Wenn ich der Bank 1000 Euro schulde, habe ich ein Problem; schulde ich ihr eine Million, hat sie es. Und bilanziert eine Pleite-Bank wie Bear Stearns 33 Dollar Miese für jeden Dollar auf der Kante, dann zittert die ganze Welt, weil "Bear Stearns" bloß ein Kürzel ist, hinter dem Hunderte anderer Institute stehen – von UBS (Schweiz) bis IKB (Deutschland). Das ist der Kern der Krise in einem Absatz.

Und was tut das "Finanzkapital"? Es ruft, wie jüngst Deutschbanker Josef "Joe" Ackermann, nach dem Staat. Das würde der "kleine Mann" auch gern tun, wenn er plötzlich die Hypothek, den Ratenvertrag nicht mehr bedienen kann. Er muss aber für seinen Leichtsinn haften. 33000 Euro Schulden bei nur 1000 Euro Vermögen? Wir würden an seinem Verstand zweifeln. Warum dann die Banken retten, bei denen zum Übermut noch die Gier hinzukam?

Bei Bear Stearns läuft das so: Die US-Zentralbank leiht JPMorgan das Geld für die Übernahme und nimmt dafür marode Hypotheken als Sicherheit. So enthüllt sich die ätzende Wahrheit, die in "Kredit" steckt – von credere, glauben. Wie in "Gottvertrauen". Auch die Fed glaubt, sie werde mit gutem Geld (30 Milliarden) das schlechte retten. Wenn nicht, dann kommt der Steuerzahler für den Irrglauben auf.

Diese flotte "Lösung" wirft leider zwei lästige Fragen auf. Die eine ist die moralische: Soll es so sein? Die andere ist die empirische: Muss es so sein, weil sonst der mörderische Abschwung, ja die Weltwirtschaftskrise droht?

Die Wertefrage umschreiben die Ökonomen mit dem Begriff moral hazard ("sittliche Gefährdung"). Was gut fürs Ganze ist, verleitet den Einzelnen zum Zocken, das dann auf die Allgemeinheit durchschlägt. Wer als Kassenpatient billig an Antibiotika kommt, kann aufs penible Händewaschen verzichten, erhöht so die Infektionsrate und die Beiträge für alle. Wenn die Banken und ihre Kunden lernen, dass der Staat sie raushaut, werden sie morgen genauso verantwortungslos handeln. Das programmiert die nächste Blase. Denn Vater Staat signalisiert: "Bereichert euch, das Risiko trage ich."

Schlimmer noch: Der Staat hat seit den frühen achtziger Jahren zumal in den USA als "Dealer" agiert, und zwar mit billigem Geld, weil die Inflation gezähmt zu sein schien. Er hat den Wahn befördert, den er jetzt kurieren soll. Was Wunder, dass die "Junkies" gierig zugriffen, also mit geborgtem Geld immer waghalsiger spekulierten? Zuletzt konnte ein Häuslekäufer in London 125 Prozent (!) als Hypothek bekommen, weil die Bank die Wertsteigerung schon eingepreist hatte. In Amerika stieg der Anteil der Finanzindustrie am Profit aller Kapitalgesellschaften von fünf auf 40 Prozent. Mit der Geldschwemme entstand ein globales Schneeballsystem, das im normalen Leben verboten ist. Bloß: Die Letzten beißen jetzt nicht die Hunde; der Staat schleckt sie ab.

Und jetzt soll der "Dealer" das besser machen? Wie gut das funktioniert, zeigen die Landesbanken, die wie UBS und Bear Stearns Milliarden mit Hochrisiko-Hypotheken verspielt haben. Das zeigt auch die IKB, die eng mit der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau verbandelt ist. Diese Bank wird jetzt schon zum dritten Mal vom Bund "gerettet". Woher also die bizarre Idee, dass der Staat, sprich: Parteipolitiker und Beamte, sich besser im Geldgeschäft auskennt als eine Privatbank?