Bühne Die Gerechte

Die Neu-Inszenierung von »Groß und Klein« ist nicht schlecht. Aber ich würde Botho Strauß ganz anders zeigen

Das Jahr 1977: Das war der deutsche Herbst, Mogadischu, Stammheim, das Ende der antiautoritären Revolte, die größte Herausforderung der Demokratie – und Botho Strauß, der sich wie seine Artikel in Theater Heute bewiesen, gründlich mit der Revolte beschäftigt hatte, schrieb just zu diesem Zeitpunkt ein Theaterstück über völlig unpolitische Menschen in völlig unpolitischen Zusammenhängen: Groß und Klein. Die RAF, die damals den Staat zu gefährden schien, kommt nicht ein einziges Mal vor. 1968 ist wie weggeblasen. Im Mittelpunkt steht eine von ihrem Mann rausgeschmissene, arbeits- und mittellose Frau mittleren Alters und mittlerer Intelligenz, die durch Deutschland reist, um einen Ort zu finden, wo sie sich nützlich machen kann: helfen, Streit schlichten, Gutes tun. Aber sie gerät nur an Menschen, denen jede Hilfe suspekt ist und die mit sich selbst genug zu tun haben. Lotte findet keinen Kontakt zur Welt, weil die Welt ungerecht und verlogen ist. Sie macht alles nur noch schlimmer und wird immer merkwürdiger, aber sie bleibt fast immer freundlich und gelassen, und am Ende, wenn alle im Wartezimmer nur noch auf den Arzt warten, ist sie auch da, aber »nur so«. Sie kann als Einzige sagen: »Mir fehlt ja nichts.«

Dieses Stück entpuppte sich schnell als Klassiker, vielleicht als der letzte des deutschen Theaters. Das lässt sich auch heute, 30 Jahre nach der Uraufführung bestätigen. Die Inszenierung von Barbara Frey am Deutschen Theater Berlin wirkt, als hätte man sie aus irgendeinem der zwanzig Stadttheater, wo das Stück in den ersten zwei Jahren nach der Uraufführung ständig nachgespielt wurde, direkt in die Gegenwart gebeamt, um die Inszenierung runderneuert, aber mit dem gleichen Profil, wieder auszustellen.

Diese Aufführung trifft immer noch den Nerv des Publikums, es lacht an den richtigen Stellen und findet sich im kommunikationsgestörten Wortwitz der Figuren wieder. Die kaputten Paare, die einsamen Passanten und zerstörten Familien, alle sind sehr von heute. Dennoch wirkt das Ganze wie intellektuelles Kunstkino aus den siebziger Jahren. Es funktioniert noch, aber es ist auch schal. Die Versuchsanordnung ist vereinfacht, anstrengende Passagen sind sinnvoll gekürzt. Das alte ästhetische Prinzip von Peter Stein: »Wir stellen eine kaputte Welt dar, aber die Art und Weise, wie wir das machen, ist alles andere als kaputt«, erlebt eine glanzvolle Auferstehung.

Und doch – eine richtige Klassikerinszenierung müsste seismografisch neue Entwicklungen sichtbar machen und nicht nur zeigen, dass heute immer noch alles genauso ist wie vor dreißig Jahren in der alten Bundesrepublik. Wo also könnte heute die Sprengkraft des Stücks liegen? Was gäbe es heute an Groß und Klein zu entdecken?

Vor vier Jahren haben wir an der Berliner Volksbühne versucht, dem Stück eine andere Wendung zu geben, indem wir das vermeintlich Wahnhafte der Hauptfigur ernst genommen und uns nicht auf die Perspektive eines gottähnlichen Beobachters von außen eingelassen haben. Kurzum, wir haben versucht, uns in die Innenperspektive der Hauptfigur zu versetzen. Lotte nämlich kann ihr vermeintliches Unglück erklären, und zwar ganz anders als ein Psychiater. Ihr Problem ist kein psychisches, kein gesellschaftliches. Vielmehr hat sie Gott zu einer Heiligen berufen, zu einer der 36 Gerechten.

Die berühmte Legende von den 36 Heiligen besagt, »dass es auf der Welt in jeder Generation sechsunddreißig Gerechte gibt, um derentwillen Gott die Welt, trotz all ihrer Sündhaftigkeit, nicht untergehen lässt. Die Sechsunddreißig sind namenlos, niemand weiß, ob sie arm oder reich, Wasserträger, Hausmeister, Soldaten oder Kaufleute sind — aber ohne ihre selbstlosen Werke wäre die Welt längst zerstört.« Das ist, wenn man will, auch Lottes Selbstverständnis. Das Stück zeigt, was es bedeutet, ein Auserwählter zu sein, nämlich unter der Last der Verantwortung für das Weiterbestehen der Welt fast zusammenzubrechen und aufgrund der eigenen Selbstlosigkeit isoliert und verachtet zu werden – und nicht sagen zu dürfen, wer man ist, weil die Gerechten ihre Werke nur im Verborgenen tun können.

Natürlich kann man das als Beschreibung einer ausbrechenden Psychose interpretieren. Doch in Zeiten, wo man nicht mehr definitiv zwischen Wahn und Wirklichkeit unterscheiden kann, gebietet es die intellektuelle Redlichkeit, nicht ungeprüft auszuschließen, dass das abweichende Selbstverständnis eines Menschen auch zutreffen kann – und sei es noch so seltsam. Auch das Bewusstsein dieser Ungewissheit ist ein Resultat der Aufklärung. Mit einem Wort: Es muss erlaubt sein, die Devianz der literarischen Figur Lotte in Groß und Klein nicht sofort als krankhaft zu definieren, sondern auch die Möglichkeit einzubeziehen, dass Lotte wirklich eine der 36 Gerechten ist und dieser Umstand für ihre Schwierigkeiten verantwortlich ist.

Diese gewagte Lesart ließ sich zu meinem Leidwesen damals an der Volksbühne nicht auf der Bühne umsetzen. Das Konzept wurde aber in einem Buch zum 60. Geburtstag von Botho Strauß veröffentlicht (Unüberwindliche Nähe, hrsg. von Thomas Oberender, Verlag Theater der Zeit, 2004), und zwar im Rahmen eines Aufsatzes, in dem ich versucht habe, nachzuweisen, dass Botho Strauß selbst einer der 36 Gerechten ist, der die Kunstfigur Lotte benutzt hat, um diese ungeheure Behauptung durch Fiktionalisierung gleichzeitig zu offenbaren und zu verbergen. Als Beleg für diese starke Behauptung diente mir ein Zitat aus Strauß’ Essay Anschwellender Bocksgesang, in dem er sich zu seiner Auserwähltheit zu bekennen scheint. Der gefährliche Satz lautet: »Ich bin davon überzeugt, dass ein versprengtes Häuflein von inspirierten Nichteinverstandenen für den Erhalt des allgemeinen Verständnissystems unerlässlich ist.« Er spricht hier zwar nicht von »Gerechten« oder der »Welt«, sondern von »Nichteinverstandenen« und dem »allgemeinen Verständnissystem« und nicht von den »36«, sondern von einem «versprengten Häuflein«. Aber der ganze Bocksgesang legt davon Zeugnis ab, dass er sich diesem »versprengten Häuflein« zugehörig fühlt, das für den Erhalt der Welt »unerlässlich« ist. Deutlicher kann man nicht werden.

Wenige Tage nach der Buchveröffentlichung erhielt ich einen Brief von Botho Strauß, der mit den Worten begann: »Ich darf ja nichts sagen.« Das war gewaltig und klang wie eine Bestätigung meiner Behauptung, aber ich wertete es natürlich nicht als Bestätigung, sondern als schönes Zeichen dafür, das Botho Strauß auch Jahrzehnte nach Groß und Klein und nach all den Anfeindungen, die er seitdem hatte erdulden müssen, seinen Humor und seine Selbstironie nicht verloren hatte. Darüber hinaus prophezeite er, eine Inszenierung von Groß und Klein auf der Basis unseres Konzepts würde mit Sicherheit »der Hammer«. Das war angesichts des Scheiterns unserer Versuche ein unerwarteter Akt der Gerechtigkeit.

Bis dieses Stück seine Klassikerqualitäten voll entfalten kann, müssen nun wahrscheinlich wieder dreißig Jahre vergehen, denn das Theater ist ein sehr altes und deshalb sehr langsames Medium. Aber Klassiker haben ja kein Verfallsdatum, und deshalb ist das alles nicht so schlimm.

Carl Hegemann ist Professor an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig und arbeitete bis 2006 als Dramaturg an der Volksbühne in Berlin. Im Verlag Theater der Zeit erschien sein Buch »Plädoyer für die unglückliche Liebe – Texte über Paradoxien des Theaters 1980–2005«

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Quelle DIE ZEIT, 20.03.2008 Nr. 13
    • Versenden E-Mail verschicken
    • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Schlagworte Botho Strauß | Bühne | Literatur | Barbara Frey | Mogadischu | Berlin
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service