Kinder- und Jugendbuch Magie des Zahnrads
So wünschte man sich das Eintauchen in eine Geschichte, als die Zeit noch »analog« war und das »Cinecenter« noch »Lichtspieltheater« hieß: Die Eisverkäuferin hat den Saal verlassen, ein tiefer Gong ertönt, die Lichter verlöschen, nur die Notbeleuchtung an den Ausgängen schimmert mattgrün. Der dunkelrote Samtvorhang öffnet sich. Ein Flimmern auf der Leinwand. Der Vorspann rauscht durch den Projektor. Die Bilder nehmen Konturen an. Das Surren des Apparats, das man auf den hinteren Plätzen zu hören glaubt, verschwindet in der Tonkulisse des Films.
So ähnlich muss man sich auch den Eintritt in Brian Selznicks Roman Die Entdeckung des Hugo Cabret vorstellen. Das 500-Seiten-Buch des New York Times-Illustrators ist eine einzige Hommage an den französischen Filmpionier Georges Méliès (Die Reise zum Mond, 1902) und an die frühen Jahre des Kinos. Selznick erfindet um seine zwölfjährigen Hauptdarsteller Hugo und Isabelle eine Geschichte, in der auf wundersame Weise Worte in Bilder übergehen und Bilder in Worte. Das alles natürlich der Zeit gemäß in Schwarz-Weiß. Selbst die Blattränder sehen aus wie der schwarze Rahmen einer Leinwand. Schon auf den ersten Seiten ziehen uns Filmbilder in die Handlung, von der Totale zur Großaufnahme, vom Blick ins Universum zum Blick in den geheimnisvollen Untergrund eines großen Bahnhofs in Paris in den zwanziger Jahren.
Gleichzeitig ist Selznicks Buch aber auch eine Reminiszenz an jene Epoche des Fin de Siècle, in der Jules Verne sei Dank Fortschrittsglaube und Fantasterei noch Hand in Hand gingen. Und deshalb betrifft die Entdeckung des Hugo Cabret nicht nur die Welt der Fantasie und die Welt der bewegten Bilder, sondern gleichermaßen die Welt der gemessenen Zeit. Hugo lebt nach dem Tod seines Vaters eines begnadeten Uhrmachers heimlich im Untergrund des Bahnhofs. Täglich hält er Dutzende von Bahnhofsuhren am Laufen. Mit aller Leidenschaft widmet er sich jedoch der Aufgabe, das komplizierte Zahnräderwerk eines Automaten wieder in Gang zu setzen, den ihm sein Vater hinterließ: einen kleinen mechanischen Menschen. Nun versucht er ihm das Geheimnis seiner Schreibhand zu entlocken, in der ein Federhalter steckt, der nur darauf wartet, in Tinte eingetaucht zu werden.
Selznick glaubt an die Wiederbelebung eines Zaubers, der heutzutage, da jeder Atemzug digitalisierbar ist, zu verschwinden droht: Es geht ihm um die handgearbeitete Magie, die einer Traumwerkstatt entspringt und nicht einer seelenlosen Traumindustrie. Dazu zieht er alle Register seiner Kunst, wählt ein unheimliches Milieu, entwickelt eine spannende Dramaturgie, platziert exakte Schnitte, wechselt Medium und Blickwinkel. Einen magischen Mechanismus setzt er in Gang wie sein kleiner Held das feine Geflecht von Zahnrädchen im Inneren des Schreibautomaten.
Es funktioniert. Die Geschichte lebt. Aber sie lebt leider kein eigenständiges Leben. Sie lebt wie Hugos Automat. Man hört die Räder rattern. Man erkennt alsbald die hehre Absicht hinter der Erzählung, man entdeckt Teile des Konstruktionsplans als lägen Seiten aus Selznicks geheimem Skizzenbuch offen vor uns. Man könnte auch sagen: Die Geschichte funktioniert wie ein perfekt einstudiertes Marionettenspiel. Aber man vermisst jenen entscheidenden Lebenshauch, der die Fäden vergessen lässt das, was wir uns immer wieder erträumen, egal ob im Saal die Lichter ausgehen oder wir in einem Buch verschwinden.
Brian Selznick: Die Entdeckung des Hugo Cabret
Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn - cbj, München 2008 - 544 S., 19,95 (ab 12 Jahren)
- Datum 20.03.2008 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.13 vom 19.03.2008, S.53
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