Nachrichten von der Flucht
Am Ende nahm er die Gitter vor dem Fenster nicht mehr wahr. In Gedanken war Peter B. längst frei. Die Gefangenschaft schien dem 47-Jährigen nichts mehr anhaben zu können, selbst sein Lungenkarzinom, das bald operiert werden sollte, bereitete ihm keine Sorge. » Ich fürchte mich vor gar nichts«, sagte er. Ihn umgab die Aura eines Menschen, der von Vorfreude berauscht ist.
Das war im Dezember letzten Jahres, Peter B. rechnete damit, kurz darauf entlassen zu werden. Damals trafen wir ihn zum ersten Mal für das ZEITmagazin (Nr. 51/07), um ihn in den kommenden Monaten der Freiheit zu begleiten. Elf Jahre hat Peter B. wegen der Beteiligung an einem Raubmord eingesessen, erst in Thailand, dann in der JVA Tegel.
Am 5. Dezember 2007 erließ der thailändische König eine Amnestie, Peter B. glaubte, er müsse nur noch warten, bis die deutschen Behörden das Urteil vollstrecken würden. Er hatte alles vorbereitet für seine Freilassung, erzählte von dem Zimmer, das er »bei Mutter« beziehen werde. In der Haft war Peter B. religiös geworden, nun wollte er anderen Häftlingen helfen. » Wir wollen den Inhaftierten zeigen, dass es immer eine Hoffnung gibt«, schrieb er auf seiner neuen Homepage.
Jetzt hat Peter B. offenbar selbst die Hoffnung verloren. Seine Entlassung hatte sich wegen Problemen bei der Anrechnung der Haftzeit in Thailand verzögert. Obwohl er wusste, dass er im Juni freikommen würde, ist er von einem Ausgang am vergangenen Dienstag nicht zurückgekehrt. Weil es in Berlin zuletzt einige Justizpannen gegeben hat, ließ die Kritik an SPD-Justizsenatorin Gisela von der Aue nicht lange auf sich warten. Die Boulevardzeitungen titelten mit der Flucht, die CDU kündigte »ein Nachspiel im Rechtsausschuss« an. Peter B. taugt allerdings kaum als Beispiel für eine Fehleinschätzung durch die Behörden. Besser als bei ihm, davon waren alle, die ihn kannten, überzeugt, könne eine Resozialisierung nicht laufen.
Was an jenem Dienstag geschah, was Peter B. zur Flucht bewegte, ist schwer zu ergründen. Am Nachmittag hatte er sich mit einem Freund getroffen, den er aus der Haft kannte und der bereits entlassen worden war. Danach wollte Peter B. zur Stadtmission, wo er regelmäßig hinging, um sich auf die Entlassung vorzubereiten. Dort kam er nie an, stattdessen bestieg er einen Zug nach Prag. Abends um halb zehn rief er von dort seinen Freund an, um zu sagen, dass er nicht mehr zurückkommen werde. » Das hat mich völlig überrascht, am Nachmittag war ihm nichts anzumerken.« Er habe versucht, ihn davon abzubringen, sagt der Freund, der seinen Namen nicht nennen will. Warum er flüchtete, habe Peter B. ihm nicht gesagt. Am nächsten Morgen meldete er sich noch ein letzte Mal, diesmal aus Paris. Der Freund fühlt sich nun getäuscht von Peter B. Weil er will, dass er »heil gefunden wird«, hat er die Anrufe der Polizei gemeldet.
Nun ist Peter B. offenbar auf der Flucht von Stadt zu Stadt, dabei ist das gerade das Leben, das er nicht mehr wollte. Einmal hatte er am Tag nach seiner Flucht noch Kontakt zur Anstalt. Peter B. habe deprimiert geklungen und Suizidabsichten geäußert, heißt es.
Vielleicht war Peter B. das Warten zu lange geworden. Vielleicht schämte er sich, dass er auf die Fragen der Mithäftlinge, wann er endlich frei käme, nur die immer gleiche Antwort »in den nächsten Tagen« geben konnte. Irgendwann hat er erfahren, dass es Juni werden sollte.
Seine Pflegemutter sitzt nun in ihrem Haus nahe Osnabrück und schwankt zwischen Enttäuschung und Sorge. Enttäuschung darüber, dass er sein Versprechen nicht gehalten hat, »keinen Mist mehr zu machen«. Was bei aller Sorge durchscheint, ist das Gefühl, verraten worden zu sein.
Peter B. wirkte immer überzeugend, aber er ist ein Mensch, der mehr verbirgt, als es den Anschein hat.
Peter Bs Pflegemutter hatte ihn nach dem Tod seiner Eltern aufgenommen. Er war da schon 20 Jahre alt, aber offenbar noch so labil, dass er ihre Hilfe brauchte. Peter B. stammt wie die Pflegemutter aus der DDR. Er war als 18-Jähriger in die Bundesrepublik geflohen. » Die vielen Vorschriften haben mich genervt«, sagte er über die erste große Flucht in seinem Leben. Er erzählte, dass er sich im Interzonenzug in einem leeren Abteil einfach unter die Sitzbank gelegt habe. Dass er damit durchkam, dass er die DDR-Grenzer so leicht täuschte, nannte er stolz eine »ausgemachte Frechheit«. Später wurde das sein Lebensmotto: Mit wenig Aufwand größtmögliche Ziele erreichen.
Peter B. begann Unterschriften zu fälschen, er kam wegen Scheckbetrugs ins Gefängnis.
Bei dem Mord in Thailand wurden seine Fähigkeiten als Unterschriftenfälscher wieder gebraucht. Drei Bekannte planten gemeinsam mit ihm, einen deutschen Lehrer zu töten, um an dessen Kreditkarten zu kommen. Um eine mögliche Identifizierung des Opfers zu erschweren, trennte einer von Bs Komplizen mit einem Messer den Kopf der Leiche ab und verscharrte ihn 15 Kilometer entfernt vom Tatort.
Doch schon wenige Tage später wurden alle Leichenteile gefunden. Zwei Monate später wurde B. verhaftet, als er mit der Kreditkarte des Lehrers bezahlen wollte. Ein zunächst gefälltes Todesurteil wurde in 40 Jahre Haft umgewandelt, weil B. an dem Mord nicht direkt beteiligt gewesen war.
Mit 47 Jahren wollte Peter B. nun endlich ein Leben führen, in dem es kein Verbrechen und keine Flucht mehr geben sollte. Dass er das nicht geschafft hat, ist für ihn selbst sicher die größte Enttäuschung.
- Datum 20.03.2008 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.13 vom 19.03.2008, S.20
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







