Pop Ich habe einen Traum

Die Sängerin Alison Goldfrapp träumt davon, mehrere Leben zu führen: als Operndiva, Architektin, Nonne oder Tierärztin

Das Leben ist tragischerweise zu kurz. Ich kann nicht alle Erfahrungen sammeln, die ich gerne machen möchte. Daher träume ich manchmal davon, wie es wäre, ein, nein, zehn verschiedene Leben zu führen. Nicht weil ich das Gefühl habe, mir fehlt etwas, ich will einfach mehr erleben. Wenn ich andere Menschen beobachte, frage ich mich, wie wohl ihr Leben ist. Sehen Sie, ich bin unheimlich neugierig. Mich interessiert, herauszufinden, warum ein Mensch etwas getan hat. Deshalb träumte ich als kleines Mädchen davon, Detektivin zu werden. Ich liebte Krimigeschichten von Agatha Christie, heute werfe ich kaum noch einen Blick hinein. Trotzdem: Die Neugier, was in anderen Menschen vorgeht, ist geblieben.

Und daher stelle ich mir vor, wie es wäre, ein Leben als Opernsängerin, Architektin, Ärztin, Nonne, Hausfrau, Malerin, Geologin oder Zoologin zu führen. Nein, warten Sie, ich gehe nicht gerne in den Zoo. Tiere mag ich, deshalb wäre der Beruf einer Tierärztin passender. Oder das Leben einer Farmersfrau. Manchmal male ich mir aus, wie es wäre, auf einem Bauernhof zu leben. Meine Eltern lebten auf einer Farm, ich mag bis heute das Gefühl, früh am Morgen aufzustehen. Und mir gefällt die Idee, wie ein Selbstversorger zu leben und zu arbeiten. Dass man morgens im Stall die Kühe melkt, den Tag auf dem Feld zubringt, die Früchte seiner Arbeit buchstäblich erntet. Es ist eine harte Arbeit, ich behaupte nicht, ich beneide Farmer darum, ich mag nur das Konzept, allein und unabhängig für sich zu sorgen.

Wenn ich von den verschiedenen Leben erzähle, von denen ich träume, bedeutet das nicht, dass ich mein Leben bereue. Ich wollte immer Musikerin werden, habe sehr hart dafür gearbeitet, seitdem ich als Kind im Alter von acht Jahren das erste Mal die Carmina Burana von Carl Orff hörte. Mein Vater besaß eine große Schallplattensammlung klassischer Musik. Manchmal rief er uns am Wochenende zu sich ins Wohnzimmer, mich und meine älteren fünf Geschwister. Wir saßen alle um ihn herum, er legte eine Platte auf, wir hörten zu und redeten danach darüber. Wie wir uns fühlten, was wir darüber dachten. Das war wie ein Ritual, ein Bildungsritual.

Nach den Carmina Burana war mein erster Gedanke sofort: Wie können Menschen solche Laute hervorbringen? Es war ein kleines Wunder für mich. Die Stimmen klangen auf eine sonderbare Weise nicht menschlich. Sie faszinierten mich – und haben in mir den Wunsch geboren, selbst Sängerin zu werden. Seit jenem Tag begeistere ich mich für Chormusik. Ich liebe auch Opern, habe aber selten Zeit, sie mir live anzusehen. Orffs Stück habe ich einige Male auf der Bühne gesehen, aber die Wirkung reichte nie wieder an die erste Hörerfahrung heran. Vielleicht könnte ich eines Tages ein Musikstück für einen Chor schreiben. Die Herausforderung würde mich reizen, auch wenn ich mir bisher keine Gedanken über Struktur oder Länge gemacht habe.

Ich träume sehr oft, fast jede Nacht. Träume helfen uns, Probleme zu lösen – auch kreative. Den Titel unseres aktuellen Albums habe ich zum Beispiel im Traum gefunden. Das geschah Ende vergangenen Jahres, kurz nachdem wir die Aufnahmen für die Platte beendet hatten. In meinem Traum stand vor meiner Haustür ein großer wunderschöner Baum, ganz grün, er wuchs bis in den Himmel, die Sonne schien durch die Blätter, und als ich hinaufsah, fühlte ich mich geborgen. Er gab mir ein Gefühl der Sicherheit.

Ich ging am Baum vorbei, betrat eine Sauna, die sich daneben befand. Darin saßen viele Frauen, überall hingen Dampfschwaden, ich konnte die Gesichter nur schemenhaft erkennen. Der Boden war aus Marmor, darauf lagen Handtücher, die Szenerie erinnerte an türkische oder alte römische Bäder. Ich erzählte den Frauen, dass ich einen Albumtitel suchte, schlug ihnen einige Namen vor, von denen keiner sie beeindruckte. Am Ende sagten sie: »Geh hinaus zum Baum, das ist der siebte Baum, schau ihn dir an – und nenne das Album nach ihm.« So kam es, dass wir die Platte The Seventh Tree nannten.

Lesen Sie hier, was der ZEIT-Kritiker Thomas Groß vom neuen Goldfrapp-Album hält »

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    • Quelle ZEITmagazin LEBEN, 20.03.2008 Nr. 13
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    • Schlagworte Pop | Traum | Carl Orff | Musik | Agatha Christie
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