Mit Feuer spielen

Handgranaten auf Einrichtungen internationaler Organisationen zu werfen ist im Nordkosovo Volkssport geworden. » Wir wollen euch hier nicht, wir dulden euch hier nicht, und wir geben auch keine Ruhe!«, das ist die Botschaft an EU und UN, die hinter jeder Explosion steckt.

Bislang gab es immer nur Sachschaden zu vermelden, Anfang der Woche zum ersten Mal zahlreiche Verletzte, als Kosovo-Serben sich Straßenschlachten mit UN-Polizei und KFor-Truppen lieferten.

Seit der einseitigen Unabhängigkeitserklärung des Kosovos vor einem Monat verfolgt Serbien vor allem ein Ziel: die faktisch längst bestehende Abtrennung der Kosovo-Serben im Norden unumkehrbar zu machen. Nicht nur, aber auch mit dem Einsatz von Gewalt. Man darf getrost davon ausgehen, dass jede serbische Demonstration, jede Besetzung von UN-Gebäuden, jeder Angriff auf Grenzstationen des neuen kosovarischen Staates mit Billigung oder Anordnung aus Belgrad stattfinden genauer gesagt: mit Billigung oder Anordnung von Politikern rund um Premierminister Vojislav Kotunica und den serbischen Geheimdienst BIA.

Bislang geht diese Strategie voll auf: Die kosovarische Regierung in Prishtina hat keinerlei Kontrolle über den serbisch dominierten Teil ihres Territoriums - die von Belgrad finanzierten Parallelstrukturen bleiben intakt - weder EU noch UN bekommen im Norden einen Fuß auf den Boden. Geblieben sind die KFor-Truppen. Die nächste Kraftprobe steht bereits bevor: Am 11. Mai finden in Serbien vorgezogene Parlamentswahlen statt. Die will Belgrad auch im Nordkosovo durchführen nach westlicher Lesart also auf dem Gebiet eines anderen Staates. Werden KFor-Soldaten darunter übrigens auch deutsche dann mit Panzern Wahllokale blockieren, um die Kosovo-Serben an der Stimmabgabe zu hindern? Wohl kaum. Sie werden (hoffentlich) auf eine Eskalation verzichten, was allerdings auch hieße: Die Serben zementieren damit weiter die Trennung des Kosovos.

Nun setzen EU-Politiker gerade in diese Wahlen große Erwartungen, hoffen sie doch auf einen deutlichen Erfolg der Europa-freundlichen Partei des Staatspräsidenten Boris Tadi. Also auf eine Richtungsentscheidung des serbischen Wahlvolkes weg von der nationalistischen Märtyrerpose eines Kotunica und der antieuropäischen Rabulistik der ultranationalistischen Radikalen Partei. Dieses Kalkül könnte aufgehen, weil viele Serben genug haben vom politischen Feuerspiel mit dem Kosovo und von organisierten Hooligans, die noch vor einigen Wochen in Belgrad den angeblich spontanen Volkszorn an westlichen Botschaften austobten.

Bloß darf man dabei eines nicht übersehen: Die Mehrheit der Serben, darunter auch viele moderate, proeuropäische, empfinden die vom Westen unterstützte Sezession des Kosovos als große Ungerechtigkeit ein Sentiment, das man ernst nehmen muss. Auch eine neue proeuropäische Regierung, so sie denn nach dem 11. Mai zustande kommt, wird die Kontrolle über den Norden des Kosovos nicht aufgeben. Sie wird versuchen, den aufgeheizten Konflikt wieder auf einen »eingefrorenen Konflikt« herunterzufahren, was schon mal ein Fortschritt wäre. An der faktischen Teilung des Kosovos wird das nichts ändern. Die wird womöglich in einigen Jahren zu einer De-jure-Sezession. Wie man das durchsetzt, haben die Kosovo-Albaner ja bereits demonstriert.

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.13 vom 19.03.2008, S.2
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  • Schlagworte Kosovo | MIT | Serbien | Belgrad | Hooligan
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