Nahost

Vom Nutzen der Liebe

Deutschland und Israel rücken enger zusammen. Das hilft vor allem der Kanzlerin. Ihr Besuch in Tel Aviv stärkt ihre Position in Europa

Beginnen wir mit einem Rätsel. Warum fliegt die Kanzlerin zu »Regierungskonsultationen« nach Israel, und dies mit dem halben Kabinett? Das Privileg wurde bislang nur den üblichen Verdächtigen zuteil – Frankreich, dann Polen und Russland, Spanien und Italien. Aber Israel? Das Projekt ist umso rätselhafter, als Angela Merkel mit der Freundschaftsgeste zu Hause nicht punkten kann. Bestenfalls verhält sich das befragte Volk neutral. Nur drei Prozent wollen sich »klar« auf die Seite Israels stellen, 91 votieren für strikte Neutralität im Kampf um Palästina.

Die veröffentlichte Meinung? Der Spiegel intoniert mit dem aufgeladenen Titel Bedingungslose Nähe und fragt, stellvertretend für viele Blätter im Land, ob die »feste Solidarität mit Israel auch dem Friedensprozess« nütze. Warum geht sie nicht auch nach Ramallah zu den Palästinensern?, nörgelt das Kommentariat.

Nein, Israel ist nicht populär, weder im Volk noch in den Medien, die überwiegend Kritisches, ja Ablehnendes produzieren. Wie unpopulär, das zeigt jene EU-Umfrage von 2003, wonach zwei Drittel der Deutschen Israel als größte Bedrohung des Weltfriedens ausmachten. Nicht Iran, nicht Nordkorea? Eine höhere Prozentzahl gab’s nirgendwo in Europa.

Und doch sagt Außenminister Steinmeier : »Mit keinem Land sind wir so untrennbar verbunden.« Und doch reist die Kanzlerin schon zum dritten Mal nach Israel. Derweil die Israelis die Enkel der Täter schätzen gelernt haben – Deutschland rangiert nur hinter Italien und Frankreich –, bleibt die Freundschaft ein »Eliteprojekt«. Oder noch weniger: ein »Regierungsprojekt«, und zwar eines der Regierung Merkel.

Woher dann also diese neue Herzlichkeit, die nicht in die Geschichte der Beziehung passen will? Am Anfang war nur eiskalte Realpolitik, obwohl die auch gute Moralpolitik war. Das war das Wiedergutmachungs- abkommen von 1952, das dem Staat der Juden drei Milliarden Mark zuteilte. Trotz Widerstand im Bundestag hatte Konrad Adenauer den richtigen Instinkt bewiesen: Sonst hätte »Deutschland nicht Achtung und Gleichberechtigung« errungen. Übersetzt: Das war der Preis, der das übermächtige Amerika von der Wiedergutwerdung der Deutschen überzeugen sollte.Trotzdem sollte es noch 13 Jahre dauern, bis Bonn diplomatische Beziehungen offerierte, freilich nur widerwillig: als Vergeltung für die Anerkennung der DDR durch Ägypten. Seitdem gehorcht das Verhältnis einer fein austarierten Balance. Hier die moralische Verpflichtung, die jeder Kanzler bekundet hat – mitsamt dem obligaten Besuch von Jad Vaschem (»Hand und Namen«), der Holocaust-Gedenkstätte. Dort die genauso peinlich eingehaltene Distanz, die auf arabische Empfindsamkeiten Rücksicht nahm – mitsamt dem obligaten Besuch in Gaza oder Ramallah.

Oder so: Hier der diplomatische Spagat, dort die wirtschaftliche Umarmung. Deutschland ist Israels wichtigster Handelspartner nach den USA. Die Jaffa-Orangen sind Geschichte; jetzt liefert Israel Bio- und Hightech. Hinzu kommt die diskrete, aber wachsende Zusammenarbeit im Militärischen. Die entstand schon 1957, als Israel die Bundeswehr mit der »Uzi«-MP auszurüsten begann. Dann rollten US-Panzer aus Deutschland, flankiert von Milliardenkrediten. Heute kauft Deutschland das Allerfeinste – Avionik, Raketentechnik – von der kleinen Supermacht.

Nichts kann den Spagat besser versinnbildlichen als das Duo Schröder/Fischer. Der Kanzler flog in den Golf, um den Potentaten »made in Germany« zu verkaufen; der Außenminister nach Tel Aviv, um sich nach herzerwärmender Rede im Applaus der Studenten zu baden. Zuneigung hat Schröder dem jüdischen Staat nie gezeigt, das überließ er, der nur einmal das Land besuchte, seinem Außenminister. In den letzten Tagen seiner Amtszeit allerdings gewährte Schröder ein heiß begehrtes Gut, das im Überlebenskampf schwerer wiegt als jeder Liebesbeweis: zwei U-Boote, die in der Tiefe der Meere der atomaren Abschreckung gegen Iran und eventuellen Nachahmern dienen werden.

Damit kommen wir des Rätsels Lösung schon näher: Der Spagat weicht der ausgestreckten Hand, wo es um Existenzielles geht. Tausendfach beschworen, wirken die drei V – Völkermord, Verantwortung, Verpflichtung – weiter, obwohl Auschwitz längst wieder Oświęcim heißt. Die drei V sind deutsche Staatsräson: So waren wir, so wollen wir nie wieder sein. Diese Räson ruht auf einem »Narrativ«, das die Vergangenheit verinnerlicht hat, das heilighält, was Nazideutschland geschändet hat: Demokratie, Freiheit, unabdingbare Rechte. »Nie wieder!« ist zentrales Element dieser »Erzählung« – und deshalb ist es auch Israel.

Kein Kanzler hat es deutlicher gesagt als Merkel 2007 vor der UN-Generalversammlung, die kein Hort der Israelverehrung ist. »Die Existenz Israels«, proklamierte sie mit Blick auf die iranische Atombewaffnung, »ist Teil der Staatsräson unseres Landes. Das heißt, die Sicherheit Israels ist für mich niemals verhandelbar.« Berlin werde sich »entschieden für weitere, schärfere Sanktionen einsetzen«.

Warum so undiplomatisch? Lassen wir die Küchenpsychologie beiseite, wonach die Ostdeutsche Kompensation für den offiziellen Antisemitismus der DDR zu leisten wünsche; Außenpolitik ist kein Fall für die Couch. Vielmehr darf man der Kanzlerin unsentimentalen Reparaturbedarf unterstellen, hatte doch Schröder ihr in der Außenpolitik ein windschiefes Haus vererbt: mit zu viel Neigung gen Putin, Chirac und Arabien zulasten von Bush, England und Israel. Merkel hat das Lot angelegt, die Wände in die Senkrechte geschoben.

Das war erstes Semester Diplomatie, doch der Erfolg gab ihr Recht. Bush liebt sie, Putin respektiert sie – just deshalb kann sie Kritisches beidseitig verteilen. Berlin steht wieder im Zentrum Europas, allseits geschätzt und auch, wegen Merkels geschmeidiger Hartnäckigkeit, ein wenig gefürchtet. Just hat sie Sarkozy ausgebremst, sein »Club Med« (mit ihm als Chef-Animateur) bleibt unter dem Dach der EU. Und Ehud Olmert umgarnt Merkel mit Liebesschwüren.

Womit wir beim Kern angelangt sind, den die »Warum nicht Ramallah?«-Brigade übersieht. Hat Merkel die Israelis im Arm, kann sie mit dem anderen die Palästinenser packen: Seht her, bislang haben die Israelis nur den USA vertraut, jetzt auch mir. Je solider die Freundschaft, desto mehr Druck verträgt sie. Deshalb solltet ihr Palästinenser eure Anliegen nach Berlin tragen. »Der Mäzen als Makler« heißt dieses Stück, mit Merkel im Rampenlicht und in der Regie.

Den Vorhang für den zweiten Akt hat Merkel schon vor dem ersten, der Israelreise, gelüpft. Sie will noch im Sommer eine Nahostkonferenz in Berlin organisieren. Selbstverständlich nicht in Konkurrenz zu Annapolis, auch nicht zum Nahost-»Quartett« (USA, EU, UN, Russland). Bloß wird das Stück in Berlin inszeniert. Ihrem neuen Freund Olmert hat sie bereits ein Ja abgeluchst; wie sollte der sich auch sträuben, wenn sie ihm so großherzig die Ehre in Jerusalem erweist?

So entpuppt sich die Liebe, wie stets im Leben der Nationen, als gut eingefädelte Realpolitik, die jetzt schon reichlich Rendite in der Münze der Macht abwirft. Ob’s denn auch Frieden schafft? Nicht zu diesem 60. Geburtstag Israels, nicht zum 65. Denn die Tragödie ist eine Daueraufführung, die seit hundert Jahren die Bühne beherrscht.

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Leser-Kommentare

  1. Ein sehr guter und ausgewogener Artikel. Danke dafür herr Joffe.

    • 19.03.2008 um 9:31 Uhr
    • noanswer
    2. liebe

    und poetik und politik. osama bin laden lässt sich auch gerne als dichter feiern. man macht besser schnell einen schritt zurück, wenn man auch nicht weiss wohin.

  2. Wenn man sich den Mittelmehrpakt, zu dem ja auch Israel
    gehört anschaut. Sieht man eine gewaltige Militärische Seite. Mal provokativ gefragt (gelöscht. Bitte unterlassen Sie Beleidigungen und NS-Vergleiche dieser Art. Die Redaktion/jk) Sprich: Sollen
    Bundeswehr und Bundespolizei im Rahmen der zukünftigen „ Bündnisverpflichtungen“
    die Drecksarbeit übernehmen?

    • 19.03.2008 um 10:03 Uhr
    • Sentis

    Seit hundert Jahren, schreiben Sie, Herr Joffe. Das ist gut gemeint und die richtige Richtung. Es sind scheinen aber eher etliche tausend Jahre, in denen Israel, zuweilen unter anderem Namen, angefeindet wird, verfolgt wird, ausgestoßen, zerstreut und auch dezimiert wird. Es könnte tatsächlich Hinweis darauf sein, dass da jemand in diesem Volk eine Rolle spielt, die auf Erden nicht willkommen ist. Könnte es, möchte ich vorsichtig fragen, könnte es sein, dass da jemand gerufen wurde, diesem Ruf gefolgt ist und damit den Anfang des Endes dieses Zeitalters eingeleitet hat? Könnte es nicht tatsächlich sein, dass dieser Abraham durch sein Vertrauen, diesem Rufe zu folgen, die ganze Weltgeschichte veränderte? Über mittlerweile sechs Jahrtausende hinweg? Und die Geschichte dieses Jesus, könnte es sein, dass sie nicht nur Erzählung oder gar Spinnerei, sondern etwas so Wichtiges ist, dass jemand, der sich auf diesem Globus die Vorherrschaft gesichert hat, die Panik bekommen hat? Deshalb versuchte er, die Geburt des Königs zu verhindern, indem er sein Volk schon vorher auslöscht. Als das fehlschlug, brachte er im ganzen Volk alle bis 2-jährigen Jungen um. Auf den er es abgesehen hatte entkam, denn mit ihm waren dessen Eltern nach Ägypten geflohen. Die Juden wurden weiter unterdrückt - diesmal von den Römern, und hofften auf Hilfe. Wer hofft nicht auf Erlösung? Die Juden aber hatten begründete Hoffnung, weil sie verheißen war. Nun fand dieser Jesus aber beim Volk Ansehen, brachte jedoch die religiöse Elite in Bedrängnis, die ihn mit Aufruhr beseitigte. Alle Mitteln waren recht. Getrieben von diesem Geist des Verlustes, dem Herrscher dieses vergehenden Zeitalters, nachdem er den Himmel verloren hat. Seine letzte Chance also: die Rückkehr des Königs zu verhindern, dessen Reich weit über das dieses Globus hinaus geht. Sein Volk darf nicht nach ihm schreien, soviel weiß der, dessen Namen sind: Durcheinanderbringer, Verführer und Ankläger. Es soll ihn nicht rufen, denn dann kommt er! Dieser Jesus ist nämlich verlässlich und kommt, wenn man zu ihm um Hilfe schreit. Und wenn er in persona seine Füße in Israel auf diesen Globus stellt, dann haben die letzten Jahret dieses Zeitalters, dann hat die letzte Schlacht begonnen. Der Fürst dieser Welt möchte diese Schlacht verhindern, weiß er doch, er wird sie verlieren. Denn, wer von den Toten auferstanden ist, ...wer kann so einem widerstehen? Daher ist das Volk der Juden wie der Eisbär für den Klimawandel ein Barometer der Weltgeschichte. Es scheint Zeit, wach zu werden.

    • 19.03.2008 um 10:16 Uhr
    • plamen

    Zwar macht Joffe wie immer Realitätscheck für die ZEIT-Strohhutleser, ob sie aber die kurzen Andeutungen verstehen werden, wage ich zu bezweifeln. Zum Beispiel die Sache mit den Atomraketen-fähigen U-Booten. Ob da jedem klar ist, dass sie ein rein defensiv/abschreckendes Ziel haben?Und immerhin macht die "»Warum nicht Ramallah?«-Brigade" bestimmt 99,9% der deutschen Journalisten aus, was ein noch schlimmeres Verhältnis ist, als in der Bevölkerrung selbst.PSDie Kluft zw. Worten und Taten der BRD ist hier und hier sehr gut beschrieben.

    • 19.03.2008 um 11:17 Uhr
    • colca

    Der Autor kann doch wohl nicht ernsthaft glauben, dass Deutschland irgendwann in der Lage wäre, Israel zu ernsthaften Zugeständnissen an die Palästinenser zu drängen. Eine Sache, die noch kein US-Präsident vollbracht hat, soll ausgerechnet unserer Pastorentochter gelingen?Da verkennt der Herr Joffe aber bizarr der Stellenwert unseres Landes in der israelischen Außenpolitik. Deutschland soll auf immer vom schlechten Gewissen geplagt sein und zahlen, zahlen, zahlen. Momentan sind wir bei ca. 40 Milliarden $ angelangt - ein Ende ist nicht in Sicht. Gern werden auch U-Boote (für Nuklearwaffen vorbereitet) in Zahlng genommen.Hört das je auf? Ich bin 17 Jahre nach Kriegsende geboren, mein Sohn 46 Jahre danach. Sollen seine Kinder immer noch gebeugten Hauptes zu Besatzung und Apartheid schweigen und das Scheckheft zücken?Ach und wenn der Herr Joffe jubelt, dass die von ihm so empfundene Schieflage der Schröderschen Außenpolitik durch Merkel wieder gerade gerückt wurde, also zurück ins Fahrwasser der US-Politik - so verwundert das nicht. Schließlich ist Herr Joffe ausgewiesener Atlantiker und seinen Freunden von der Atlantikbrücke und den Bilderbergern einiges schuldig.Aber seien Sie versichert, der Konflikt zwischen Atlantikern und Eurasiern ist längst nicht entschieden. Die Zeiten ändern sich auch wieder.

    • 19.03.2008 um 11:50 Uhr
    • plamen

    Merkel scheint ja ganz allein zu sein, mit ihren Worten der Versöhnung und des Bedauerns des Staats-Antisemitismus der DDR. Jetzt wäre wohl der passende Augenblick, dass die Ostdeutschen sich Merkel anschließen, und öffentlich wenigstens Andstadsreue zeigen. Bis jetzt habe ich noch nichts gehört oder gelesen.

  3. Herr Joffe wirbt für den Frieden in Nah-Ost und sieht für Deutschland eine besondere Rolle darin. Das ist schön Naiv, zumal gewohnt Israel selber ohne Wimpernzucken die USA und ihre Präsidenten zu idiotischen Statisten degradiert, wenn irgendwelche Friedensbemühungen durch das Projekt "Landraub und Annektion" Ostjerusalems und Westjordans ad Absurdum geführt werden.Es mag ja säuerlich anmuten, dass sich Deutschland von USA/Israel/GB wegbewegt hat, aber man sollte wie Joffe nicht verdrängen, dass dies in völkerrechtbrechenden Angriffskriegen begründet gewesen ist und wenn man Moral als Lanze vor sich herzutragen gedenkt, zwingende Notwendigkeit. Nun, wo die USA/GB den Irak in ein Chaos geführt haben und ein Waffentest im Iran unwahrscheinlicher geworden ist, dazu Israel seinen auf "Bestrafung" von Zivilisten abgezielten Libanonfeldzug beendet hat, fällt das zurechtrücken von Verhältnissen natürlich leichter.Israel ist sicher keine Gefahr für den Weltfrieden. Für seine Nachbarn schon, wie man am Libanonfeldzug sehen konnte. Wegen zwei entführten Soldaten den ganzen Libanon zerbomben und 1000 Zivilisten töten, da muss man jeglichen moralischen Anspruch abzulegen bereit sein. Jedoch muss Israel auch kleine Nadelstiche von seinen Nachbar ertragen, die zwar das Unrecht gegen die Palästinenser als Begründung vorhalten, aber innenpolitische Gründe besitzen. Letzteendlich ist Israel nur für die Palästinenser eine große Gefahr. Israel ist dabei, seit 40 Jahren das Existenzrecht der Palästinenser zu verweigern und nach und nach ihnen ganz zu nehmen. Genoizid wird schon von israelischen Ministern angekündigt, weil die Palästinenser ihren Freiheitsentzug (gekürzt. Bitte vermeiden Sie NS-Vokabular. Die Redaktion/jk)bereit sind. Deutschland sollte nur darauf achten, dass es nicht zu nah an der Seite von Israel steht, wenn diese Palästinensisches Existenzrecht endgültig zu vernichten beabsichtigen. Das Deutschland an der Aushungerung von Gaza mit dem Boykott aktiv beteiligt ist, ist schon viel zu nah, wenn man Moral für sich beansprucht.Träumen Sie weiter Herr Joffe. Deutschland ist weit mehr Vasall für Israel und seinen Völkerrechtsbruch, als Ihre Wahrnehmung überhaupt zulässt, und eignet sich solange sicher nicht zum Friedensaktivisten.

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  • Von Josef Joffe
  • Datum 19.3.2008 - 10:15 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 19.03.2008 Nr. 13
  • Kommentare 54
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