Das »Gendoping« machte in der vergangenen Woche Schlagzeilen. Von geheimen Sportlerzirkeln, die sich nach neuester wissenschaftlicher Methode die Muskeln stählen, war die Rede. Leicht wird übersehen, dass das, was zurzeit die Dopingfahnder alarmiert, eigentlich ein Abfallprodukt der Pharmaforschung im Dienste von Kranken ist.

Beim Menschen schwindet die Muskelmasse, die sich Frau oder Mann in der Jugend aufgebaut hat, nicht nur nach Verletzungen mit langer Bettruhe oder Krankheit, sondern auch mit zunehmendem Alter dahin. Rund 30 bis 50 Prozent weniger Muskeln sind es bei einem 80-Jährigen gegenüber dem gleichen Körper mit 40. Jüngeren gelingt es noch leicht, ihren Bizeps oder die strammen Waden nach einer Zwangspause wieder zu kräftigen. Senioren fällt die Rehabilitation dagegen mit zunehmendem Alter immer schwerer. Mangelnde Bewegung sorgt für weiteren Abbau und zwingt den Patienten oft in den Rollstuhl oder gar ins Bett. Was für Sportler verpönt ist, könnte daher für die Kranken ein Segen sein. Wie das gelingen könnte, verrät vielleicht das Blut der Bären.

Über mehrere Monate hinweg bewegen sich die Tiere kaum. Und doch sind sie nach dem Aufstehen in kürzester Zeit topfit. Wenn Bären wie Menschen wären, müssten sie nach einem Winterschlaf von so langer Zeit eigentlich an massivem Muskelschwund leiden. Menschen, die einige Wochen im Bett verbringen, können danach kaum laufen. Ihr Körper hat Muskeln abgebaut, die nicht mehr im täglichen Einsatz waren. Doch während sie nach solchen Ruhephasen Physiotherapie brauchen, ziehen die muskulösen Vierbeiner gleich auf die Jagd nach frischer Beute.

Im Blut des Bären könnte der Schlüssel zu neuen Medikamenten gegen den Kräfteschwund zu finden sein. Blutplasma, gewonnen von Tieren im Winterschlaf, kann bei Laborratten die Zersetzung isolierter Muskeln verhindern. Josep Argiles und seine Forscherkollegen aus Barcelona zeigten vor einigen Monaten, dass Braunbären aus den Pyrenäen den muskelerhaltenden Faktor nur während des Winterschlafs produzieren. Blutproben, die im Sommer genommen wurden, stoppen den Abbau nicht.

Auf der Suche nach neuen Therapien gegen den natürlichen und den krankhaften Muskelschwund beim Menschen beschäftigen sich auch deutsche Forscher mit schlafenden Bären. An der Berliner Charité haben sich Ärzte und Grundlagenforscher in neun Arbeitsgruppen zusammengetan und studieren sowohl erblichen Muskelschwund als auch den Abbau im Alter oder beispielsweise bei Herzkrankheiten.

Leiter einer dieser Gruppen ist Markus Schülke. Mit einer Veröffentlichung im New England Journal of Medicine hat er vor knapp vier Jahren die Aufmerksamkeit nicht nur der Muskelspezialisten nach Deutschland gelenkt. Er berichtete von einem vier Jahre alten Jungen, der sich ungewöhnlich kräftig entwickelte und mit fünf Jahren eine Drei-Kilogramm-Hantel an den ausgestreckten Armen halten konnte. Ihm fehlte ein Faktor, der normalerweise das übermäßige Wachstum von Muskeln begrenzt: Myostatin. Weil der Muskelaufbau mit Anabolika meist mit unangenehmen Nebenwirkungen erkauft wird, interessiert sich die Pharmaindustrie für Stoffe, die das Myostatin hemmen. Diese Substanzen ließen sich zumindest als Ergänzung zu einem anstrengenden Wiederaufbautraining vermarkten – und könnten auch Sportler dopen.

Doch noch dürften die Präparate kaum verlockend sein. Bei Mäusen ohne Myostatin wächst zwar die Muskelmasse, nicht aber die Power. Jede Faser entwickelt dann nur mehr etwa die halbe Kraft, berichtete eine deutsch-englische Arbeitsgruppe um Helge Amthor am Londoner Royal Veterinary College vor einiger Zeit im Fachjournal PNAS. »Zu einem gut funktionierenden Muskel gehören eine ausgewogene Durchblutung und Sauerstoff- und Energieversorgung. Das scheint bei diesen vergrößerten Muskelpaketen nicht der Fall zu sein«, vermutet Markus Schülke.