Kernkraft Ein Meiler steht still

Seit der Reaktor Krümmel wegen eines Brandes im Sommer 2007 abschaltete, steht er in der Kritik und unter Beobachtung. Rundgang durch das Kraftwerk in seiner schwersten Phase

Kugellager, Federn, ein angebrochenes Fläschchen Schmiermittel mit der Aufschrift »KKK«. Das Öl hat schwarze Spuren auf dem weißen Overall eines Monteurs hinterlassen. Überschuhe mit Gummisohlen dämpfen die Schritte des Handwerkers, sonst ist nicht viel zu hören. KKK, das ist das Kürzel des Kernkraftwerks Krümmel. Eigentlich müsste hier, auf dem Pumpenflur, ein Heidenlärm herrschen. Gewaltige Aggregate pressen normalerweise ständig Wasser in den Reaktor, jede Sekunde zwei Tonnen, damit es die bei der Kernspaltung freigesetzte Wärme aufnimmt. Normalerweise. Aber das KKK steht ja still.

Was passiert, wenn nichts passiert? Aus dem Kraftwerk fließt kein Strom, doch drinnen ist mehr Betrieb denn je. Alle nuklearen Stromfabriken im Land werden einmal im Jahr heruntergefahren, zur Revision, der Routinekontrolle. Jahrein, jahraus bestimmt sie den Rhythmus bundesdeutscher Kernspaltung. Doch der Check für 2008 ist in Krümmel keine Routine. Das Kraftwerk ist bereits seit über einem halben Jahr vom Netz, seit einer der Trafos brannte. Nach der Schnellabschaltung des Reaktors wurden zudem fehlerhafte Dübel und Risse in Armaturen entdeckt. Bis alle Detailfragen geklärt sind, ruht der Meiler. Nicht wenige in Gesellschaft und Politik – auch in den zuständigen Aufsichtsbehörden – sähen es am liebsten, wenn es dabei bliebe. Ein Rundgang durch das Kernkraftwerk Krümmel in seiner schwersten Phase, jener des Stillstands.

»Viele Leute glauben ja, wenn das Kraftwerk abgeschaltet ist, dann haben wir alle Urlaub und auch die Maschinen erholen sich«, sagt Joachim Kedziora. Der 60-jährige Kernkraftwerksmeister hat in der Warte, dem Leitstand des KKK, gearbeitet, als Reaktorfahrer und stellvertretender Schichtleiter. Er war so etwas wie der Erste Offizier auf der Brücke eines Schiffs. Heute führt er Besucher durch die Anlage. Während der Revision mag er das nicht. »Das ist kein Kraftwerk, das ist eine Baustelle«, sagt er. »Da hat man genau denselben Effekt, wie wenn man fünf Stunden zu früh in die Autowerkstatt kommt« – und die Mechaniker noch mittendrin sind. Im Reaktorgebäude hämmern und bohren die Handwerker, ein Staubsauger heult auf.

Mehr als 1000 Menschen arbeiten während der Revision auf dem Gelände. Sonst sind es nur 300. Die Kantine läuft auf Hochtouren, 20 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Heute haben die Männer Tortellini oder Hähnchen auf dem Teller. Antje Schröter betrachtet die Arbeiter in Monteursmontur. »Gerüstbauer, Isolierer, Leute zum Vorbereiten der Prüfflächen, qualifiziertes Personal für die Prüfung selbst«, zählt sie auf. Schröter ist verantwortlich für den Ausnahmezustand. Als Revisionsleiterin, die einzige Frau in Deutschland auf diesem Posten, organisiert die 42-jährige Kerntechnikerin ein Planungspuzzle aus Bürokratie, Technologie und Timing. Drei bis vier Wochen dauert der Wechsel der Brennstäbe. Parallel dazu sollen alle vorgeschriebenen Prüfungen und notwendigen Instandsetzungen erledigt werden. Rund 15 Millionen Euro kosten Personal und Material dafür. Und jeder Tag Stillstand verursacht Produktionsausfälle. Vattenfall muss an der Börse jene Strommenge einkaufen, die normalerweise in Krümmel erzeugt wird. Das macht 900000 Euro, täglich.

Darum wird in drei Schichten gearbeitet. Tagsüber schrauben und schmirgeln die Handwerker, abends kommen die Prüfer. »Das sind unsere Nachteulen«, sagt Schröter. Mit Röntgenstrahlen, Ultraschall und Kennerblick prüfen sie Schweißnähte, Installationen und Materialien. Für Tests im Reaktor gibt es ein ferngesteuertes Tauchboot namens Susi. Jeder Arbeitsschritt muss geplant, vorbereitet und dokumentiert sein. Zu den Monteuren und Ingenieuren kommen bis zu 40 von der Behörde bestellte Gutachter.

In der Großwaschmaschine rotieren Feinripp-Unterhosen und Schlappen

Einen Wanderzirkus haben die Bestimmungen des Atomgesetzes geschaffen. Kaum etwas ist in Deutschland so stark reglementiert wie der Betrieb eines nuklearen Kraftwerks. Draußen auf dem Hof stehen übereinandergestapelte Bürocontainer, für die Bauleitung der Drittfirmen. 60 Unternehmen aus ganz Deutschland haben Personal nach Krümmel geschickt. »80 Prozent der Leute hier fahren von Revision zu Revision«, sagt ein Mitarbeiter eines baden-württembergischen Werkstoffprüfers. Philippsburg, Gundremmingen, Neckarwestheim hießen seine letzten Stationen. »Es gibt viele Leute, die zwölf Monate im Jahr unterwegs sind.« Denn kein Standort kann alleine alle notwendigen Spezialisten aufbringen. Aber jeder muss auf die jährliche Heimsuchung eingestellt sein. Auch in ganz banalen Dingen.

Im Bauch des Schaltanlagengebäudes des KKK, neben dem Reaktorhaus, rotieren Großwaschmaschinen und Trockner. Ein Mann mit Schnauzer und langen Haaren füllt gerade nach. »Rund um die Uhr, Samstag, Sonntag, Feiertag – während der Revision laufen die durch«, sagt Ronald Rohrmoser. Der Thüringer, eigentlich Monteur in Krümmel, arbeitet derzeit im kraftwerkseigenen Waschsalon. 40 Maschinen am Tag werden hier befüllt, mit jedem Schichtwechsel kommt Nachschub für die großen Trommeln.

Hinter den Bullaugen drehen sich weiße Overalls und graue Unterwäsche, Feinripp mit Eingriff. Auch Schuhe, sogar die bunten Plastikschlappen aus den Duschen werden nach jedem Tragen gewaschen. Wenn der Hilfskessel für Warmwasser während der Revision ausfalle, werde es »ganz schön schwierig«, den minutiösen Zeitplan einzuhalten, sagt Schröter. Heißes Wasser für Duschen und Waschmaschinen ist nicht sicherheitsrelevant; anders als die Steuersysteme des Reaktors sind die Anlagen für die Versorgung der Waschküche nicht mehrfach vorhanden.

An der Nordseite des Kraftwerks stehen zwei riesige Transformatoren unter Betonhüllen, der linke ist erkennbar neuer als der rechte. In der Luft knistern elektrische Entladungen. »Jetzt britzelt’s wieder richtig«, sagt Ivo Banek, der Pressesprecher für Vattenfalls Kernenergiesparte. »Nur die Fließrichtung stimmt noch nicht«, bemerkt die Kerntechnikerin Schröter. Eigentlich kommt hier Strom aus dem Maschinenhaus an, wird auf fast 400000 Volt hochtransformiert und ins Höchstspannungsnetz eingespeist. Derzeit jedoch zieht Krümmel Strom aus dem Netz.

Neben dem neuen Trafohäuschen reißen Arbeiter in orangefarbenen Schutzjacken die Bodenplatten auf und schaufeln das darunterliegende Erdreich mit einem Minibagger weg. Öl und Löschmittel, die bei dem »Ereignis« eingesickert seien, müssten fachgerecht entsorgt werden, sagt Schröter. »Das Ereignis«, sagen die Leute in Krümmel, wenn sie vom 28. Juni sprechen, dem Tag, an dem der linke Trafo Feuer fing und der Reaktor abgeschaltet wurde (siehe Kasten).

Der Brand brachte die deutsche Kernkraftbranche in ihre größte Malaise seit Jahren. Dabei hatten intensive Lobbyarbeit und die Konjunktur des Klimaschutzes gerade Früchte getragen: Unions- und FDP-Politiker plädierten für längere Laufzeiten. Gar ein Ausstieg aus dem rot-grünen Atomausstieg schien denkbar. Bis zu jenem Juni-Donnerstag. Zwar wurde das Ereignis mit der Nummer 07/058 im Bericht des Bundesumweltministeriums in die Kategorie N (»untergeordnete sicherheitstechnische Bedeutung«) eingeordnet, zwar steht er auf der Bewertungsskala der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) auf unterster Stufe. Aber den nüchternen Fakten standen die Fernsehbilder schwarzer Rauchschwaden über dem Meiler gegenüber.

»Gefährdungsreaktor«, schimpfte Minister Gabriel nach dem Brand

Die katastrophale Krisenkommunikation von Vattenfall und das politische Kalkül zweier SPD-Minister machten das »Ereignis« zum Desaster für die Atomindustrie. Viel zu spät erklärte der Konzern, was eigentlich passiert war. Ministerin Gitta Trauernicht, in Schleswig-Holstein für die Atomaufsicht verantwortlich, geriet schnell selbst in die Kritik, nicht Herrin der Lage zu sein. Umso mehr demonstrierte sie hartes Durchgreifen. Und Bundesumweltminister Sigmar Gabriel – monatelang vom nuklearfreundlichen Wirtschaftskollegen Glos (CSU) bedrängt und von der CDU-Kanzlerin um die Wortführerschaft beim Klimaschutz gebracht – sah in Krümmel sein Thema: »Risikotechnologie« und »Gefährdungsreaktor«, schimpfte er. In den Wochen nach dem Trafobrand hatte die Politik gar einen Lizenzentzug ins Spiel gebracht, heute spricht davon keiner der Verantwortlichen mehr. Doch in der öffentlichen Wahrnehmung kleben bis jetzt Zweifel und Misstrauen an dem Kraftwerk.

Gegenüber den Trafos stehen in einem Nebengebäude Apparate, groß wie Schiffsmotoren. Es riecht nach Diesel. Diese Generatoren müssen Krümmel im Notfall tagelang mit Strom versorgen. An den Wänden sind Arbeitsbühnen für die Wartung festgeschraubt. Vergangenen Sommer, kurz nach dem Trafobrand, meldete Vattenfall: Einige der dafür verwendeten Dübel »entsprechen nicht der Spezifikation«. Könnten sie bei einem Erdbeben nachgeben? Könnten Arbeitsbühnen auf die Notstromaggregate stürzen und sie beschädigen? Das prüfen seitdem die Sachverständigen.

Sie urteilen auch über unzählige Rohre, Räder und Ventile, die im Maschinenhaus auf der Erde liegen. Monteure haben sie im Kraftwerk abgeschraubt, jedes Teil trägt ein Kürzel aus Buchstaben und Zahlen. Insgesamt sind rund 20000 Armaturen in Krümmel eingebaut, an einigen hatten Gutachter Risse beanstandet. Wie tief gehen sie? Müssen Armaturen ausgetauscht werden? Die Dübel- und Rissfragen müssen geklärt werden, bevor der Betreiber der Kieler Aufsichtsbehörde die »Bereitschaft zum Wiederanfahren« melden kann. »Wann dies der Fall sein wird, ist derzeit nicht absehbar«, heißt es aus Kiel.

Doch Krümmel wird wieder ans Netz gehen, das scheint sicher, diesmal zumindest. Zu den Bedingungen, unter denen in Deutschland Kernkraft genutzt wird, gehört aber auch, dass die Gutachter jedes Jahr etwas finden können, das die aktuelle Revision zur letzten werden lässt. So erging es dem Meiler Würgassen an der Oberweser 1994, als die Aufsichtsbehörde wegen Haarrissen am Druckbehälter einen Austausch forderte. Unwirtschaftlich, befand der Betreiber Preussen Elektra. Das war das Aus für Würgassen.

Ins Krümmeler Maschinenhaus dagegen wurde unlängst noch groß investiert. 2005 und 2006 haben sie hier die riesige Turbine ausgetauscht – in Etappen, damit kein unnötiger Stillstand entstand. »So etwas ist einmalig in einem Kraftwerksleben«, sagt Antje Schröter. 1400 Tonnen Stahl waren zu bewegen, das alte Aggregat musste komplett auseinandergeschnitten werden. Die Oberflächen, die mit radioaktivem Dampf in Berührung gekommen waren, werden dekontaminiert, dann wird das ganze Material entsorgt. Wie? Darüber werde noch diskutiert, da gebe es verschiedene Konzepte, sagt die Revisionsleiterin. Derzeit liegen die Turbinenteile im Lager – während das neue Aggregat stillsteht.

70 Millionen Euro hat es gekostet. Bis 2043 könnte Krümmel noch laufen, rein technisch gesehen, sagt Sprecher Banek. Laut Atomausstiegsbeschluss bleiben dem Kraftwerk noch acht Jahre, bis 2016. »Die Investition in die neue Turbine lohnt sich auch mit dieser Perspektive«, versichert Banek. Dazu muss das KKK aber wieder ans Netz, muss der Heidenlärm in den Pumpenflur zurückkehren und der Starkstrom wieder in die richtige Richtung fließen, aus dem Kraftwerk.

Fünf Prozent mehr Strom kann der Meiler mit der neuen Turbine erzeugen, bei gleichem Uranverbrauch und ohne zusätzliches Kühlwasser. »Dass wir das jetzt nicht an den Mann bringen können, ist natürlich traurig«, findet die Kerntechnikerin Schröter. Einen schönen Namen haben sie in Krümmel für die Extraprozente schon: »Grünstrom«.

 
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