Philosophie : Ein Ökonom mit Charisma

Als erster Asiat erhielt der Wirtschaftswissenschaftler Amartya Sen 1998 den Nobelpreis. Der in Harvard lehrende Inder geht die großen philosophischen Fragen seiner Disziplin an

Er lebt schon lange nicht mehr in Indien, aber die Probleme seines Heimatlandes hat Amartya Sen im Blick behalten. Eines sind die unerwartet hohen Gesundheitsschäden des Rauchens. Zwar rauchen Inder im Durchschnitt weniger als die Menschen im Westen und fangen auch später damit an, eine aktuelle Studie hat aber ergeben, dass der Tabakgenuss für sie besonders gefährlich ist. »Es ist wirklich bemerkenswert, dass ein einzelner Faktor, nämlich das Rauchen, das völlig vermeidbar ist, für fast zehn Prozent aller Todesfälle in Indien verantwortlich ist«, sagt Sen. Die Regierung müsse dringend handeln.

Sen ist ein Ökonom, der stets das Ganze in den Blick nimmt. Der Nobelpreisträger hat mit seinem Werk eine neue Sicht auf wirtschaftliche Entwicklung etabliert. Damit ist ihm ein fast undenkbarer Brückenschlag gelungen: Linke und bürgerliche Vordenker berufen sich gleichermaßen auf ihn. Globalisierungskritiker finden in Sen einen Anwalt. Und Ökonomen bewundern ihn dafür, dass er ein Problem knackte, an dem sich die Zunft jahrzehntelang die Zähne ausbiss: das berühmte Arrowsche Unmöglichkeitstheorem auszuhebeln.

Freundlich beantwortet Sen eine erste Interviewanfrage, aber länger will er am Telefon nicht Auskunft geben – die Zeit ist knapp. Auch mit 74 arbeitet er an wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Gerade schreibt er ein Buch über die Ideengeschichte der Gerechtigkeit. Zudem ist er viel unterwegs, um Ehrungen einzuheimsen – auf nicht weniger als 87 Titel ist seine Sammlung an Ehrendoktoraten inzwischen angewachsen. Im November vergangenen Jahres bekam Sen in Köln den »Meister-Preis«, wie er sagt. Der heißt eigentlich »Meister Eckhart-Preis« und erinnert an den deutschen Mystiker des 13. Jahrhunderts. Aber das hat Sen bei der Fülle an Titeln wohl einfach vergessen.

Tausend Studenten hat die Ankündigung, dass Sen einen Vortrag hält, in die Kölner Universität gelockt. Es ist der Tag seiner Preisverleihung. Mit kleinen, langsamen Schritten tritt er ans Mikrofon. Man sieht ihm an, dass er auf die 75 zugeht. Aber sobald er seine Worte mit leichtem indischem Akzent an das Publikum richtet, füllt seine Persönlichkeit den gesamten Raum aus.

Sen spricht über das Verhältnis von Freiheit und Multikulturalismus. Der Westen dürfe sich nicht durch Terroranschläge vom Pfad der Toleranz abbringen lassen – das ist seine Botschaft. »Was aber, wenn Menschen freiwillig die Scharia wählen?«, fragt einer der Studenten nach dem Vortrag. »Eine sehr gute Frage«, lobt Sen den jungen Mann, um dann eine kurze Abhandlung über die Geschichte der Freiheit zu liefern. Sie müsse da enden, wo sie die Freiheit anderer einschränke, schließt er lächelnd. Im Dialog mit den Studenten fühlt er sich sichtlich wohl.

Freiheit, Toleranz, Ungleichheit – das sind keine Fragestellungen, mit denen sich viele Ökonomen heute beschäftigen. Sen aber hat sich ihnen schon frühzeitig gewidmet: Als Kind erlebt er, wie ein muslimischer Tagelöhner in einem Hinduviertel von Dhaka, der heutigen Hauptstadt Bangladeschs, niedergestochen wird. Seine Armut hatte ihn dazu gezwungen, dort nach einer Arbeit zu suchen. Der religiös motivierte Anschlag macht dem jungen Amartya zwei Dinge klar: Wird Identität zu eng definiert, beispielsweise ausschließlich religiös, dann werden die Menschen einander gefährlich. Und Freiheitsrechte nützen wenig, wenn jemand nicht die Fähigkeiten besitzt, die er benötigt, um wirtschaftlich frei zu sein. Noch Jahrzehnte später bleiben dies seine Leitthesen, wie sich in seinen Spätwerken Die Identitätsfalle und Ökonomie für den Menschen zeigt.

Amartya Sen ist keinem Lager zuzuordnen: Er bezeichnet sich zwar als Linken, seine kommunistischen Studienfreunde aber waren ihm zu dogmatisch. Auch aus den ideologischen Gefechten zwischen Keynesianern und Neoklassikern hat er sich während seiner Zeit in Cambridge weitgehend herausgehalten. Linke Ideale ja, aber nicht nur die Methoden der Linken, hat er sich gesagt. Diese Positionierung hat er beibehalten. Seine Ausstrahlung auf Anhänger der unterschiedlichsten politischen Richtungen ist in den vergangenen Jahren noch gewachsen.

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Kommentare

1 Kommentar
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HDI falsch verstanden

Ich denke die Aussage im Artikel "In den Index fließt deshalb die Verteilung des Wohlstandes genauso wie die Lebenserwartung und die Alphabetisierung" ist zu leicht falsch zu verstehen. Der Human Development Index mißt bei weitem nicht die Verteilung des Wohlstandes innerhalb eines Staates, ist also kein Maß für die im Artikel so gern zitierte Gleichheit und Freiheit der einzelnen Menschen. Er gibt lediglich das Bruttonationaleinkommen (BNP) pro Einwohner eines Landes in KKP-$ (Kaufkraftparität) an, mißt also nur einen Durchschnittswert, der keine Auskunft über die Verteilung des Reichtums zuläßt.Der Satz ist deshalb mißverständlich, da der HDI für jedes einzelne Land gebildet wird und somit in den Index nur ein Maß des Reichtums eines Landes einfließt.

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