Mephisto
Gerne werden moderne Faust- Inszenierungen als Dreiecksgeschichte aufgeführt: Faust zwischen Mephisto und Gretchen. An Goethes ureigenstem Ort, in Weimar, am Nationaltheater, hat der junge Regisseur Tilmann Köhler dieses Schema mehrfach variiert: Es gibt hier nicht nur ein, sondern zwei Gretchen. Und es gibt auch zwei Fäuste und zwei Teufel. Mitten in der Aufführung, in der Hexenküche, tauschen Faust und Mephisto (Thomas Braungardt und Matthias Reichwald) ihre Rollen. In Mephisto fährt der Faust, den Faust befällt Mephisto. Der Teufelspakt verschlingt beide, reißt sie beide ins andere Leben.
Viel mehr als ein paar Tropfen Blut werden hier vermischt: Es ist ein Säfte- und Seelenaustausch. Nun ist Mephisto derjenige, der das Gretchen begehrt, und Faust derjenige, der sie verächtlich einen »Grasaff« nennt. Die beiden Herren sind in Weimar wie neu: Mephisto, durch die Liebe resozialisiert, und Faust, im grundlos Bösen eine ungeahnte Freiheit entdeckend. Am Ende lässt sich sagen: Köhlers Aufführung ist kurzweilig und doch zäh, das Bühnenereignis als etwas eitle Mutprobe. Der junge Regisseur hat über Faust gesiegt. Er hat ihn sich zugeritten.
Ohne Mephisto wäre der ganze Faust nichts. Man sah ihn in der Theatergeschichte als gefallenen Engel und als Lebemann, als Folterknecht und als servilen Diener, als den Erzieher, den Kompagnon, den Sekundanten Fausts. Und je weiter wir voranschreiten in die Theater-Gegenwart, desto mehr scheinen Faust und Mephisto in eins zu fallen, sich zu ergänzen und zu durchdringen. Sie werden sich immer ähnlicher, sie brauchen einander. Der lebenshungrige Sterbliche und der von Erfahrungen übersättigte Unsterbliche – gemeinsam wirken sie wie ein Perpetuum mobile.
Besonders nahe kommen sich Faust und Mephisto am Staatstheater Hannover. In Sebastian Baumgartens Inszenierung ist Mephisto (Sonja Beißwenger) nämlich eine elegante Vampirdame im Cocktailkleid, die dem Faust immer wieder lüstern ans Halsfleisch geht. Die homoerotischen Untertöne, die in vielen Faust- Inszenierungen zu hören sind, werden ins Heterosexuelle umgestimmt: Wir erleben eine lebenslange Beziehung mit allem ehelichen Zank, und Mephista sieht zwischendurch so aus, als sei sie schwanger.
Durch Gretchen wird diese Paargeschichte zum Dreiecksroman. Sie fällt dem Faust in einem Sadomasoclub ins Auge, wo sie, gekleidet wie Charlotte Rampling im Film Nachtblende, ein Lied von Friedrich Hollaender singt: Wenn ich mir was wünschen dürfte. (Dieses Gretchen – Lilith Stangenberg, eine junge Gastschauspielerin von der Berliner Volksbühne –, ist übrigens eine Entdeckung: ein Märchenkind aus Castorfs Land, dem Goethes Verse wie Karamell am Gaumen kleben.)
Baumgarten ist im Grunde gar nicht der Regisseur, sondern eher der Kurator dieses Abends, und sein Werk ist weniger eine Faust- Inszenierung als ein Ausstellungs-, Diskurs- und Performanceraum, in dem allerlei Künstler, Denker, Träumer ausführlich und namentlich zu Wort kommen. Auch dieser Abend in Hannover ist ein Triumph über Faust , ein Turniersieg der Lebenden über vermeintlich totes Theater. Aber es ist ein melancholischer Triumph. Ganz zuletzt erläutert der Medientheoretiker Boris Groys auf der Videoleinwand, was Kunst eigentlich sei: Kunst, sagt Groys, trage das Versprechen der Unsterblichkeit in sich, während alles Lebende potenzieller Müll sei. Auch wir Menschen: zukünftiger Müll.
Als Groys das sagt, ist Faust schon fort. Faust, zur Gestalt gewordene Unsterblichkeit, hat das Gebäude verlassen, unterwegs zu neuen Inkarnationen und Inszenierungen. Jetzt muss er allein weiter – ohne uns.
- Datum 28.04.2008 - 12:14 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 20.03.2008 Nr. 13
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