Spielen Lebensgeschichte

Einer in der langen Geschwisterreihe musste ja aus der ernsten Art der Familie schlagen: Der jüngste Sohn übernahm schließlich den Part des lebenslustigen Weltkinds. Zwar half er seinem langsam erblindenden Vater geduldig bei der Arbeit, fing sich aber eine schallende Ohrfeige des erbosten Patriarchen ein, als er in jugendlichem Übermut eine Probe seines Könnens einfach abbrach, anstatt sie regelgerecht zu beenden.

Nach dem Tod des Vaters nahm sich ein Bruder des Vierzehnjährigen an, bildete ihn aus, wollte den Leichtfuß aber bald aus dem Haus haben und vermittelte ihn in die Ferne. Eine eher romantische Version behauptet dagegen, er sei den Lockungen einer Sängerin gefolgt. Wie auch immer, sein Dienstherr war von ihm angetan, er finanzierte ihm sogar ein Studium bei einem berühmten Lehrmeister, der in puncto Strenge seinem Vater nicht nachstand. Sicher nicht aus Überzeugung, eher um ein gut dotiertes und repräsentatives Amt zu ergattern, wechselte er die Konfession – sehr zum Verdruss seiner Brüder, die ihn mahnend daran erinnerten, dass ihr Vorvater aus Treue zu seinem angestammten Glauben ins Exil gegangen war. Einer der Brüder soll in der Folge kein gutes Wort mehr über den Abtrünnigen gesagt haben.

Bald feierte der knapp über Zwanzigjährige Erfolg auf Erfolg. Der Jungstar, ein Meister des Gefälligen, reüssierte zuerst in den seriösen Genres, dann auch in einer Gattung à la mode, die nicht so recht zu seinem Amt passen wollte. Folglich gab er es auf, genoss unbeschwert die Huldigungen einer kunstvernarrten Stadt und die Gunst einer Tänzerin. Nun hatte er endgültig mit schwerblütiger Familientradition und bodenständigem Ernst gebrochen.

Seinem Dienstherrn sagte er endgültig und dem Lotterleben vorläufig Adieu, als ihn eine Königin zu ihrem persönlichen Lehrer machen wollte. Er zog in eine Metropole, in der der Geist einer neuen Zeit schon spürbar war. Dort setzte er sich für ein Wunderkind ein, obwohl er in ihm den übermächtigen Konkurrenten witterte. Der Jüngere allerdings sah in ihm Vorbild und Maßstab: »Ich liebe ihn … von ganzem Herzen und habe Hochachtung für ihn.« Auch in seinem neuen Wirkungskreis feierte er Erfolge in seinem Lieblingsfach. Mit einem Freund wagte er eine lukrative Neuerung: eine Veranstaltungsserie auf gehobenem Niveau für ein bürgerlich-großstädtisches Publikum. Nach mehr als anderthalb Jahrzehnten der Triumphe sank jedoch sein Glücksstern. Die Einnahmen aus seinen Veranstaltungen gingen zurück, einige ambitionierte Projekte erlitten Schiffbruch, durch Veruntreuung verlor er eine hohe Summe. Überdies machten ihm die Folgen des Wohllebens und des Alkoholkonsums zu schaffen. Als er Erholung auf dem Land suchte, erlag er überraschend einer ominösen »Brustkrankheit«. Die Nachwelt liebte es, sein heiteres Talent zu schwärzen, er schien nur Wegbereiter Größerer zu sein. Erst unsere Zeit erinnerte sich an seine schwungvolle, manchmal kühne Eleganz. Wer wars?

Wolfgang Müller

Lösung aus Nr. 12:
Rudolph Moshammer (1940–2005) eröffnete – nach einem Praktikum bei Dior in Paris – 1968 seine Boutique Venise in der Münchner Maximilianstraße. Mit lackierter Haarpracht, Dandy-Outfit und Schoßhündchen Daisy pflegte der Designer sein Image als Gesamtkunstwerk. Bis zu seiner Ermordung unterstützte »Mosi« viele soziale Projekte

 
  • Quelle DIE ZEIT, 19.03.2008 Nr. 13
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Rudolph Moshammer | Alkoholkonsum | Dior | Wunderkind | Exil | Genre | Paris
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service