Kunst Pflücke mich!
Dreihundert Jahre Stillleben im Schnelldurchlauf: Was uns die betörend schöne Ausstellung im Frankfurter Städel lehrt.
Diesen Aprikosenzweig werden wir nie wieder vergessen. Er steht ganz still in seinem Krug, reich behangen mit reifen Früchten, und das grüne Laub hat jene leichte Mattigkeit, die gepflückte Zweige befällt, kaum hat man sie der Natur geraubt. So berauscht scheint der Maler Georg Flegel, dass er 1630 in seinem Atelier in Frankfurt/Main das Arrangement in ein samtiges italienisches Nachmittagslicht taucht – und natürlich bliebe kein derart voll beladener dünner Zweig jenseits aller Gesetze der Statik geduldig so lange aufrecht in seinem Gefäß stehen, bis der Maler sein Werk vollendet hat. Doch genau in dieser Überwindung der Naturgesetze bei scheinbar getreulicher Darstellung der Natur liegt Flegels Meisterschaft.
Der Aprikosenzweig ist ein ungeheures Bild. Auch wegen des riesigen Insekts, das unten rechts an die Früchte des Paradieses herankriecht und sein leises Vanitas-Liedchen summt: Warte, warte nur ein Weilchen. Wer reif ist, der wird bald gepflückt. Das ist die Grundmelodie der gesamten barocken Stilllebenmalerei des 17. Jahrhunderts. Aber nie klingt sie so schön wie in Flegels Aprikosenzweig – wahrscheinlich ist in Deutschland im ganzen 17. Jahrhundert kein besseres Stillleben gemalt worden.
Eigentlich hängt Flegels Meisterwerk im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt, doch dank der Generalsanierung des Hauses durfte das Bild gemeinsam mit zwei Dutzend anderen Hauptwerken der Darmstädter Sammlung auf Reisen gehen. Magie der Dinge. Stilllebenmalerei 1500–1800 heißt die Ausstellung, die Jochen Sander, der Kustos für niederländische Malerei und stellvertretende Direktor des Frankfurter Städels, jetzt in seinem Frankfurter Institut eingerichtet hat. Sie vereinigt die leider oft im Windschatten der Aufmerksamkeit ruhenden Darmstädter Schätze mit Beispielen aus der Sammlung des Städels und des Kunstmuseums Basel. Während das Städel von seinem Direktor Max Hollein mit atemberaubender Geschwindigkeit geräuschvoll in die Zukunft geführt wird und von der Präsentation des Anbaus über die Neueröffnung des Liebieghauses bis hin zur Bekanntgabe der Übernahme etlicher Ikonen aus der Fotosammlung der DG-Bank eilt, legt das traditionsreiche Museum mit dieser Ausstellung eine wohltuende, thematische Atempause ein.
Sie lenkt zugleich den Blick auf den Bestand und darauf, wie man mit kluger Regie, gutem Auge, wissenschaftlicher Neugier und dem Willen zur ästhetischen Erziehung des Publikums die scheinbar auserzählte Geschichte des nordeuropäischen Stilllebens neu aufrollen kann. Ihre stärksten Akzente setzt die Ausstellung dabei am Anfang und am Ende – dazwischen sieht man sehr viele schöne Beispiele für Prunkstillleben, Fischstillleben und Jagdstillleben, Waldbodenstillleben, Kartuschen- und Vanitas-Stillleben (mit großer Präsenz der Frankfurter und Hanauer Schule).
Das ist der Mittelteil – da geht es um technische Brillanz, kompositorisches Geschick, die Abbildung neuester Importwaren und die Feier des Gegenstandes. Insekten sind auch immer dabei, damit man ja nicht die Vergänglichkeit vergisst (wie könnte man). Da darf man durchaus auch einmal ein bisschen schneller durch die Räume gehen. Damit man sich seinen ganzen Speicherplatz aufheben kann: für den Anfang. Für das Ende. Und für den duftigen Flegel, natürlich (sieben weitere Flegel, fast so schön wie der Zweig, gibt es daneben noch als Zugabe).
Der Anfang: An Bildern von Brueghel und van der Weyden demonstriert die Ausstellung, wie sich das Genre des Stilllebens in Nordeuropa ganz langsam aus der religiösen und mythologischen Malerei löst und schließlich im Raum emanzipiert. Die weiße Lilie beginnt ihre Karriere in den Verkündigungsbildern als Attribut der Unschuld Mariens – doch ab der Mitte des 16. Jahrhunderts ist sie künstlerisch auch allein überlebensfähig. Ebenso erheben sich alle anderen Stilllebengenres aus den Winkeln und Hintergründen der religiösen Tafelmalerei. Irgendwann zoomen sich die Künstler so lange an das Heilige Abendmahl heran, bis man nur noch das Brot und den Wein sieht. Selten wurde dieser Prozess so anschaulich erzählt wie jetzt in Frankfurt.
Nach diesem Auftakt taucht man hinein in die prächtigen Räume voll barocker Hülle und Fülle. Sehr schnell werden die Maler dabei von Dokumentaristen zu Erzählern: Denn die Verzweiflung der Moderne, Gottfried Benns »Blüht nicht zu früh, ach blüht erst, wenn ich komme«, ist das Problem der Stilllebenmaler nicht. Sie lassen in einer Vase die Frühjahrsblumen neben den Herbstblühern leuchten, als sei auf der Leinwand stets der achte Tag der Schöpfung.
Aus Allmachtsgefühl entsteht, zumindest beim Menschen, Langeweile. Kein Wunder also, dass das Stillleben versucht, an den starren Grenzen der Gattung zu rütteln: Abraham Mignon malt Ende des 17. Jahrhunderts eine üppige Blumenvase, die von einer Katze umgestoßen wird . Doch das Genre wehrt sich gegen diese Form von Dynamik, mit Tempo kommt man nicht weiter. Es gibt zwei andere Auswege, wie die Schau im Städel zeigt. Einerseits ein Gemäldepaar eines Apfels und einer Birne von Justus Juncker: Nachdem er jahrzehntelang brave Stillleben komponiert hat, empfiehlt sich der Maler hier kurz vor seinem Tod 1765 als frühester Vertreter der Neuen Frankfurter Schule. Er setzt die schnöden Gartenfrüchte auf einen brüchigen Denkmalsockel. Aber auch Ironie hilft dem Genre nicht auf die Sprünge. Direkt daneben zeigt die Ausstellung, wie die Erschöpfung der Gattung schließlich doch überwunden wurde. Durch pure Malerei. Mit drei berückend schönen Werken von Chardin erreichen die Dinge tatsächlich jene »Magie«, die der Ausstellungstitel verspricht. Chardins Gemälde eines Korbes von in Licht und Farbe aufgelösten Walderdbeeren von 1761 ist dann schon ganz nach dem Geschmack des 19. Jahrhunderts.
Bis zum 17. August im Städel, Frankfurt/Main Der Katalog (Hatje Cantz) kostet 34,90 Euro
Den Artikel kann man im Premiumbereich hören unter www.zeit.de/audio
- Datum 25.03.2008 - 11:11 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 20.03.2008 Nr. 13
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