Diskothek HÖRBUCH Rum! RrRrRrRrummpff t?
Ein wahres Avantgardegewitter tobt auf dieser CD, einem dicken Album mit der Lautpoesie von Kurt Schwitters: fünfzig kurze Stücke (darf man »Gedichte« sagen?), Prosa, drei Anna Blumen und ein gutes Dutzend Variationen der ikonischen Sonate in Urlauten. Volle vier Stunden Blitz und Donner aus dem Laboratorium der Moderne, da kann man es schon mit der Angst zu tun bekommen »Rum! RrRrRrRrummpff t?«
Selbstverständlich: Der 1887 in Hannover geborene Gesamtkunstkünstler Kurt Schwitters, 1937 aus Deutschland geflohen, 1948 fast vergessen in England gestorben, ist längst als ganz Großer rehabilitiert worden.
Sein bildnerisches Werk hängt in den Museen, und auch als Sprach-Experimentator ist er anerkannt: als Vater der konkreten Poesie, der erstmals Buchstaben zu abstrakten Lautbildern vermalte, als ein Marcel Duchamp der Worte, der 1919 die Silbe MERZ aus einer Commerzbank-Anzeige löste und fortan Merzbauten, Merzpräsidenten und noch viel merz schuf. Es war damals sozusagen höchste Zeit, dass jemand sprachlich besorgte, was in anderen Künsten schon gang und gäbe war: das Alte zu zerlegen und die Teile neu zu komponieren. Diese Entwicklung kommt einem heute ganz natürlich vor. Und doch lautet die Frage angesichts etlicher Stunden »Fümms bö wö tää zää Uu, pögiff, kwii Ee«: Hat man denn Freude dabei?
Erstaunlicherweise wirken die Texte so irritierend, befreiend und frisch wie am ersten Tag. Wer seine Ohren von der Denkleine lässt, wer sich der unschuldigen Sinnlichkeit des Unsinns und der Freiheit des Möglichen anvertraut, der darf hier wie ein Kind die Sprache als Spielzeug neu entdecken und dann ist nur noch Spaß und Spiel und Staunen.
Ein Irrtum wäre es allerdings, diese Kunst für naiv zu halten.
Schwitters Urlaute sind zwar wortsinnfrei, aber ihre Rhythmik, ihre Steigerungen und Pianissimi sind genau durchkomponiert, immer gibt es neue Wendungen, Überraschungen, Explosionen. Den Reichtum seiner Partituren zeigt dieses herrliche Album vor allem mit den verschiedenen Ursonaten, vorgetragen durch so illustre Solisten wie Raoul Hausmann, Max Ernst und natürlich Schwitters selbst. Von ihm hat man ein Schellackfossil ausgegraben, die Aufnahme eines frühen Ursonaten-Satzes von 1925. Der Dichter gibt sich darin so freimütig dem blökenden, zwitschernden Letterngetümmel hin, dass seine Nachfolger es nicht leicht haben: Salome Kammer etwa singt die Sonate hochdramatisch, die Schwindlinge machen sie zur A-capella-Ballade. Das zeigt zwar die Vieldeutigkeit des Textes, nicht aber seine innere Konsequenz. Dieser spürt mit großem Abstand vor den anderen Virtuosen der Holländer Jaap Blonk mit einem sagenhaften Ausdrucksrepertoire nach.
Seine Ursonate klingt nicht mehr wie von Menschenzungen gesprochen.
Sie scheint aus Gummi und Gips, aus Holz und Stahl, die Laute sind geturnt, gebrochen, getanzt und geflogen. Blonk erforscht den Eigensinn der Komposition in tiefe, bislang unerschlossene Klangwinkel hinein, und wer ihm nachlauscht, der wird nicht nur die Vögel, die diesen Merz schon so fleißig singen, mit neuen Ohren hören.
Kurt Schwitters: Urwerk
Schwitters und andere lesen Schwitters - Zweitausendeins, 1 MP3-CD, 246 Min., 24,90
- Datum 19.03.2008 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.13 vom 19.03.2008, S.44
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