Über das Turbo-Abitur und einen faulen Schüler, der es doch zu etwas brachte
Lieber Herr Schmidt, was viele Eltern momentan beschäftigt, ist das sogenannte Turbo-Abitur. Wissen Sie, was das ist?
Damit ist das Abitur nach acht Jahren Gymnasium gemeint.
Warum regen sich die Leute so darüber auf?
Weiß ich nicht. Ich habe auch nach zwölf Jahren Abitur gemacht.
Hatten Sie dadurch Nachteile?
Mir hat es jedenfalls nicht geschadet.
Ihre Frau war drei Jahrzehnte lang Lehrerin. Diskutieren Sie das manchmal ob zum Beispiel zwölf oder dreizehn Jahre besser sind für Schüler?
Habe ich jetzt nicht in Erinnerung, da müsste ich meine Frau fragen.
Insgesamt sind Schulzeit und Studiendauer in Deutschland zu lang. Da wird Zeit vertan, da geht Kreativität verloren. Nach meiner Erfahrung ist es nicht so wichtig, ob man zwölf oder dreizehn Jahre zur Schule geht. Man kann große Leistungen vollbringen, auch wenn man überhaupt kein Abitur gemacht hat.
Das sagen Sie als Sozialdemokrat? Haben nicht gerade Schüler, die von der Familie her benachteiligt sind, bessere Möglichkeiten, sich zu entfalten, wenn sie länger ihre Fähigkeiten trainieren können?
Wenn das richtig wäre, müssten Sie logischerweise vierzehn Jahre Schulzeit fordern oder fünfzehn. Man kann aber nicht auf der einen Seite den Achtzehnjährigen für erwachsen und volljährig erklären und ihn gleichzeitig auf der Schule festhalten. Das passt nicht zusammen.
Sie selbst haben die Lichtwarkschule in Hamburg besucht: Da gab es doch neben dem üblichen Lernstoff auch Werkunterricht, Gartenarbeit, Musik, Literatur und Theater. Haben Sie nicht davon profitiert?
Deshalb war diese Schule für mich ein Glücksfall. Aber sie hatte natürlich auch ihre Schwächen. Lernstoff haben wir relativ wenig mitbekommen, zum Beispiel Sprachen: ein bisschen Schulenglisch und ein ganz kleines bisschen Schullatein. Naturwissenschaften habe ich dort kaum gelernt, Geschichte auch wenig.
Das haben Sie sich alles später aneignen müssen?
Ja, natürlich - aber die Schule hatte mir ja beigebracht, selbstständig zu arbeiten.
Alle meine Freunde mit Kindern im schulpflichtigen Alter stöhnen darüber, dass sie bis in den Abend hinein mit ihren Kindern Hausaufgaben machen müssen. Wie war das bei Ihnen?
Ich war als Schüler relativ faul. Was mich nicht interessiert hat, habe ich nur flüchtig gemacht. Meine Frau und ich waren ja in derselben Klasse - wir hatten eine ähnliche Handschrift, und es ist vorgekommen, dass Loki meine Hausaufgaben in mein Heft geschrieben hat, zum Beispiel in Mathematik, da war sie besser. Und niemand hat es gemerkt.
Ihre Lehrer, schreibt Ihr Biograf Hartmut Soell, erinnern sich so an den Schüler Schmidt: »völlig undiszipliniertes Verhalten« sowie »starke Schwatzhaftigkeit, Unbeherrschtheit, Zügellosigkeit im Ausdruck und Robustheit in den Umgangsformen«. Schämen Sie sich denn gar nicht?
Ob ich mich damals geschämt habe? Kaum und nachträglich auch nicht!
Haben Sie sich denn selbst so in Erinnerung?
Nein. Ich weiß auch nicht, wer dieses Zeugnis geschrieben hat. Kann sein, dass es der von den Nazis eingesetzte Schulleiter war.
Die eine oder andere Beschreibung kann man sich jedenfalls vorstellen.
Ich erinnere, dass mich mal jemand im Ruderclub an der Alster, in dem wir Schüler unsere Boote liegen hatten, festgehalten und gefragt hat: »Wo willst du denn hin?« Und ich habe wohl gesagt: »Ich will aufs Scheißhaus.« Das hat einen Riesenwirbel ausgelöst. Es war natürlich eine Frechheit von dem Dreizehn- oder Vierzehnjährigen, so mit einem Erwachsenen zu reden.
Schmidt-Schnauze!
Ja, ich hatte eine freche Klappe.
- Datum 20.03.2008 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.13 vom 19.03.2008, S.M54
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