»Proletarier aller Länder ...« Eine Chronik des Kommunismus
Karl Marx (1818 bis 1883) ist der bedeutendste Philosoph und Theoretiker des Kommunismus. Im Revolutionsjahr 1848 veröffentlichte er das »Kommunistische Manifest«, in dem er den Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat als unausweichliche Station auf dem Weg zum kommunistischen Paradieszustand vorhersagte. Es endet mit dem Aufruf: »Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!« In Marx Werk flossen die Geschichte der Französischen Revolution, die Erfahrung des Manchester-Kapitalismus und die deutsche Philosophie vor allem Hegels ein. In der Emigration in London erarbeitete Marx mit Friedrich Engels die Bibel des Antikapitalismus: »Das Kapital«.
»Das Kapital« schildert die sklavenhaften Arbeitsbedingungen der englischen Industriearbeiter. Darauf baut Marx seine Grundthesen von der Entfremdung des Menschen von seinem Produkt, der Notwendigkeit der Abschaffung des Privatbesitzes und von den zerstörerischen inneren Widersprüchen des Kapitalismus auf. Marx und Engels wurden später in kommunistischen Staaten aufgrund des wissenschaftlichen und umfassenden Anspruchs ihrer Werke zu Propheten überhöht. Allerdings ist »Das Kapital« in Teilen so konfus, dass sogar Engels über seine Unleserlichkeit schimpfte. Die erste Übersetzung erschien auf Russisch.
Die »Internationale« diente bis 1944 der Sowjetunion als Staatshymne.
Ihr Text bezieht sich auf die Internationale Arbeiterassoziation.
Dieser Ersten Internationalen als Vereinigung der Arbeiterbewegung folgten drei weitere, darunter 1919 die Kommunistische Internationale (Komintern).
Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin (1870 bis 1924), unterschied nach Marx eine erste und eine zweite Phase der kommunistischen Gesellschaft: Auf die Diktatur des Proletariats und die Vergesellschaftung der Produktionsmittel im Sozialismus sollte die klassenlose Gesellschaft folgen, mit dem Ziel der Vereinigung von Arbeitern und Bauern. Was er bei Marx an Argumenten für Umsturz und Diktatur nicht fand, schrieb er selbst in sein Werk »Staat und Revolution« hinein.
Josef Dschugaschwili, genannt Stalin (1879 bis 1953), gewann den Machtkampf nach Lenins Tod 1924. Der gebürtige Georgier baute 1928 die Wirtschaft fundamental um und ließ mit Hilfe der Roten Armee die Großbauern vertreiben oder umbringen und die Landwirtschaft kollektivieren. Die gezielt herbeigeführten Hungersnöte in der Ukraine und in Kasachstan 1932/33 mit Millionen Todesopfern reihen sich ein in die Massenvernichtungen des 20. Jahrhunderts, zu denen auch das unter der Abkürzung Gulag bekannte Straf- und Arbeitslagersystem der Sowjetunion zählte.
Die Oktoberrevolution durch kommunistische Bolschewiki unter Lenins Führung 1917 definieren manche Historiker als Putsch. Danach etablierte sich 1922 erstmals ein Regime, das den Kommunismus verwirklichen wollte: die Sowjetunion (Räteunion). Die Zerstörung der alten Hierarchien führte sogar zur Bildung eines Sinfonieorchesters ohne Dirigent. Politische und soziale Rebellionen wie der Kronstädter Matrosenaufstand (1921) wurden niedergeschlagen.
Im Gulag waren zeitweise bis zu 2,5 Millionen Menschen inhaftiert.
Viele der Gefangenen mussten für Stalinsche Großprojekte zur Erschließung des Landes schuften und sterben. Zu diesen Projekten zählten die Polareisenbahn und der Weißmeerkanal.
Der erste Fünfjahresplan der sowjetischen Planwirt-schaft hatte bereits 1928 eine gewaltsame Industrialisierung zugunsten der Eisenerz- und Kohleförderung, der Stahlproduktion und des Maschinenbaus eingeleitet. Auf dem 7. Parteitag ließ sich Stalin 1934 als »Lenin von heute« feiern. Er begann mit der »sozialen Säuberung« gegen »antisowjetische Elemente«. Den Höhepunkt der Verfolgung und Liquidierung vieler Mitstreiter und Parteigenossen bildete der Große Terror 1937/38 mit den Moskauer Schauprozessen.
Nikita Chruschtschow (1894 bis 1971) machte drei Jahre nach Stalins Tod, auf dem 20. Parteitag im Februar 1956, die Delegierten in einer Geheimrede mit den Verbrechen Stalins bekannt. Der Parteichef kritisierte den Personenkult seines diktatorischen Vorgängers und begann mit einer vorsichtigen Reformpolitik.
Michail Gorbatschow leitete mit seiner Politik der Offenheit (Glasnost) und Umgestaltung (Perestrojka) das Ende des Kalten Kriegs ein. Er erhielt 1990 den Friedensnobelpreis. Die Sowjetunion, lange Zeit der Modellstaat des Kommunismus, zerbrach im Dezember 1991.
- Datum 19.03.2008 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.13 vom 19.03.2008, S.36
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