Siebeck Am Anfang war der Apfel
Die Geschichte der Menschheit begann mit einer Hungerkur. Warum aber tun sich viele Leute das Fasten heute freiwillig an, fragt sich unser Kolumnist
Es ist (leider!) schon etwas länger her, da fragte mich eine Bekannte: "Nanu, haben Sie gefastet? Sie sind ja richtig mager!" Ich wies sie väterlich zurecht: "Wo denken Sie hin? Ich war krank!", und erinnerte sie an die vielen Varianten der Grippe, welche der ausgehende Winter mit sich bringt. Wie jetzt wieder.
Vielen Menschen, die man verhärmt durch die Straßen schleichen sieht mit schlotternden Jacken und rutschenden Hosen, sodass man glaubt, die Vogelscheuchen seien zum Leben erwacht und demonstrierten gegen die unsinnige Winterfütterung der Zugvögel durch sentimentale Hausfrauen, diesen Menschen möchte man mitfühlend die Hand auf den Arm legen und sie fragen, ob es ihnen wieder besser gehe. Und freundlich stellt man sich ihnen vor: "Ich hab sie auch gehabt, die elende Grippe."
Der Blick, den man statt einer Antwort kriegt, könnte unfreundlicher nicht sein: kalt wie ein Winterreifen in der Garage und beleidigt wie ein alter DDRler. Akustisch untermalt wird er mit den Worten: "Dummkopf! Ich habe gefastet. Fünf Kilo weniger!" Es ist das Thema der Saison .
Am Anfang der Menschheit stand ein Fastengericht: ein Apfel und sonst nichts. Die Folgen sind bekannt: Mit den Fastenden hat es ein böses Ende genommen, damals. Hals über Kopf mussten sie die Milchbar verlassen.
Danach beherrschte die Badezimmerwaage das Leben von Adam und Eva. Aus dem Apfel wurde der Schwäbische Apfelkuchen, aus der Schlange ein Paar High Heels von Prada. Und der Teufel selber errechnete das Idealgewicht der Menschen. Da fielen diese auf die Knie und bettelten um ein Fastenrezept. Und weil sie so inständig baten, hatte der Verein der niedergelassenen Quacksalber ein Einsehen. Er verteilte Fastenvorschriften an die Menschheit, eröffnete Fastenkliniken und hielt Hungerkurse ab. Da jauchzte das Volk, wie wenn der Erlöser gekommen wäre.
Wer nicht hungerte, wurde der Hungerpolizei gemeldet, mutmaßliche Esser mussten ihre Kochbücher abgeben, und ihre Computer wurden nach Rezepten durchsucht. Der BND war im Besitz von Listen, auf denen alle Lustesser verzeichnet waren. Mit einer elektronischen Fußfessel schützte man sie vor Restaurantbesuchen.
Den letzten Widerstand brach der BND mit seiner ausgefeilten Abhörpraxis. Arbeitsgeräusche im Gedärm verrieten zuverlässig, welche Zeitgenossen sich dem kollektiven Hungern entzogen hatten.
Am wirksamsten aber waren Hungerkurse im Fernsehen. Auf allen Kanälen brachten Hungerkünstler den Zuschauern bei, wie man dem Genuss widersteht. Sie aßen beliebte Markenprodukte und erbrachen sich vor der Kamera. Was vordem nur von wenigen Models und hysterischen Teenagern praktiziert worden war, entwickelte sich zum Volkssport. Die Pharmaindustrie entwickelte Brechpillen und -säfte, welche reißenden Absatz fanden. Die deutsche Werkzeugindustrie stellte spezielle Gefäße und Geräte in gewohnt solider Ausführung her. Nur unserer Automobilindustrie gelang es wieder nicht, ihre Autos rechtzeitig für hungernde Fahrer umzubauen. Sie war aber glücklich darüber, dass ihre Fünfsitzer nun für sechs dünne Menschen zugelassen wurden.
Und dünn waren ja alle geworden. Davon profitierten nicht zuletzt die Fluglinien, welche 18 Prozent mehr Passagiere in ihren Großraumfliegern transportieren konnten als zuvor. Und wenn diese das Land nur verließen, um im Ausland den Hunger zu stillen, so mussten sie damit rechnen, auf dem Rückflug von unserer stolzen Luftwaffe abgeschossen zu werden.
Unglücklicherweise geht die Fastenzeit jetzt in Frühling und Sommer mit ihren bukolischen Vergnügungen über. Dazu gehören unvermeidlich auch gutes Essen und Trinken.
Der Innenminister hat deshalb seine Fachleute angewiesen, nach Möglichkeiten zu suchen, wie man die vorösterliche Fastenzeit auf das gesamte Jahr ausdehnen könne.
Wir werden noch von ihm hören!
Wo Wolfram Siebeck nicht gefastet, sondern gut gegessen und getrunken hat, sehen Sie unter www.zeit.de/siebeck-karte
- Datum 19.03.2008 - 09:56 Uhr
- Quelle ZEITmagazin LEBEN, 19.03.2008 Nr. 13
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren