Oper Höhenrausch im Hobbykeller

Prolls und Schlägertypen erschüttern das Einfamilienhaus: Claus Guth inszeniert in Hamburg Richard Wagners »Rheingold«.

Aufgebautes Dachgeschoss, deutscher Vorort, Typ Rheingoldstraße. Unter den holzverschalten Schrägen des großen Hobbyraums frönen da der Hausherr und seine Söhne dem Modellbau. Herr W. ist, sagen wir mal, Diplomingenieur, um die 60, Gutverdiener, Bundesrepublik nach stabilisiertem Wirtschaftswunder, er trägt zur zweitbesten Anzughose Joppe mit Kunstlederflicken an den Ellenbogen und könnte mit Vornamen Helmut heißen oder Karlheinz. »Vollendet das ewige Werk«, erklärt er und weist stolz auf die Modellbauarbeit. Auf grünen Hügeln erhebt sich ein Haus ohne Nachbarschaft, gläsern, symbolhaft, das Haus schlechthin: Walhall. Die Söhne Donner und Froh bosseln noch an Details, der Gattin bangt: Für diesen Bau soll sie die Tochter opfern! Wie das? Familie Wotan scheint von Mythen meilenweit entfernt…

Das Rheingold, mit dem jetzt der neue Hamburger Ring begonnen hat, ist nur auf den ersten Blick ein weiteres Ambiente-Experiment nach all den Fabrikantenvillen, Endzeitszenarien, Wohlstandsmüllkulissen und Wahnfrieds, in denen Wotan schon seinen Umzug und Aufstieg plante. Dass hier die bürgerliche bis großbürgerliche Familie sich spiegelt, ist nicht neu. Aber was Regisseur Claus Guth und sein Ausstatter Christian Schmidt uns zeigen, hat von Anfang an Abgründe, die tiefer gehen als die Kluft in den Hobbyhügeln des Modellbauers Wotan (mit vornehmem Bass lässt Falk Struckmann im Biedermann den Ehrgeiz ahnen). Zwar scheint der Mythos nur noch ein Bastelspaß im Vorort zu sein, doch dem Walhall-Modell entsteigen zwei Männer, die man in solchen Gegenden nicht gern sieht: Fasolt und Fafner sind Schlägertypen in kastigen Jacketts, mit Goldkettchen und Vokuhilafrisuren. Im Original haben diese Riesen für Wotan die Burg gebaut. Aber was tun sie hier im Modell? Steht es schon fürs Ganze?

Gerade weil das, zunächst, offen bleibt, hält man sich an die Gestalten und entdeckt einen spezifisch deutschen Familienroman, der von seiner Hobbyraummitte aus viel erzählt über das Gefühl, mit dem die Generation des Regisseurs groß wurde, die um 1960 Geborenen. Es geht einem da gut mit Papas Wohlstand im Vorort mit den Hecken, aber irgendwie liegt ein Deckel drauf, es gibt eine taube Stelle in der Vergangenheit, die dazu nötigt, von der Weite der Welt nur im Modell zu träumen.

Wotans Gattin besteht auf Normalität und bringt Kaffee

Die Ratlosigkeit, die Gegenwartslosigkeit der Söhne hat Christian Schmidt ihnen angezogen: Donner und Froh können zwar mit der Videokamera umgehen, laufen in Knickerbockern aber herum wie Knaben bei Thomas Mann. Und die Sphäre, die den Großschriftsteller schreckte und faszinierte als das Unbürgerliche schlechthin, die Halbwelt der Conférenciers und Zauberer, wird hier von Loge verkörpert: einem wendigen Trickkünstler im Glitzerjackett.

So sind dann alle im Dachgeschoss beisammen, die Bürger und jene, auf die sie unbehaglich angewiesen sind, die Prolls und der Strizzi, die »anderen« halt. Wotans Gattin Fricka besteht darum resolut auf Normalität: Sie bringt Kaffee und Kekse. Das Rheingold ist ja Familienkammerspiel und Machtstudie in einem, doppelbödig bis in den Text, der so mythologisch tut, wie er analytisch ist, zusammengehalten durch eine Partitur, die ihre Charaktere zwischen großem Horizont und Pointen an der Grenze zur Komik entwickelt. Guth hat viel Sinn dafür. Fricka etwa – die handfeste Katja Pieweck – lässt den Zucker genau da in den Kaffee fallen, wo Wagner einen Trompetenton mit einem feinen Klirren der Triangel mischt. Nicht nur da profitiert die Szene von der gespannten Präzision, mit der die Philharmoniker Hamburg spielen.

Hier beginnt die Weltherrschaft im deutschen Wohnzimmer

Bei Simone Young wirkt die Musik absolut und programmatisch zugleich. Diese Dirigentin verleiht Wagners Gestik ein Eigenleben jenseits der Handlung. Da gibt es in den Streichern einmal eine Wutkurve, ehe noch Alberich selbst Worte für seinen Hass auf die Rheintöchter findet – und die klingt hier so geballt, dass man das Adrenalin hochkochen sieht, aber auch eine Autarkie der Töne spürt, die dem »unreinen« Dichterkomponisten Wagner oft nicht zugetraut wird. Young lässt Wagner so fokussiert sprechen, dass die Rede wieder Klang wird, entdeckt mal den Offenbach, mal den Berlioz in Wagner – und vergisst nie die Sänger. Gleich zu Beginn wird ein Sprechtheater möglich, wie man es selten erlebt. Wolfgang Kochs Alberich lässt uns nicht nur jede Silbe verstehen, sondern den ganzen verzweifelten Typen. Dem liefern die Rheintöchter hier eine Kissenschlacht.

Ein riesiges Kinderbett steht ganz am Anfang in einem Fensterrahmen, da tollen drei Mädchen mit Puppe und Teddy herum und werden, Glitzerpumps genügen, so rasch zu Frauen, wie aus dem Goldraub ein Weltendrama wird – auch wenn das zunächst nur ins Dachgeschoss führt. Als Unterwelt und Alberichs Labor dient danach der Keller des Einfamilienhauses. Der wirkt mit Betonwand, Öltank und Gitterlampe schön authentisch, doch die Regie wird hier hilflos, bemüht kabarettistisch. Vielleicht aber muss das kleine Tief auch sein als Anlauf zu der Enthüllung, die bevorsteht. Da nämlich zeigt sich, welcher Größenwahn gedieh, wo wir nur Vorstadtneurosen wähnten. Kurz ist man noch gerührt, als Donner mit Spielzeughammer aufs Modell steigt, dicker Deutscher, der auf seiner Bastelplatte kindische Befehle schreit.

Indes, sie werden befolgt. Der Hobbyraum entschwebt, das Modell steht nun mitten im Neubau: einem gigantischen Wohnzimmer mit Zentralheizung und Panoramablick in die Wolken. Eine koordinatenlose Weltherrschaft hat sich die Familie da herbeigeträumt, herbeigebastelt, und dass da schon ein Toter im Wohnzimmer liegt, weil der eine Proll den andern abgestochen hat, stört die Wotans gar nicht. Sie prosten sich zu, taumelnd in so viel Wunscherfüllung. Es sind ziemlich normale, sympathisch verkorkste Leute mit einem Traum vom größeren Eigenheim. Aber er ist hier entsetzlich groß, dieser Traum. Er speist sich aus einer infantilen Gier nach Größe, von der Wagner viel wusste und die die deutsche Geschichte prägt. Bis hin zu uns? Guth zeigt es. Beträchtliche Teile des Premierenpublikums waren dagegen. Aber wer jetzt nicht mehr in Hamburgs Oper kommt, kommt vielleicht darin vor.

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    • Quelle DIE ZEIT, 20.03.2008 Nr. 13
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    • Schlagworte Oper | Thomas Mann | Christian Schmidt | Musik | Hamburg | Eigenheim
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