Das Haus, aus dem heraus die Welt erobert werden sollte, ist so abgewirtschaftet wie die Ideologie, die einst in ihm wohnte. Der Kommunismus gilt vielen seit der Weltenwende zwischen 1989 und 1992 als gescheitert. Auch die Tage des Hotels Zentralnaja, des früheren Moskauer Absteigequartiers der Revolutionäre aus der Kommunistischen Internationale, scheinen gezählt. Als Hotel Lux ist es berühmt geworden in der Gorkijstraße 10, die heute Twerskaja heißt. Hier vermuten manche die unerlösten Seelen gläubiger Kommunisten, die von ihrer höheren Kreml-Priesterschaft in den Selbstmord getrieben, eingekerkert oder umgebracht wurden. Und noch ein Gespenst geht um in den Fluren: Eine Investorenbank plant den Umbau in ein Fünf-Sterne-Fashion-Hotel mit Luxuseinkaufszone.

Der Kapitalismus hätte damit auch dort triumphiert, wo sich einst Richard Sorge auf seine Spionage für Stalin vorbereitete, Ho Tschi-minh Bettwanzen knackte und der Tscheche Klement Gottwald mit Genossen frühstückte, die er später in Prag als Hochverräter hängen ließ. Komintern-Delegierte und kommunistische Emigranten, künftige Staatsmänner und Todgeweihte lebten im Hotel Lux zusammen. Hier wurde agitiert, konspiriert, gebangt und geliebt – worüber sich auch manch gefallene Bürgerliche im Broterwerb als Prostituierte nach der Oktoberrevolution freuen konnte.

Der Kleinkapitalismus hat das Hotel bereits seit 15 Jahren im Griff: Minireisebüros, Klitschenfirmen zur juristischen Beratung oder Betriebsliquidation, ein Gouvernantenservice und die Agentur Rendezvous mieten den Hauptteil der Zimmer. Seinen Geheimnisdunst bewahrt das Haus, das in den frühen sowjetischen Zeiten nur durch ein strenges Passierscheinsystem zu betreten war, bis heute. Der künftige Investor, die Bank Rossijskij Kredit, lehnt einen Besuch des Hotels durch Journalisten ab, als gäbe es etwas zu verbergen. Das Gebäude sei in einem baufälligen Zustand, heißt es bedrohlich, und das Betreten nicht ungefährlich.

Doch dem Besucher fällt kein Deckenstuck auf den Kopf, und bei den Firmen herrscht Kommen und Gehen. Wer den Hoteleingang an der dem Kreml zugewandten Seite sucht, landet im Nachtklub Rotkäppchen, dessen Männerstrips mit Hartstahlbäuchen und Bizeps wie eine späte, billige Ehrung der großen Emanzipierten unter den Kommunistinnen wirkt; Ruth Fischer war eine von ihnen, sie lebte ebenfalls im Lux.

Die Glastür des Hoteleingangs an der Twerskajastraße ist leicht zu übersehen. Drinnen verunstaltet eine Geldwechselbude das Hotelfoyer mit seinen Säulen aus rotem Marmor. Abgeschabte Teppichläufer bedecken die Flure, auf denen die Emigrantenkinder einst Partisan und Faschist spielten. Der mürbe Dielenboden vor den weiß lackierten Türen aus den dreißiger Jahren gibt unter jedem Schritt nach. Im fünften und sechsten Stock wohnen noch Hotelgäste. Toilette und Gemeinschaftsdusche finden sich auf dem Flur. Eine Kassettenstuckdecke, Prunkornamente im orientalischen Stil und wild wuchernder Plastik-Efeu zieren das Café im zweiten Stock, wo die Kommunisten 1923 den Hamburger Aufstand herbeifantasierten. Das Hotel Zentralnaja bietet eine einzigartige Mixtur aus ermattetem zaristischem Goldprunk, sozialistischer Piefigkeit und nachsowjetischem Basar und Tand.

Es roch nach Kohl und Windeln, die Seite an Seite köchelten

Ins Zimmer 339 hat sich ein Friseursalon gequetscht. Früher, in der damaligen Nummer 173, wohnte hier Waltraut Schälike mit ihren Eltern, deutschen »Arbeiterkommunisten«. Ihre Existenz hat Schälike einer gewissen Linienuntreue der Mutter zu verdanken. Deren gewollte Schwangerschaft 1927 erschien manchem Berliner Genossen als Verrat an der ewigen Kampfbereitschaft. 1931 floh die Familie vor der Verfolgung durch die deutschen Behörden nach Moskau in ein Zimmer des Hotels Lux.