PhilosophieEin Ökonom mit Charisma

Als erster Asiat erhielt der Wirtschaftswissenschaftler Amartya Sen 1998 den Nobelpreis. Der in Harvard lehrende Inder geht die großen philosophischen Fragen seiner Disziplin an von Philipp Krohn

Er lebt schon lange nicht mehr in Indien, aber die Probleme seines Heimatlandes hat Amartya Sen im Blick behalten. Eines sind die unerwartet hohen Gesundheitsschäden des Rauchens. Zwar rauchen Inder im Durchschnitt weniger als die Menschen im Westen und fangen auch später damit an, eine aktuelle Studie hat aber ergeben, dass der Tabakgenuss für sie besonders gefährlich ist. »Es ist wirklich bemerkenswert, dass ein einzelner Faktor, nämlich das Rauchen, das völlig vermeidbar ist, für fast zehn Prozent aller Todesfälle in Indien verantwortlich ist«, sagt Sen. Die Regierung müsse dringend handeln.

Sen ist ein Ökonom, der stets das Ganze in den Blick nimmt. Der Nobelpreisträger hat mit seinem Werk eine neue Sicht auf wirtschaftliche Entwicklung etabliert. Damit ist ihm ein fast undenkbarer Brückenschlag gelungen: Linke und bürgerliche Vordenker berufen sich gleichermaßen auf ihn. Globalisierungskritiker finden in Sen einen Anwalt. Und Ökonomen bewundern ihn dafür, dass er ein Problem knackte, an dem sich die Zunft jahrzehntelang die Zähne ausbiss: das berühmte Arrowsche Unmöglichkeitstheorem auszuhebeln.

Freundlich beantwortet Sen eine erste Interviewanfrage, aber länger will er am Telefon nicht Auskunft geben – die Zeit ist knapp. Auch mit 74 arbeitet er an wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Gerade schreibt er ein Buch über die Ideengeschichte der Gerechtigkeit. Zudem ist er viel unterwegs, um Ehrungen einzuheimsen – auf nicht weniger als 87 Titel ist seine Sammlung an Ehrendoktoraten inzwischen angewachsen. Im November vergangenen Jahres bekam Sen in Köln den »Meister-Preis«, wie er sagt. Der heißt eigentlich »Meister Eckhart-Preis« und erinnert an den deutschen Mystiker des 13. Jahrhunderts. Aber das hat Sen bei der Fülle an Titeln wohl einfach vergessen.

Tausend Studenten hat die Ankündigung, dass Sen einen Vortrag hält, in die Kölner Universität gelockt. Es ist der Tag seiner Preisverleihung. Mit kleinen, langsamen Schritten tritt er ans Mikrofon. Man sieht ihm an, dass er auf die 75 zugeht. Aber sobald er seine Worte mit leichtem indischem Akzent an das Publikum richtet, füllt seine Persönlichkeit den gesamten Raum aus.

Sen spricht über das Verhältnis von Freiheit und Multikulturalismus. Der Westen dürfe sich nicht durch Terroranschläge vom Pfad der Toleranz abbringen lassen – das ist seine Botschaft. »Was aber, wenn Menschen freiwillig die Scharia wählen?«, fragt einer der Studenten nach dem Vortrag. »Eine sehr gute Frage«, lobt Sen den jungen Mann, um dann eine kurze Abhandlung über die Geschichte der Freiheit zu liefern. Sie müsse da enden, wo sie die Freiheit anderer einschränke, schließt er lächelnd. Im Dialog mit den Studenten fühlt er sich sichtlich wohl.

Freiheit, Toleranz, Ungleichheit – das sind keine Fragestellungen, mit denen sich viele Ökonomen heute beschäftigen. Sen aber hat sich ihnen schon frühzeitig gewidmet: Als Kind erlebt er, wie ein muslimischer Tagelöhner in einem Hinduviertel von Dhaka, der heutigen Hauptstadt Bangladeschs, niedergestochen wird. Seine Armut hatte ihn dazu gezwungen, dort nach einer Arbeit zu suchen. Der religiös motivierte Anschlag macht dem jungen Amartya zwei Dinge klar: Wird Identität zu eng definiert, beispielsweise ausschließlich religiös, dann werden die Menschen einander gefährlich. Und Freiheitsrechte nützen wenig, wenn jemand nicht die Fähigkeiten besitzt, die er benötigt, um wirtschaftlich frei zu sein. Noch Jahrzehnte später bleiben dies seine Leitthesen, wie sich in seinen Spätwerken Die Identitätsfalle und Ökonomie für den Menschen zeigt.

Amartya Sen ist keinem Lager zuzuordnen: Er bezeichnet sich zwar als Linken, seine kommunistischen Studienfreunde aber waren ihm zu dogmatisch. Auch aus den ideologischen Gefechten zwischen Keynesianern und Neoklassikern hat er sich während seiner Zeit in Cambridge weitgehend herausgehalten. Linke Ideale ja, aber nicht nur die Methoden der Linken, hat er sich gesagt. Diese Positionierung hat er beibehalten. Seine Ausstrahlung auf Anhänger der unterschiedlichsten politischen Richtungen ist in den vergangenen Jahren noch gewachsen.

»Sen ist einer der wenigen Ökonomen, die sich mit der philosophischen Dimension der Wirtschaft befassen«, sagt der Züricher Professor Bruno Frey. Dadurch gelange er zu einem sehr breiten Verständnis des Fortschritts und der Verteilung von Reichtum. Zu breit, finden einige Fachkollegen, für die Ethik nichts in den Wirtschaftswissenschaften verloren hat, sondern in der Philosophie. Nachdem Sen vor zehn Jahren den Nobelpreis zugesprochen bekam – als erster asiatischer Ökonom –, überschrieb das Wall Street Journal seinen Leitartikel: »Der falsche Ökonom hat gewonnen«. Sen sei ein Vielschreiber, der wenige handfeste Erkenntnisse geliefert habe – und da, wo sie präzise seien, seien sie banal.

Das Nobelkomitee dagegen würdigte seine Hauptleistungen: Sen hat eine neue Definition geliefert, was als wirtschaftliche Entwicklung zu verstehen ist. Er hat empirisch nachgewiesen, dass Hunger nicht aus Nahrungsknappheit entsteht, sondern aus einer ungerechten Verteilung. Und er hat Bedingungen formuliert, wie aus individuellen Werten akzeptable kollektive Entscheidungen abgeleitet werden können. Das Arrowsche Unmöglichkeitstheorem, wonach immer eine Grundregel der Demokratie verletzt wird, wenn sich Individuen auf einen sozialen Konsens einigen, umgeht er mit Hilfe moralphilosophischer Argumente.

Wirtschaftliche Entwicklung wird durch das Bruttoinlandsprodukt nur ungenügend ausgedrückt. Mit diesem Gedanken hat sich Sen, der in dritter Ehe mit der britischen Adam-Smith-Expertin Emma Rothschild verheiratet ist, gegen das Grundverständnis seines Faches gestellt. Als wissenschaftlicher Berater hat er ihn im Human Development Index der Vereinten Nationen verankert. Sen versteht menschliche Entwicklung als einen Zuwachs an Entfaltungsmöglichkeiten. In den Index fließt deshalb die Verteilung des Wohlstands genauso wie die Lebenserwartung und die Alphabetisierungsrate ein. Investitionen in die Bildung und den Gesundheitssektor sind nach dieser Logik Maßnahmen, um mehr Freiheit zu erzielen. Darum müsse der Staat sich kümmern, meint Sen – eine These, die manchem neoliberalen Kollegen bitter aufstößt. Deren Stimme aber scheint momentan ohnehin an Gewicht zu verlieren.

Auch Sens Glauben an Markt und Globalisierung haben Ökonomen bezweifelt. So beklagt er tatsächlich, dass die westlichen Staaten Handelsregeln und -beziehungen aufgebaut haben, die die Lage in den ärmeren Staaten verschlimmern. Dass er die Globalisierung generell skeptisch sehe, verneint er entschieden. »Seit Tausenden von Jahren hat Globalisierung zum Fortschritt auf der Welt beigetragen«, sagt er. »Der Warenaustausch war ein entscheidender Faktor in der Entwicklung der Menschheit. Zwischen Indien und China hat er beispielsweise schon im 3. Jahrhundert vor Christus eingesetzt.« Der Ökonom beschränkt die Globalisierung nicht nur auf die Wirtschaft, sondern auch auf die kulturellen Einflüsse und den Wissensaustausch – als Sohn eines Chemieprofessors und Enkel eines Sanskritlehrers war ihm selbst die Vielseitigkeit praktisch von Geburt an mitgegeben.

Seine breite Perspektive macht Sen auch für die Globalisierungskritiker von Attac attraktiv. »Er hilft damit, Ökonomie anders zu denken«, sagt Sven Giegold, Mitgründer von Attac Deutschland, der auch Sens Fokus auf Verteilungsprobleme schätzt. Allerdings kritisiert Giegold, dass der Harvard-Professor Ungleichheit akzeptiere, sofern den Menschen alle Freiheiten gewährt seien. »Da scheinen mir andere Konzepte, die über den ökonomischen Mainstream hinausweisen, doch ambitionierter zu sein«, sagt Giegold. An der Überlegenheit des Marktsystems lässt Sen ohnehin keinen Zweifel aufkommen.

Insgesamt scheint sich der Wind derzeit zu seinen Gunsten zu wenden. Beherrschten zu Zeiten seiner Nobelpreisverleihung noch neoliberale Argumente den Diskurs, erlebt der Staat derzeit eine Renaissance. Inzwischen beziehen sich Linke wie Rechte auf Sen. Vor allem auf die großen politischen Parteien wirkten seine vielfältigen Veröffentlichungen inspirierend. So berufen sich etwa die führenden Sozialdemokraten Frank-Walter Steinmeier, Peer Steinbrück und Matthias Platzeck in einem viel beachteten Positionspapier explizit auf seine »Ökonomie für den Menschen«.

Tatsächlich liest sich seine These von der Entwicklung als Freiheit wie eine theoretische Grundlage ihres vorsorgenden Sozialstaats. Und auch die Konkurrenz von der CDU findet bei Sen passende Thesen: Ihr Parlamentarischer Geschäftsführer Norbert Röttgen griff sich seine globalisierungsbejahenden Argumente heraus, als er in einem Meinungsartikel für die Frankfurter Rundschau erörterte, wie seine Partei zur G8-kritischen Bewegung steht.

»Es besteht eine gewisse Gefahr, dass sich Sen von allen Seiten vereinnahmen lässt«, sagt der Schweizer Ökonom Bruno Frey. Das liege auch daran, dass er selten zu etwas »Nein oder Quatsch« sage.

Etwas anders sieht das der Bonner Wirtschaftswissenschaftler Carl-Christian von Weizsäcker. »Jemand, der viel schreibt, bietet auch viel an, was zitiert werden kann«, sagt er bewundernd und erinnert an Sens weit mehr als 300 Veröffentlichungen in den wichtigsten Fachzeitschriften. Manche der Ausführungen bleiben zwar eher an der Oberfläche und haben bisweilen den Charakter von Allgemeinplätzen. Das aber dürfte wohl das Schicksal jedes Denkers sein, der die engen Grenzen seiner Fachdisziplin verlassen hat.

Dass er als Ökonom ethische Probleme untersucht, hat Amartya Sen in westlichen Ländern den etwas spöttischen Spitznamen »Mutter Teresa der Ökonomie« eingebracht. Darauf angesprochen, wird der sonst gutmütige Inder spitz. »Das ist eine schreckliche Bezeichnung«, sagt er und nennt sie eine Herabwürdigung der Arbeit der Ordensschwester. Anders als sie habe er nie etwas geopfert. Der Begriff komme außerdem von unqualifizierter Seite. »Kein Ökonom hat mich so genannt und auch kein indischer Journalist. Nur die westlichen Medien schreiben das. Und je öfter es wiederholt wird, desto mehr verfestigt sich der Eindruck«, sagt er. Aber er räumt auch ein, dass die verstorbene Friedensnobelpreisträgerin durchaus Einfluss auf seine Arbeit gehabt habe, und fügt versöhnlich hinzu, dass er die Hälfte des Nobelpreisgeldes in seine Pratichi-Stiftung gesteckt habe, die Probleme der Schulbildung in seinen beiden Heimatländern Indien und Bangladesch wissenschaftlich erforscht. Auf diese Weise wird in seinem Sinne auch praktisch etwas gegen Armut und Ungleichheit getan.

So unterschiedliche Ökonomen wie der Liberale Milton Friedman oder seine Doktormutter, die Sozialistin Joan Robinson, haben Amartya Sens wissenschaftliche Leistungen gewürdigt. In Indien feierten ihn die Menschen zu Tausenden, als er nach der Nobelpreisvergabe in die Heimat reiste. Zwischenzeitlich wurde er sogar einmal als Präsidentschaftskandidat gehandelt. Die Politikberatung dürfte dem Professor, der ein nur begrenzt massentaugliches Charisma besitzt, aber eher liegen.

Der Abend der Preisverleihung im Kölner Wallraf-Richartz-Museum: Das elegante Publikum hat sich in Abendgarderobe gewandet. Sektgläser werden aneinandergestoßen. Sen begnügt sich mit Wasser und hält sich im Hintergrund an der Garderobe. Dass er der Star des Abends ist, heißt nicht, dass er sich auf Small Talk einlassen müsste. Erst als er den Gästen von seinen Theorien berichten kann, blüht er denn auch wieder auf.

Was ihn antreibt? Sen schaut etwas verwundert und gibt dann, wie so oft, eine akademische Antwort auf eine persönlich gemeinte Frage: »Freiheit für alle ist doch eine alte Idee. Politische Diskussionen können nicht vor dem Problem der Ungleichheit haltmachen.«

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Leserkommentare
    • wierzi
    • 15. April 2008 14:02 Uhr

    Ich denke die Aussage im Artikel "In den Index fließt deshalb die Verteilung des Wohlstandes genauso wie die Lebenserwartung und die Alphabetisierung" ist zu leicht falsch zu verstehen. Der Human Development Index mißt bei weitem nicht die Verteilung des Wohlstandes innerhalb eines Staates, ist also kein Maß für die im Artikel so gern zitierte Gleichheit und Freiheit der einzelnen Menschen. Er gibt lediglich das Bruttonationaleinkommen (BNP) pro Einwohner eines Landes in KKP-$ (Kaufkraftparität) an, mißt also nur einen Durchschnittswert, der keine Auskunft über die Verteilung des Reichtums zuläßt.Der Satz ist deshalb mißverständlich, da der HDI für jedes einzelne Land gebildet wird und somit in den Index nur ein Maß des Reichtums eines Landes einfließt.

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