Wenn es die Hölle gibt, dann hier, in der Hitze, im Staub, in der unerbittlichen Sonne. Qatar heißt das Land, das kein Land ist, sondern ein Fluch. Wüste, so weit das Auge reicht, eine Dürre, die schlimmer ist als irgendwo sonst auf der Welt. Alles verdorrt, alles stirbt, da bleibt den Menschen, so meint man, nichts als die Flucht. Und sie fliehen wirklich, doch nicht aus der, sondern in die Wüste. Qatar ist Verheißung – die Hölle das neue Paradies.

Einer der Propheten dieser Verheißung ist Saud Al-Thani, ein Cousin des Emirs. Als er vor gut zehn Jahren erstmals die Kunstauktionen und Galerien des Westens besuchte, da kam es vielen vor, als wäre er einem Märchen entschlüpft. Wer kannte schon Qatar, die kleine Halbinsel im Golf, nur halb so groß wie Hessen, bevölkert von kaum mehr als 200000 Einheimischen? Umso größer war das Staunen über Sauds Reichtum und darüber, was er aus dem Reichtum machte. Er kaufte keine Yachten, Uhren, Rennautos, er kaufte islamische Kunst, jagte Teppiche, Bücher, Keramiken, immer die besten Stücke, immer zu horrenden Preisen. Den Griff eines Fliegenwedels aus Achat und Granat ersteigerte er für über eine Million Euro; der Schätzpreis lag bei gut 6000. Und so ging es weiter, jahrelang. Fast zwei Milliarden Euro hat Saud ausgegeben.

Allerdings zahlte er nicht aus eigener Tasche, er war unterwegs in höherem Auftrag. Seine Mission: Kultur. Er sollte heimholen, was in die Heimat gehört. Das erste, größte, schönste Museum für islamische Kunst wollte der Staat Qatar errichten. Und weil es nichts gab, was man in so einem Museum hätte zeigen können, wurde Saud zum Jäger der verlorenen Schätze. Angesichts der Summen, die er dafür ausgab, wurde es zwar seinen Landsleuten etwas schwindelig; für einige Zeit bekam er Hausarrest. Heute aber ist er wieder frei, und mittlerweile steht nicht nur das Museum, auch die Ausstellung kann eingeweiht werden. Ein erstaunliches Gebäude ist herangewachsen. Ein Symbol für das, was man die neue Weltordnung nennen könnte.

Von der Rekordsucht der Nachbarn will man lieber nichts wissen

Natürlich sitzen die Scheichs nicht erst seit gestern an der großen Öl- und Geldquelle. Auch hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass Emirate wie Dubai oder Abu Dhabi mit Eifer in alles investieren, was zum Superlativ taugt. Sie bauen höchste Bürotürme, größte Einkaufszentren, irrsinnigste Vergnügungsparks, und neuerdings investieren sie auch in Kultur. Für eine Milliarde Dollar errichtet der Louvre eine Dependance in Abu Dhabi, dazu gibt es eine Guggenheim-Filiale von Frank Gehry, ein Theater von Zaha Hadid, ein Museum von Tadao Ando, ein weiteres von Norman Foster, außerdem 19 exquisite Kunstpavillons. Die Botschaft ist unmissverständlich: Der Nahe Osten ist der bessere Westen.

Die Scheichs haben, was alle begehren, und damit das so bleibt, auch wenn die Ölquellen bald versiegen, baut man vor und auf und in die Höhe. Die Emirate wollen nicht nur dazugehören, sie wollen der neue Mittelpunkt sein – ein geballtes Paris/London/New York unter ewiger Sonne. Tourismus wird die Quelle sein, die den Reichtum der Zukunft sichert, das ist der Plan. Und so entstehen neben Kulturmagneten, Einkaufstempeln, Zig-Sterne-Hotels und künstlichen Ferieninseln auch schon gigantische Flughäfen. Nur eine Nebensächlichkeit ist ungeklärt: wie die vielen Touristen ohne Flugbenzin wohl einfliegen werden.

Nicht nur deshalb blickt man in Qatar ein wenig skeptisch auf das, was die Nachbarn in den Arabischen Emiraten so treiben. Von deren Rekordsucht will man sich lieber nicht anstecken lassen. Zwar erinnert auch in Qatars Hauptstadt Doha nichts mehr an die versprengten Beduinensiedlung von einst, an die wenigen Forts und Steinhütten, an die Perlentaucher. In nur zwei, drei Jahrzehnten ist das Dorf aufgeschossen zur Großstadt, und überall wachsen gläserne Bürotürme in den Horizont, als wollte man dringend beweisen: Die Wüste ist besiegt. Hitze kann der moderne Mensch wegkühlen, Kargheit berieseln, bis dass der grüne Rasen sprießt. Mag das Land noch so unbarmherzig und unfruchtbar wirken, es hat eine reiche Unterseite, es hat Gas in unvorstellbaren Mengen. Wo nichts ist, ist alles – das ist das Qatar-Paradox. Und gerne berauscht man sich daran. Sollen ruhig alle mitbekommen: In der Hölle lässt’s sich leben, sehr gut sogar.

Und doch geht es in Qatar nicht so neureich zu wie bei den Nachbarn. Das erste neue Staatshaus der Kultur ist eben kein Guggenheim, kein Louvre, auch keine Berliner Nationalgalerie. Man kauft sich nicht vorschnell die Marken des Westens, man versucht sich am Eigenen. Auch wenn das Museum fast nichts zeigt, was aus der Region stammt, ist es doch eine Art Rückbesinnung.

Bislang war es so, dass jeder, der sich für islamische Kunst interessierte, nach London oder New York reisen musste. Selbst dort werden die Sammlungen oft wie die armen Verwandten der Ägypter oder Griechen behandelt. Eigenständige Museen für islamische Kunst sind selten, im arabischen Raum gab es bisher kein einziges. Und so ist der Neubau in Doha eine Demonstration: endlich ein Haus, in dem wir zeigen, was unser ist!