Apulien Der letzte Heilige

Sieben Millionen Menschen pilgern jedes Jahr ins apulische San Giovanni Rotondo zum Grab von Padre Pio. Jetzt kommt der Mönch hinter Glas

Es gibt schönere Orte in Süditalien als San Giovanni Rotondo. Abgesehen von der winzigen Altstadt mit pastellfarbenen Häusern aus der vorletzten Jahrhundertwende, besteht San Giovanni aus Betonklötzen, die wahlweise als Parkhaus, als Hotel oder als Krankenhaus fungieren. Das Meer sieht man nicht, es liegt hinter den kargen Hügeln, welche wie ein Mauerring die Stadt umschließen. In diesen Ort reisen alljährlich sieben Millionen Menschen – und das nicht wegen seiner einen Sehenswürdigkeit, einer Kirche von Renzo Piano , sondern wegen eines Menschen, der einmal hier lebte.

San Giovanni Rotondo, das ist Padre Pio. Im Ausland kennen ihn wenige, in Italien ist er der populärste Heilige, weit vor den offiziellen Nationalpatronen Franz von Assisi und Katharina von Siena. Die liegen für die meisten Gläubigen eingehüllt in den Nebel des Mittelalters; die Erinnerung an Padre Pio aber ist frisch. Jeder kennt noch jemanden, der jemanden kennt, dem der 1968 verstorbene Mönch wenigstens einmal aus dem Fenster seiner Klosterzelle zugewinkt hat. Mit seinen behandschuhten Händen, damit man die Stigmata nicht sah, Wunden auf der Brust und an den Händen. Die Wunden des gekreuzigten Christus.

Man sieht Pios Ikone mit dem bärtigen Gesicht und der braunen Kapuzinerkutte in ganz Italien: in den Fahrerhäuschen der Lkw und auf der Konsole der Ferraris, über den Fleischtheken der Metzgereien und zwischen den Likörflaschen der Bars, in den Umkleidekabinen der Fußballer, in den Kabuffs der Schulhausmeister, bei den Blumenverkäufern, im Notarztwagen und über Kinderbetten. Das Staatsfernsehen bringt immer wieder Sondersendungen, Pios blutige Handschuhe werden sogar in den Kirchen Roms als Reliquien gezeigt.

Der Körper sei gut konserviert, befand der Bischof bei seiner Inspektion

Nach San Giovanni Rotondo auf der apulischen Halbinsel Gargano kommen mehr Wallfahrer als nach Fatima, Lourdes oder irgendeinen anderen Pilgerort in Europa. Vom 24. April an werden es wohl noch mehr. Dann nämlich soll der kürzlich exhumierte Leichnam von Pio im Glassarg ausgestellt werden. Der zuständige Erzbischof im nahe gelegenen Manfredonia hat das angeordnet. Der Körper sei sehr gut konserviert, befand der Bischof nach einer Vorabinspektion. Man nimmt das als weiteren Beweis für Pios Heiligkeit. Zuletzt hatte es eine solche Zeremonie mit dem Leichnam Papst Johannes XXIII. gegeben, der übrigens ein erklärter Gegner des Padre Pio war, einer von vielen im Vatikan.

In den vierzig Jahren zuvor lag Pio fest verschlossen an dem Ort, den er einmal ungnädig »die Streichholzschachtel« genannt hatte. Es handelt sich um die 1959 geweihte Kirche Madonna delle Grazie, ein schlichtes Gotteshaus im neoromanischen Stil. Padre Pio fand sie zu klein für den Strom der Pilger, die schon damals zu ihm wollten.

Das Grab in der Krypta ist ebenso schlicht. Ein dunkelgrauer Granitsarkophag steht mitten im kleinen Saal der Unterkirche, darauf ordentlich drapierte Sträuße von Rosen, Lilien, Orchideen. Keine Blume tanzt aus der Reihe, alles ist umzäunt von einem schmiedeeisernen Gitter. Nicht die Größe des Raums lässt tatsächlich an eine Streichholzschachtel denken, sondern ihre beeindruckende Sachlichkeit, Zweckmäßigkeit und Ordnung. Nichts an diesem garagenähnlichen Saal, in dem sich an einem Mittwochnachmittag in der Fastenzeit gut 60 Menschen versammelt haben, wirkt spirituell oder gar mystisch. Neonleuchten tauchen die Grabstätte, den schlichten Altar in einer Nische dahinter, die einfachen Holzbänke an den Wänden in ein hartes, schattenloses Licht. Den Videokameras entgeht nichts. Der helle Fliesenboden strahlt Kälte ab. Padre Pios Stigmata sollen Blumenduft verströmt haben. Hier riecht es nur nach Putzmittel, keimfrei und kein bisschen geheimnisvoll, weniger heilig als geschäftig. Große Hinweisschilder sorgen dafür, dass die Gläubigen den Ausgang finden.

Die meisten kommen über die Treppe nach unten, bekreuzigen sich, beten rasch am Grab und gehen dann zügig weiter. Es reicht ihnen eine kurze Begegnung mit Padre Pio, ein Blick, ein Gruß, ein Anliegen. Fünf Frauen knien vor dem Eisengitter und murmeln den Rosenkranz. Ein Ehemann wirft ihnen ungeduldige Blicke in den Rücken und schreibt SMS. Nichts ist zu hören außer dem Klacken der Handys, mit denen die Pilger sich und das Grab fotografieren, dem Singsang ihrer Gebete, dem Klingeln von Münzen, die in den Opferstock geworfen werden. Ein junges Mädchen ist mit geschlossenen Augen auf die Bank gesunken, eine Stunde wird sie so sitzen. Es gibt junge Männer mit Lederjacken, sorgfältig gegelten Haaren und Sonnenbrillen, die sie im Gebet nicht absetzen. Wenn sie wieder aufstehen, recken sie das Kinn trotzig vor und stopfen die Fäuste in die Hosentaschen, wie um zu sagen: geschafft. Es ist alles sehr konzentriert, niemand verfällt ins Ekstase, niemand sagt auch nur ein lautes Wort.

Das könnte anders werden, wenn Pio endlich zu sehen ist. Wie lange der Leichnam ausgestellt werde, wüssten sie noch nicht, sagen die Kapuziner von San Giovanni Rotondo. »Da fragen Sie zu viel, Signora.« Sehr wahrscheinlich sei allerdings, dass der Heilige in seine alte Krypta zurückkehre und nicht, wie zuerst beabsichtigt, in die neue Kirche des weltberühmten Architekten Renzo Piano nebenan überführt werde. »Die Gläubigen sind dagegen.« Beim Amtsgericht in der Provinzhauptstadt Foggia würde sogar gegen die Überführung geklagt. Sie wäre ein Sakrileg, behauptet die Bürgerinitiative Pro Padre Pio: »Pio hat niemanden gebeten, eine neue Kirche zu bauen«, sagt der Rechtsanwalt Francesco Traversi, Vorsitzender des Verbandes. »Der Pater hat es nicht nötig, dass jemand für seine Gebeine einen Verschlag errichtet.«

Jemand! Einen Verschlag! Renzo Piano geht es im eigenen Land wie dem sprichwörtlichen Propheten. Auf der ganzen Welt wird er umworben, aber die Anhänger von Padre Pio mögen seine Kirche nicht. Sie wollen keine Pilgerfahrten von Anhängern der modernen Architektur nach San Giovanni Rotondo. Die Leute sollen nicht wegen Piano kommen, sondern bitte schön nur wegen Pio. So gesehen, ist Piano für Pio eine echte Konkurrenz, obwohl der Architekt nichts weniger wollte. Schließlich ist auch Renzo Piano ein Verehrer von Padre Pio.

Pianos Kirche sieht nicht aus wie eine Streichholzschachtel und erst recht nicht wie ein Verschlag. Sie besteht aus Sandstein und Glas, fasst knapp 7000 Gläubige und noch einmal 30000 im Vorraum. Damit ist die neue Padre-Pio-Kirche eines der größten Gotteshäuser der Christenheit. Eine riesige, dabei ziemlich flache Halle, freundlich, licht und trotz ihrer Ausmaße unaufdringlich. Sie hat die Form einer Muschel und ein grünes Kupferdach. Knorrige, uralte Olivenbäume zieren den Vorplatz.

Von 1991 bis 2004 wurde an der Kirche gebaut. Für die neuen 120 Hotels, die nach Pios Heiligsprechung errichtet wurden, brauchte man nur zwei Jahre. Viele Pilger steigen nach Mitternacht in Rom oder Mailand in einen Bus, fahren die fünf oder sieben Stunden nach Apulien, verbringen ein wenig Zeit bei Padre Pio und fahren am selben Tag wieder heim. Für sie gibt es billige Restaurants und die Möglichkeit, Tische und Stühle für ein Picknick zu mieten, das kostet pro Person ein Euro. Andere Pilger bleiben, wenn auch meistens nur für eine Nacht. Für sie gibt es Hotels, die zu Deutsch »Antlitz« heißen oder »Grandhotel der Engel«, aber auch »Euro«. Man versteht schnell, dass in San Giovanni Rotondo Heiliges und Profanes sehr eng und friedlich nebeneinanderleben. Die Hotels werden umso teurer, je näher sie an Pios Sarg liegen.

Die Pilger brauchen nicht viel Komfort außer einem Pio-Bild über dem Bett, und das ist garantiert. Die Herbergen sind einfach, manche noch nicht einmal verputzt. In den Hotelvorgärten stehen weiße Plastikstühle und Tische mit abwaschbaren Decken, in einem sogar zwölf rosa gemusterte Gummistiefel im Gänsemarsch. Sie werden als Blumentöpfe genutzt, aus ihnen wachsen bunte Primeln.

Die Andenkenläden bieten neben Trinkbechern, Schneekugeln und Babylätzchen mit Padre Pio, neben Padre-Pio-Statuen in allen Größen, neben Rosenkränzen und Weihwasserbecken auch Devotionalien in den Farben der großen Fußballklubs feil. »Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun«, erklärt der Verkäufer Michele, der auch eine öffentliche Toilette betreibt, 50 Cent pro Spülung. Warum verkauft er dann Tassen mit Pio und dem Wappen von Inter Mailand? »Weil die Leute gern beides mitnehmen.«

Von Padre Pio ist nicht überliefert, ob er Fußballfan war. Seinem Ruf hätte das nicht geschadet. Er wurde am 25. Mai 1887 als siebtes Kind einer bitterarmen Familie in Pietrelcina in Kampanien geboren. Bevor er Mönch wurde, hieß Pio noch Francesco Forgione. Ein Allerweltsname, genauso heißt beispielsweise der Vorsitzende der parlamentarischen Anti-Mafia-Kommission, ein Kommunist. Pio wäre wohl unbeachtet in der Versenkung seines Klosters in San Giovanni Rotondo verschwunden, wenn er nicht am 20. September 1918 die Stigmata empfangen hätte, die ihn sein Leben lang nicht verließen und aus denen er jeden Freitag blutete.

Das Museum über der Krypta zeigt seine wollenen Unterhemden

Für die Menschen in Süditalien wurde Pio beinah ein Messias. Er empfing Hunderttausende von Bittstellern und Kranken, nicht alle empfing er gut. Er war kein sanfter Mann, er konnte grob werden, auch seine Wutanfälle wurden legendär. Man erzählte sich Wunderdinge von seiner Heilkraft. Der Vatikan betrachtete das Treiben in San Giovanni Rotondo mit Argwohn. Mehrere apostolische Inspektoren wurden geschickt, zeitweise war es Pio verboten, die Messe zu lesen, selbst wenn er Handschuhe trug, um die Stigmata zu verbergen. Die Kirchenoberen erwogen sogar eine Versetzung des Mönchs aus San Giovanni Rotondo. Pio warnte, die Gläubigen würden ihn lieber in Stücke reißen, als ihn ziehen zu lassen. Nicht nur aus Sorge um ihr Seelenheil. Pio wusste genau, dass er seinem Ort Wohlstand brachte, auch über sein Leben hinaus. Die Kurie fürchtete einen Volksaufstand und ließ ihn in seinem Kloster.

Als das Fernsehen aufkam, wurde Pio ein Medienheiliger. Die Kanonisierung erfolgte in den Abendtalkshows, in denen Gläubige und wundersam Geheilte neben Ärzten und Geistlichen auftraten. Schließlich gab der Vatikan dem Volksglauben nach. 1999, drei Jahrzehnte nach seinem Tod, wurde Padre Pio selig gesprochen. Die Heiligsprechung erfolgte drei Jahre später.

In den vielen Pio-Läden von San Giovanni Rotondo sucht man vergebens nach jenem Buch, das seit Monaten Aufsehen erregt. Es ist eine Biografie des Heiligen vom Historiker Sergio Luzzatto. Darin wird beschrieben, wie der junge Padre Pio einen faschistischen Bonzen unter seine Fittiche nahm, vor allem aber, wie er sich bei einem Apotheker Säure verschaffen wollte, um seine Wundmale offen zu halten. Der Historiker beschreibt, wie ausgerechnet Padre Pio zum wichtigsten italienischen Heiligen wurde, zum Bindeglied zwischen dem Volk und Gott in einer vor allem in Süditalien bis heute intakten archaischen Klientelgesellschaft. Es ist ein dickes Buch von 400 Seiten mit vielen Dokumenten.

Pio selbst hat keine Bücher hinterlassen. Er blieb zeit seines Lebens ein einfacher Mann; die Millionen an Spendengeld gab er seinem Orden, der davon Krankenhäuser baute. Im Padre-Pio-Museum über der Krypta wird alles gezeigt, was zum irdischen Leben des Heiligen gehörte. Einem Leben in Demut, Armut und Kälte. Pio besaß Dutzende von wollenen Unterhemden und Unterhosen, sie sind alle, sauber gefaltet, ausgestellt. Es gibt blutbefleckte Laken – die Stigmata. Und aus dem Sterbezimmer eine Packung Schweizer Hustenbonbons, eine Taschenlampe und einen Korkenzieher.

Es ist ein großer Kontrast zwischen der kleinen Zelle mit diesen Habseligkeiten und der großen, lichten Kirche von Renzo Piano. Es gibt schönere Orte in Italien als San Giovanni Rotondo. Aber keiner birgt ein größeres Mysterium.

Information

anreise: Mit dem Flugzeug nach Pescara, Bari oder Neapel. Weiter mit dem Mietwagen über die A14 Ancona–Bari oder die A16 Neapel–Bari

Unterkunft: Grand Hotel degli Angeli, Viale Padre Pio, Tel. 0039-0882/454646, www.grandhoteldegliangeli.it . DZ ab 130 Euro. Erstes Haus am Platz, ein großes, modernes Gebäude am Ortsrand, gleich neben der Pio-Kirche

Hotel Immagine, Via Anna Frank 10, Tel. 0039-331/5281564 oder 0039-333/3672969, www.hotelimmagine.com . DZ ab 50 Euro. Einfaches Zweisternehaus mit rosa Anstrich und einem überdimensionalen Porträt des heiligen Pio auf der Fassade

Restaurants:
Osteria Antica Piazzetta, Via al Mercato 13, Tel. 0039-0882/451920, Mi geschlossen. Menü um 30 Euro. Restaurant mit traditioneller apulischer Küche im ehemaligen Kino im historischen Zentrum. Besonders gut ist die selbst gemachte Pasta

Taverna Li Jalantuumene, Piazza De Galganis, Monte Sant'Angelo, Tel.0039-0884/565484, Di geschlossen. Menü ab 35 Euro. Ein Ausflug nach Monte Sant'Angelo, 22 Kilometer von San Giovanni Rotondo, lohnt nicht nur wegen dieser Trattoria mit ihrer fantasievollen, leichten Regionalküche. Monte Sant'Angelo ist ein sehenswerter "weißer" Ort hoch über der Adriaküste. Hauptattraktion ist das Erzengel-Michael-Heiligtum ( www.gargano.it/sanmichele ) aus dem 6. Jahrhundert mit seiner romanischen Architektur

Literatur:
Sergio Luzzatto: "Padre Pio, Miracoli e politica nell'Italia del Novecento". Einaudi-Verlag, Turin; 24 Euro (nur auf Italienisch). Über dieses Buch diskutiert Italien

Auskunft: Comune di San Giovanni Rotondo, Tel. 0039-0882/415111, www.sangiovannirotondo.com , www.garganissimo.com
Zu Pater Pio: Tel. 0039-0882/413113, www.padrepio.it . Italienische Zentrale für Tourismus, Frankfurt, Tel. 069/237434, www.enit.de

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service