Wann er zum letzten Mal allein war, ganz für sich, ohne Mitarbeiter, ohne Familie, ohne Publikum? Da muss Thomas Gottschalk lange nachdenken. "Warten Sie", sagt er, "ich bin nun mal ein geselliges Kerlchen und auch nicht alleine, wenn kein anderer da ist." Wie meint er das? "Ich habe dann immer noch mich. Ich sitze ja oft ewig lang im Flieger. Da verabschiede ich mich zwischendurch schon mal zu einem kleinen Solosketch in die First-Class-Toilette und pflaume mein Ebenbild im Spiegel an. In allen möglichen Dialekten und Rollen. Es haben sich aus meinen Hotelzimmern auch schon Zimmermädchen erschrocken aus dem Staub gemacht, weil sie gedacht haben, ich hätte Besuch. Oder 'ne Meise."

Thomas Gottschalk, Entertainer, moderiert sich durchs Leben, das ist sein Prinzip. Im Mai wird er 58 Jahre alt. Er ist seit knapp vier Jahrzehnten im Geschäft, einer der bekanntesten Deutschen. Seit 1987 moderiert er die Samstagabendshow Wetten dass…? , die erfolgreichste Fernsehsendung des Landes. Er ist mit seiner Arbeit und als Werbefigur für Hamburger, Gummibärchen und die Post ein reicher Mann geworden. Er ist seit 32 Jahren mit seiner Jugendliebe Thea verheiratet, glücklich, wie alle bestätigen, die ihn kennen. Auch seine zwei Söhne Roman und Tristan, 25 und 18 Jahre alt, machen ihm keinen Kummer.

Und doch sitzt an diesem Samstagabend Anfang März, kurz nach Ende einer Wetten dass…?- Sendung, in Halle hinter der Bühne ein Mann auf einem Sofa, der zetert und schimpft, der unzufrieden ist, weil er weiß, was alles schiefgelaufen ist, und wohl auch, weil er es nicht verhindert hat. Er erklärt, warum die Stadtwette langweilig war, die Zusammenstellung der Gäste eine Katastrophe, zu viele deutsche Schauspieler, obwohl die doch bekannt dafür seien, dass sie nicht gerne aus sich rausgingen. Er weiß, dass der Hollywood-Glanz gefehlt hat. Einen Clooney hätte es gebraucht!

Es ist nicht so, dass Thomas Gottschalk diese Kurzrezension ohne Witz vorträgt. Die Stadtwette, 100 Menschen sollten mit Beatles-Haarschnitt auf die Bühne, weil in Halle ein Beatles-Museum existiert, habe den Charme eines Pfarr-Familienabends verströmt, sagt er. Auch bei der Selbstkritik bleibt Thomas Gottschalk Entertainer. Er kann nicht anders.

Es klopft an der Tür, der Regisseur betritt den Raum. Ein Wettkandidat war rückwärts über Hürden gelaufen, hatte sich dabei leicht verletzt und deshalb einen Eisbeutel zur Kühlung in die Hand gedrückt bekommen, den er sich merkwürdigerweise ans Ohr hielt. Der Regisseur hatte Gottschalk dazu einen Gag zugeraunt. Er solle doch sagen: Sieht ja aus wie ein "Eisphone", wie "iPhone" mit "Eis". Der Regisseur fragt, warum er den Gag nicht verwendet habe. Gottschalk, der doch immer einen Spruch auf den Lippen hat, weiß nicht, wo er hinsehen soll. Also sieht er verlegen auf die Tischplatte. Sein gesenkter Blick sagt: Eisphone – wo bin ich nur gelandet? Der Regisseur beendet die peinliche Situation: "Du hast das gar nicht gehört, Thomas, stimmt’s?" Und Gottschalk nickt.

Seine Sendung ist ins Gerede gekommen und er mit ihr. Noch immer ist Wetten dass…? die Nummer eins unter den Unterhaltungssendungen. Doch die Zuschauerzahlen gehen seit Jahren zurück, lagen zuletzt nur noch knapp über zehn Millionen. Das liegt auch an der veränderten Medienlandschaft. In den achtziger Jahren empfingen die meisten Zuschauer nur drei oder vier Programme. Heute sind es knapp 30. Viele jüngere Zuschauer wenden sich ab, besonders wenn bei den Privatsendern gleichzeitig Shows wie Deutschland sucht den Superstar laufen. Früher ging die Konkurrenz am Samstagabend Thomas Gottschalk aus dem Weg, sendete parallel alte Spielfilme und Dokumentationen. Vorbei.

Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, wann die Sendung unter die 10-Millionen-Grenze rutscht. Und schon machen Gerüchte die Runde. Die Süddeutsche berichtete, das ZDF habe Hape Kerkeling gefragt, ob er nicht Thomas Gottschalks Nachfolger werden wolle. Kerkeling ließ sich daraufhin mit dem Satz zitieren: "Gottschalk und Wetten dass…? sind eine Einheit", was wie eine Verteidigung von Thomas Gottschalk klang, aber eben auch, als sei das Ende von Wetten dass…? erstmals denkbar geworden.

Wie also geht es Thomas Gottschalk, dem einstigen Sonnyboy, dem Thommy der Nation, der mit seinen Sprüchen, seiner Spontanität, seiner Unerschrockenheit erst das Radio in Bayern und dann das Fernsehen in Deutschland von Grund auf verändert hat? Auf die Anfrage an sein Management, ob er einem Porträt zustimmen würde, hatte er selbst geantwortet. Er gebe derzeit keine Interviews, denn er sei in einer Phase seiner Karriere, in der man besser den Mund halte und seinen Job mache. Man könne ihn aber als sein Schatten bei der Entstehung einer Wetten dass…?- Sendung begleiten. Er haue ohnehin dauernd Sprüche raus, die man sich ja merken könne.

Man muss sich den Thomas Gottschalk außerhalb des Fernsehens genauso vorstellen wie im Fernsehen: Die Stimme, die Sprüche, das Hoppla-hier-komm-ich, die spontane Art, auf fremde Menschen zuzugehen, das Duzen, all das hat sich bei ihm über all die Jahre nicht verändert. Er wirkt wie ein Junge mit Falten im Gesicht. Sein langjähriger Freund, der Moderator Fritz Egner, bestätigt das. Hat Gottschalk das Peter-Pan-Syndrom? "Mag sein", sagt Egner, "aber der Thomas arbeitet auch in der Peter-Pan-Industrie."

Am Samstagmittag sitzt Peter Pan in seinem Hotelzimmer, schwarze Jogginghose, Slipper ohne Socken, auf dem Kopf eine Mütze. Noch ist er unrasiert, und die Falten um die Augen sind noch nicht weggeschminkt. Die blonden Locken sind noch nicht toupiert, die Geheimratsecken nicht weggefönt. Ein langjähriger Freund erzählt, er habe Gottschalk schon Anfang der neunziger Jahre geraten: Schneid dir die Haare ab, dann hast du es hinter dir. Peter Pan aber wollte Peter Pan bleiben.